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Stoffwechsel und ErbgutEin Schlankheitsgen lässt Menschen hager bleiben

Dünne Menschen nutzen eine Turbo-Fettverbrennung. Forscher ergründen die Prozesse im Körper und suchen jetzt nach neuen Wirkstoffen gegen Übergewicht.

Das Gewicht haben nicht alle Menschen gleich fest in der eigenen Hand. Szene an einem Badestrand.
Das Gewicht haben nicht alle Menschen gleich fest in der eigenen Hand. Szene an einem Badestrand.
Foto: plainpicture

Die einen haben einen runden Bauch, die anderen Polster auf den Hüften, und dann gibt es ab und zu Menschen, die ewig gertenschlank bleiben. Sie können essen, was sie wollen, und werden nicht dick.

Der Grund für das Schlanksein liegt in den Genen. Das hat ein internationales Team bestätigt. Aber nicht nur das, nach genauen Untersuchungen wissen die Forscher jetzt, welches Gen den Körper dazu bringt, mehr Fett zu verbrennen als normal. Sie haben das erste Schlankheitsgen gefunden und damit ein weites Feld für neue Forschungen zum Übergewicht eröffnet. Die Wissenschaftler haben die Ergebnisse kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift «Cell» veröffentlicht.

Aussergewöhnliche Datenbank aus Estland

«Bisher untersuchten die meisten Forscher, warum Menschen übergewichtig werden», sagt Josef Penninger vom Life Sciences Institute der Universität von British Columbia in Vancouver, Kanada. «Wir hingegen haben die Gewichtskontrolle einmal von der anderen Seite betrachtet», sagt der Leiter der Studie, an der auch Forscher vom Nestlé Research Center in Lausanne beteiligt waren. Das internationale Team wollte wissen, warum manch einer schlank bleibt, ohne viel dafür zu tun.

Die Lausanner Wissenschaftler haben eine aussergewöhnliche Datenbank benutzt, um den Hageren auf die Spur zu kommen. In der Biobank der Universität Tartu sind nicht nur genetische Daten von zahlreichen Einwohnern Estlands hinterlegt, sondern auch weitere Informationen festgehalten, zum Beispiel über Gewicht und Grösse der Menschen. Daraus lässt sich der Body-Mass-Index (BMI) berechnen. Das Nestlé-Team interessierte sich für Gesunde mit einem BMI unter 18, also für die Untergewichtigen. Dabei schlossen sie Menschen aus, die aus anderen Gründen dünn sind, etwa wegen Magersucht, Stoffwechselkrankheiten oder weil sie rauchen oder extrem viel Sport treiben.

Schlanke Fliegen

Die Forscher verglichen die Daten von über 47’000 unter- und normalgewichtigen Menschen. Dabei fielen mehrere Gene auf, die bei den Schlanken in einer anderen Variante vorkommen. Eines dieser Gene elektrisierte Penninger geradezu. Er kannte es gut, das sogenannte ALK-Gen. Genau auf dieses Gen war der gebürtige Österreicher gestossen, als er vor Jahren in Wien am Institut für molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie (IMBA) arbeitete. Er forschte damals an dicken Fliegen. Drosophila, denen das ALK-Gen fehlte, waren hingegen schmal und hatten geringere Fettsäure-Werte im Körper.

Auch Medizinern war das Gen bereits aufgefallen, allerdings als Krebsgen. Mehr als 20 Veränderungen in dem ALK-Gen sind bekannt, die zu Krebsarten wie Lungenkrebs oder Neuroblastom führen. Welche Funktion dieses Gen aber eigentlich im Körper hat, wussten die Forscher bis vor kurzem nicht.

Deshalb machte sich ein Mitarbeiter von Penninger daran, das Gen mithilfe von Mäusen genau zu analysieren. Michael Orthofer vom IMBA fand den Beweis, dass tatsächlich das ALK-Gen eine zentrale Rolle spielt: Mäuse, deren ALK-Gen ausgeschaltet ist, haben ein niedriges Körpergewicht. Bekommen sie fettreiche Nahrung zu fressen, die eigentlich zu Übergewicht führen müsste, sinkt sogar ihr Körperfettanteil. Der Grund dafür ist eine Turbo-Fettverbrennung. Die Tiere verbrauchen ungewöhnlich viele Kalorien im Vergleich zu ihren normalen Verwandten.

«Das Gen funktioniert wie ein Schalter, der die Fettverbrennung aktiviert.»

Josef Penninger, Universität Vancouver

Und noch etwas fand Orthofer: Das ALK-Gen ist im Gehirn aktiv, genauer im Hypothalamus, einer Region, die wichtige Körperfunktionen steuert, wie die Atmung oder die Körpertemperatur. «Das ALK-Gen funktioniert wie ein Schalter, der über verschiedenen Zwischenstufen die Fettverbrennung aktiviert», sagt Penninger. Auf einer dieser Stufen, nämlich direkt im Fettgewebe, löst das Stresshormon Noradrenalin den Fettabbau aus.

Auch bei schlanken Menschen gibt es erste Hinweise, was in ihren Körpern abläuft, sodass sie nicht zunehmen. Das Nestlé-Team um Nele Gheldof hat zusammen mit französischen und italienischen Forschern 30 dünne Frauen und Männer mit 30 Normalgewichtigen verglichen. Die Forscher wollten wissen, ob die Schlanken vielleicht weniger Fett über den Darm aufnehmen oder die Muskeln aktiver sind. Dem war nicht so.

Turbo-Fettverbrennung bei schlanken Menschen

Fündig wurden sie hingegen im Fettgewebe der Untergewichtigen. Erst einmal fanden sie dort wie bei den Mäusen erhöhte Werte des Stresshormons Noradrenalin. Zudem waren die Fettzellen der Schlanken kleiner und sie wiesen vermehrt Mitochondrien auf. Das sind Kraftwerke der Zelle, die dem Körper Energie liefern. Bei den hageren Testpersonen stammt diese Energie aus der Fettverbrennung. Sprich, auch bei den schlanken Menschen findet eine Turbo-Fettverbrennung statt. Die Wissenschaftler veröffentlichten ihre Ergebnisse im letzten Jahr in der Fachzeitschrift «American Journal of Clinical Nutrition».

Suche nach der Schlankheitspille

Penninger hat mit seinen Kollegen eine neue Tür aufgestossen, um die Prozesse zu verstehen, wie Untergewicht und Übergewicht entstehen. Ist das der erste Schritt zu einer Schlankheitspille? So einfach sei das nicht, räumt Penninger ein. «Dazu ist die Gewichtskontrolle zu komplex.» Offenbar ist das jedoch kein Grund für ihn und seine Mitarbeiter, es nicht dennoch zu probieren.

«Wir suchen derzeit gezielt nach Substanzen, die das ALK-Gen lahmlegen können», verrät Penninger. Dabei hat er erneut eine spezielle Biobank im Visier. Diesmal eine, in der die Wirkstoffe von Kräutern oder Substanzen, die in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) eingesetzt werden, hinterlegt sind. Die Hoffnung ist, dass darunter Moleküle sind, die den Schalter im Gehirn umlegen können, so wie es offenbar bei den Ewigschlanken der Fall ist.

Bis es so weit ist, müsse sich aber die Mehrheit der Menschen weiterhin mit den bekannten Ratschlägen begnügen, um schlank zu bleiben, sagt Penninger: sich gesund ernähren und sich ausreichend bewegen. Von Natur aus schlank sind nämlich nur etwa ein Prozent der Menschen.