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«Sofagate»-Affäre in AnkaraDraghi bezeichnet Erdogan als «Diktator»

Italiens Regierungschef übt scharfe Kritik am Umgang des türkischen Präsidenten mit Ursula von der Leyen. Die Türkei bestellte aus Protest den italienischen Botschafter ein.

Italiens Regierungschef Mario Draghi hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als «Diktator» bezeichnet. (3. Februar 2021)
Italiens Regierungschef Mario Draghi hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als «Diktator» bezeichnet. (3. Februar 2021)
Foto: Roberto Monaldo (Getty Images)

Zwischen Italien und der Türkei ist es zu diplomatischen Spannungen gekommen, nachdem der italienische Ministerpräsident Mario Draghi den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan als einen «Diktator» bezeichnet hat. Anlass der Äusserung war die Debatte um die Sitzordnung beim Besuch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei Erdogan am Dienstag.

Die Türkei bestellte aus Protest den italienischen Botschafter ein, wie das türkische Aussenministerium am späten Donnerstagabend mitteilte. Man erwarte, dass Draghi die Äusserungen zurücknehme und habe dies deutlich gemacht, hiess es. Aussenminister Mevlüt Cavusoglu schrieb auf Twitter, er verurteile Draghis «hässliche und masslose Äusserungen» aufs Schärfste.

«Das war ein Verhalten, das mir sehr wegen der Demütigung missfallen hat»

Mario Draghi

Italiens Premier hatte sich am Donnerstagabend vor der Presse in Rom zu dem Besuch von Kommissionschefin von der Leyen und des EU-Ratspräsidenten Charles Michel bei Erdogan geäussert. Von der Leyen hatte dabei am Dienstag keinen Stuhl bekommen, sondern sass etwas abseits auf einem Sofa. «Das war ein Verhalten, das mir sehr wegen der Demütigung missfallen hat, die die Präsidentin der EU-Kommission von der Leyen erleiden musste», sagte der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Man müsse mit «diesen, nennen wir sie (...) Diktatoren» eine klare Sprache sprechen und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen zum Ausdruck bringen. Man müsse aber auch bereit sein, mit ihnen im Interesse des Landes zu kooperieren. Es brauche das richtige Gleichgewicht, sagte Draghi.

Die Wahl des Wortes Diktator sorgte sofort danach in italienischen Medien für Schlagzeilen. Auch die Türkei reagierte umgehend.

In der Diskussion um die Sitzordnung beim EU-Türkei-Treffen in Ankara hat sich die Türkei bereits am Donnerstag gegen Vorwürfe aus Brüssel verteidigt. Es habe «ungerechte Anschuldigungen gegenüber der Türkei gegeben», sagte Aussenminister Cavusoglu. «Es wurde entsprechend der Anregungen der EU-Seite so eine Sitzordnung aufgestellt.»

SDA

85 Kommentare
    Bernhard Brecht

    Wenn man seine eigenen Grenzen nicht mehr schützen kann (oder will), wie dies bei der EU der Fall ist, wird das von anderen Ländern nicht nur als Indiz für Schwäche betrachtet, sondern man ist im Verhältnis zu den Anrainer-, Durchreise- und Ursprungsländern der (zumindest von den meisten Bürgern) ungewollten Migration erpressbar. Die Türkei hat mit dem Sofagate unmissverständlich und ohne Zweifel bewusst (Erdogan und die Türkei sind hinsichtlich Nationalstolz und Achtung der Würde im diplomatischen Bereich und generell durchaus sensibel eingestellt) diese Geringschätzung und die fehlende Achtung zum Ausdruck gebracht. Frau von der Leyen darf 2.5 Stunden auf dem Sofa in der Ecke sitzen und nachher gleich die Banküberweisung der nächsten Millionen auslösen. Wer das nicht gut findet, kann sich ja (falls EU-Bürger) bei den nächsten Wahlen überlegen, welche Grenzsicherungspolitik sie/er mit dem Stimmzettel unterstützen möchte.