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Sex in Corona-ZeitenEin Roboter als Gespielin

Maschinen und Puppen für intime Begegnungen werden in Corona-Zeiten verstärkt nachgefragt – und permanent weiterentwickelt. Das könnte ungeahnte Folgen für Psyche und Gesellschaft haben.

In der Werkstatt von Real Doll werden Sexpuppen von Hand hergestellt.
In der Werkstatt von Real Doll werden Sexpuppen von Hand hergestellt.
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Die chinesische Firma AI AI Tech hat angekündigt, Emma – einen Sexroboter mit neuen Features auszustatten: Sie kann künftig ihre Arme bewegen. Ihre Brust hebt und senkt sich, als würde sie atmen. Legt der Kunde seinen Kopf auf ihre Brust, hört er ihren Herzschlag und spürt ihre Körperwärme. Andere Sexroboter stöhnen lustvoll, wenn man sie berührt, zwinkern mit den Augen, machen Small Talk und bekommen sogar eine Gänsehaut. Ein Roboter der Firma DS Doll lernt gerade menschliche Mimik. Realistischere Haut, Haare, Nägel es vergeht kaum ein Monat ohne Fortschritt. War für die Computergrafik die Videospiel- und Filmbranche stets die treibende Kraft, ist es für humanoide Roboter inzwischen die Sexbranche.

Auftrieb bekommt sie durch die aktuelle Pandemie. Da die herkömmlichen Bordelle geschlossen sind, kaufen die Leute nun Sexpuppen und Roboter. Die Firma Sex Doll Genie beispielsweise gab bekannt, dass alleinstehende Männer im Vergleich zum Vorjahr 52 Prozent mehr Bestellungen aufgaben; Paare orderten 33 Prozent mehr. Dabei können lebensgrosse Puppen zwischen knapp 1000 und 10’000 Euro kosten, je nach Optionen und Materialien.

Auch Sexpuppen-Bordelle melden aktuell eine erhöhte Besucherzahl. Damit erhält die Diskussion um die Roboter und Puppen plötzlich eine neue Relevanz. Was macht es mit Menschen, wenn sie Sex mit einer Maschine haben, die einem Menschen – meist einer Pornodarstellerin – ähnlich sieht?

Weil es in vielen Ländern keine gesetzlichen Regelungen zu Einrichtungen gibt, die Sex mit Puppen oder Maschinen anbieten, breiten sich entsprechende Bordelle weltweit aus. Es gibt Sexpuppen-Bordelle in Dortmund, Wien, Toronto, Helsinki, Paris, Turin, Moskau oder Barcelona. Das Alien Cathouse, ein Bordell im US-amerikanischen Nevada, hat bereits einen KI-Sexroboter im Angebot.

In Dortmund dagegen ist das Bordell diesbezüglich zurückhaltend. «Wir verfolgen die Entwicklung der Roboter mit grossem Interesse, allerdings sind diese Produkte momentan für unser Betriebskonzept noch zu teuer, sodass es den Buchungspreis nicht rechtfertigen würde», heisst es. Letzten Endes handele es sich um einen Gebrauchsgegenstand, welcher bei zu hohem Verschleiss ausgetauscht werden müsse.

Sexroboter können auch Vergewaltigungsfantasien erfüllen

Das ist der Kern des Problems: Was für die Unternehmer ein Produkt ist, ist für Käufer mehr eine Fantasie, manchmal eine gefährliche. Es gibt Sexroboter, die wie kleine Kinder aussehen und sich wie diese verhalten. Zudem können einige Sexroboter so programmiert werden, dass sie Vergewaltigungsfantasien der Kunden erfüllen. Das US-Repräsentantenhaus hat bereits einen Gesetzesentwurf zum Verbot von Sexrobotern verabschiedet, die zu kindlich aussehen. Im Vereinigten Königreich, wo es ähnliche Gesetze gibt, beschlagnahmten die Behörden im Laufe des letzten Jahres 128 solche Kindersexpuppen, und 85 Prozent der Männer, die sie importierten, besassen auch Kinderpornografie.

Es sind solche Meldungen, die Kathleen Richardson, Professorin für Ethik an der De Montfort University, Leicester, darin bestätigen, ihre Kampagne gegen Sexroboter weiter voranzutreiben. Die britische Forscherin möchte Sexroboter komplett verbieten. Ihrer Ansicht nach stellen die Maschinen Frauen und Kinder als sexuelle Objekte dar, rauben Sexarbeiterinnen ihre Subjektivität, reduzieren die menschliche Empathie weiter und fördern Gewalt.

Neben diesen Problemen gibt es auch die Befürchtung, dass die Hersteller die Käufer über die angebliche Beziehungsfähigkeit ihrer Roboter irreführen. Die Ethikforscher Lily Frank von der Universität Eindhoven und Sven Nyholm von der Universität Utrecht fürchten, Unternehmen könnten damit die emotionale Verletzlichkeit einiger Verbraucher ausnutzen.

Seit der Pandemie haben wir viel mehr Paare, alleinstehende Frauen und auch einen Zustrom von LGBTQ-Kunden.

Louie Love, Sexpuppen-Händler Silicon Lovers

Louie Love vom Londoner Sexpuppen-Händler Silicon Lovers sagt hingegen, diejenigen, die Sexpuppen kaufen, seien sehr unterschiedlich: Sammler und Enthusiasten, Cosplayer, Fotografen, Menschen mit einem gesunden Sexleben und solche, die Angst- und Selbstvertrauensprobleme hätten. Die Liste sei sehr lang, und die Pandemie habe sie noch länger gemacht. Louie Love sagt: «Seit der Pandemie haben wir viel mehr Paare, alleinstehende Frauen und auch einen Zustrom von LGBTQ-Kunden.» Die Besitzer würden sich in der Regel eher liebevoll um die Puppen kümmern, als dass sie ihnen gegenüber Gewalttaten begingen. «Jede Woche hören wir von Kunden, wie sehr die Puppen ihr Leben verbessert hätten und ihr Selbstvertrauen stärkten.»

Deborah Johnson, Ethikprofessorin der Universität Virginia, stört an der ganzen Diskussion, dass meist davon ausgegangen werde, dass die Sexrobotik unvermeidlich sei. «Eine technologische Entwicklung ist nicht deterministisch», sagt sie. «Statt darüber zu diskutieren, wie wir mit Sexrobotern umgehen, könnten wir uns zunächst einmal die Frage stellen, ob wir sie überhaupt weiterentwickeln wollen.» Wenn die Befürworter ständig davon sprechen, dass die Roboter Menschen helfen würden, zum Beispiel mehr Selbstvertrauen zu finden, könnte man sich auch die Frage stellen, ob man diesen Mensch nicht anders helfen könnte mit menschlicher Zuwendung.

Führt sexuelle Intimität mit Robotern zu sozialer Isolation?

Die ethische Diskussion wird dadurch erschwert, dass den Wissenschaftlern noch immer Antworten selbst auf grundlegende Fragen fehlen. Zum Beispiel: Warum genau wenden sich Menschen den künstlichen Objekten zu? Werden die Roboter die gesellschaftliche Wahrnehmung von Geschlecht verändern? Könnte sexuelle Intimität mit ihnen zu grösserer sozialer Isolation führen? Könnte der Sexroboter bei der Therapie von sexuellen Funktionsstörungen hilfreich sein?

«Unsere vorläufigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Hauptgründe, warum Menschen sich mit Sexrobotern beschäftigen, Neugierde und das Erleben von Lust sind», sagt der Psychologe Simon Dubé von der McGill-Universität in Montreal. Themen wie Einsamkeit seien zwar auch ein Aspekt, schienen aber in den meisten Fällen nicht der Hauptgrund für den Kauf zu sein. Dubé sieht jedenfalls keinen Grund, die Roboter zu verbieten. «Da niemandem nachweislich Schaden zugefügt wird, wenn ein Mensch eine Beziehung mit einem künstlichen Partner eingeht, ist der Verkauf oder die Verwendung von Sexualtechnologien nicht von Natur aus unethisch», sagt er.

«Ich glaube auch nicht», so Dubé weiter, «dass Sexroboter von Natur aus frauenfeindlich sind. Sie können tatsächlich so gestaltet werden, dass sie das gesamte Spektrum der menschlichen Erotik in ihrer Vielfalt widerspiegeln.» Wenn es nach ihm geht, könnten die Roboter einen breiten Zugang zu Intimität und Sexualität bieten, in therapeutischen Bereichen eingesetzt werden, als Forschungswerkzeuge dienen und es Menschen ermöglichen, ihre Sexualität sicher zu erkunden und auszuüben.

Interaktive Sexgeschichte mit virtueller Realität in Prager Bordell

Therapeuten reagieren jedoch eher skeptisch auf die Frage, ob sie die handelsüblichen Roboter oder Puppen in ihrer Arbeit einsetzen würden. Forscher um Christiane Eichenberg von der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien haben herausgefunden, dass viele Therapeuten sich zunächst wünschen, dass die Sexroboter realistischer aussehen und nicht den typischen Porno-Look haben. Darüber hinaus sollten sie in verschiedenen Körperformen erhältlich sein, um ein realistisches und gesundes Körperbild zu fördern. Die Roboter hätten dann Potenzial für den Abbau von Stereotypen und die Förderung von Vielfalt. Die aktuellen Trends in der Sexrobotik berücksichtigen diese Möglichkeiten jedoch nicht.

Simon Dubé weist schliesslich darauf hin, dass Roboter nur eine von vielen Arten von Erotiktechnologien sind, die sich schnell entwickeln. Fortschritte etwa im Bereich der virtuellen oder erweiterten Realität führten zu intensiveren und interaktiven intimen Erfahrungen. Er sagt: «Ich denke also, wir sollten den Hype um Roboter ein wenig herunterfahren und anderen technologischen Sektoren und deren Einfluss auf die menschliche Erotik mehr Aufmerksamkeit widmen.»

In Prag gibt es bereits ein Bordell, dessen Besitzer die verschiedenen Techniken kombinieren möchte. Bislang können die Besucher ein Headset aufsetzen und in einer virtuellen Realität eine interaktive Sexgeschichte erleben. Zusätzlich können sie eine Sexpuppe benutzen. Das Bordell arbeitet jedoch schon an neuartigen Puppen, die auf die Handlung in der virtuellen Realität reagieren und so den Kunden ermöglichen sollen, die Geschichte physisch zu erleben. Besitzer Patrick Duda sagt: «Es ist unsere grosse Vision, ein vollständig robotergestütztes Erotikgeschäft zu betreiben.»