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Soundcheck aus dem Thuner «Mokka»Ein Abend mit Junkies und Scientologen

Thees Uhlmann hat den Blick für die intimen Details. Und trägt sie dann mit der grossen Geste vor.

Soundcheck aus der Café Bar Mokka mit Konzert von Thees Uhlmann
Soundcheck aus der Café Bar Mokka mit Konzert von Thees Uhlmann
Foto: Iris Andermatt

Das Absurde liegt manchmal so nah. Einige Leute besitzen die Fähigkeit, in die Gegenwart zu blicken und direkt zu benennen, was schief in der Luft hängt. Der Singer-Songwriter Thees Uhlmann hat diesen Blick auf sein Umfeld. Es ist das Erfolgsrezept seiner Songs.

Kaum hat Thees Uhlmann – ober- und unterhalb der Gürtellinie mit Jeans bekleidet – mit seinen beiden Bandkollegen die Bühne betreten, folgt seine erste Beobachtung, die die Café Bar Mokka betrifft: So eine alternative Kneipe, die sich ideologisch irgendwo zwischen Punk und Queer ansiedelt, genau dort – im Bermudadreieck zwischen Polizei, Gericht und Gefängnis – zu eröffnen, sei schon mutig. «In Thun ist der Punk noch heiss», sagt Thees Uhlmann. «Das finden wir geil!»

Dann legt das Trio «Danke für die Angst», bestehend aus dem Keyboarder Simon Frontzek und dem Gitarristen und Beat-Lieferanten Rudi Meier, los. «Ich hab fünf Jahre nicht gesungen» singt Thees Uhlmann ins Mikrofon. Die Strophe geht in hohem Tempo weiter und dreht sich um die halbe Dekade, die Schreibblockade, die den Sänger traf. Der erhobene deutsche Zeigefinger, der die Worte begleitet, verleiht dem Gesagten Authentizität. Und im Publikum bekommt man das Gefühl: Ja, so ist es ihm ergangen. Beim Refrain packt Thees Uhlmann die Gitarre, greift ein paar Akkorde und singt: «Das Leben ist kein Highway, es ist die B73.»

Es ist ein schöner Vergleich, den der Singer-Songwriter hier anstellt. Er bezieht sich auf die amerikanische Rocktradition, den Highway als das grosse Abenteuer zu besingen – etwa Tom Cochrane mit seinem Hit «Life is a Highway» tat dies. Doch ist das Leben eine Autobahn mit einem vorgegebenen Ziel? Nicht mehr als eine Raststätte hier, eine Ausfahrt dort, und alles rauscht vorbei? Im Kopf des Sängers aus Niedersachsen ist das Leben eine Bundesstrasse, es verläuft gemächlicher, man hat die Wahl, wo man anhalten will. Der Vorteil des Langsamfahrens: Mehr Details sind sichtbar – lustige, unterhaltende Details, aber auch solche, die schmerzen.

Ja, dieser erste Song hat bereits viel verraten, was das Publikum an diesem Abend erwarten darf. Es sind Lieder aus dem Leben, poetisch und klug, angereichert mit einer Menge Wortwitz. Gleich die ersten sechs lassen sich auf dem letztjährigen Album «Junkies und Scientologen» finden. Das Publikum scheint nichts dagegen zu haben, singt bei einigen Songs mit, und die Band ist bestens gelaunt. Klar ist: Das Album ist grossartig geworden, brauchte Phasen der Unsicherheit und insgesamt sechs Jahre. Festgehalten sind intime Beobachtungen, vorgetragen mit einer raumgreifenden Geste. Diese Diskrepanz beeindruckt.

Thees Uhlmann unterstreicht seine Texte mit dem erhobenen Zeigefinger.
Thees Uhlmann unterstreicht seine Texte mit dem erhobenen Zeigefinger.
Foto: Iris Andermatt

Zwischen den Songs erzählt Thees Uhlmann Geschichten aus dem Leben eines Musikers, der bereits in den 1990er-Jahren eine Grösse in der deutschen Szene war. Er ist ein so packender Geschichtenerzähler, dass er das Buch, das er über die Toten Hosen geschrieben hat und aus dem er am Sonntagabend eigentlich vorlesen wollte, gar nicht zur Hand nimmt. Dafür erfahren wir ungefilterte Erinnerungen an die Platinverleihung der Toten Hosen, die nach Unmengen von Champagner so endete, dass Thees Uhlmann einen Tag später ausgedrückte Zigaretten aus dem Aschenbecher fischte und versuchte, diese wieder anzuzünden.

Der Sänger macht im Anschluss Ausflüge zu seiner Zeit bei der Band Tomte, singt ein Lied seiner Labelfreunde Kettcar und wagt sich an ein Cover der Toten Hosen. «Liebeslied» sei eines der besten Lieder, das jemals auf Deutsch getextet wurde, sagt er. Thees Uhlmann muss es wissen.