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Analyse zur Tennis-RevolutionDjokovics verzweifelter Schrei nach Liebe

Mit der Gründung einer neuen Spielervereinigung spaltet der Serbe das Tennis, statt es zu vereinen. Seine Motive sind primär persönlicher Natur.

Auf dem Court die unbestrittene Nummer 1, daneben eine streitbare Persönlichkeit: Der Serbe Novak Djokovic.
Auf dem Court die unbestrittene Nummer 1, daneben eine streitbare Persönlichkeit: Der Serbe Novak Djokovic.
Foto: Keystone

Eines muss man Novak Djokovic lassen: In Zeiten, da in der Tenniswelt jeder sein eigenes Süppchen kocht, schaffte er es, die grossen Player zu vereinen. Mit seiner Ankündigung der Gründung einer eigenständigen Spielervereinigung, der Professional Tennis Players Association (PTPA), provozierte er ein gemeinsames Statement von Männer- und Frauentour (ATP, WTA), des Internationalen Tennisverbands (ITF) und der vier Grand Slams: Sie verurteilten sein Vorgehen aufs Schärfste und betonten, jetzt sei es Zeit für eine «weiterreichende Zusammenarbeit». Was sie, wenn ihr nächster Interessenkonflikt ansteht, aber wohl schon wieder vergessen haben dürften.

Es gärt schon länger unter den Spielern, und die Corona-Pause hat die Unzufriedenheit verstärkt. Djokovic nahm diese nun auf, gemeinsam mit dem Kanadier Vasek Pospisil. Jener hatte vor exakt einem Jahr am US Open medienwirksam eine Petition lanciert, gemäss der die Spieler von den Grand Slams und den ATP-Turnieren eine prozentuale Umsatzbeteiligung forderten. Denn derweil etwa in der National Hockey League gegen 50 Prozent des Umsatzes an die Spieler fliessen würden, seien es im Tennis lediglich rund 14 Prozent. Allerdings ist seine Rechnung nur bei den Grand Slams mehr oder weniger zutreffend.

Federer und Nadal brüskiert

Die Gründung einer neuen Spielergewerkschaft wie in den US-Profisportarten, die auf Augenhöhe mit den Veranstaltern (oder Ligen) verhandelt, war schon damals ein Thema. In Djokovic hat Pospisil nun eine prominente Figur gefunden, die ihm bei der Verwirklichung hilft. Die beiden und der Amerikaner John Isner sind Knall auf Fall aus dem Spielerrat ausgetreten, den Djokovic ja präsidiert hatte. Damit brüskierte der Serbe auch Roger Federer und Rafael Nadal, die im August 2019 in jenes Gremium zurückgekehrt waren, um ihm im Nachgang des Sturzes des vormaligen ATP-Chefs Chris Kermode auf die Finger zu schauen.

Die Replik der verbliebenen Mitglieder des Spielerrats an Djokovic und Co. war am Wochenende entsprechend scharf. Die neue Vereinigung und die ATP könnten nicht parallel funktionieren, hielten sie fest. Und sie stellten auch die Frage: Wer kommt für den Schaden auf, den Djokovic mit dem Anzetteln dieser Tennis-Revolution anrichten könnte? Mitunterzeichnet wurde das Schreiben von Sam Querrey, der damals noch im Spielerrat sass. Inzwischen hat auch dieser, gut befreundet mit Isner, die Seiten gewechselt. Anstatt gemeinsam ihre Anliegen zu vertreten, sind die Spieler damit fürs Erste tief gespalten. Das Ganze läuft auf einen Machtkampf hinaus zwischen den Rebellen Djokovic und Pospisil auf der einen, Federer und Nadal auf der anderen Seite.

Djokovic war, wie man hinter den Kulissen hört, offenbar frustriert, dass er als Präsident der Spielervereinigung zu wenig hatte bewirken können. Mit seinem Ansinnen einer prozentualen Ausschüttung des Umsatzes der Turniere an die Spieler drang er nicht durch. Und auch seine jüngste Forderung, die ATP-Spitze um den neuen Präsidenten Andrea Gaudenzi müsse während der Corona-Pause auf ihren Lohn verzichten, konnte er nicht durchsetzen.

Die ATP ist eine Erfolgsstory

Das kann allerdings nicht erstaunen. Denn die ATP, die Association of Tennis Professionals, ist ja, anders als ihr Name suggeriert, nicht die Spielergewerkschaft, sondern die Standesorganisation im Männertennis, die alles regelt. In dessen Aufsichtsrat sitzen je drei Vertreter der Turniere und der Spieler, den Stichentscheid hat Chairman Gaudenzi. Für Djokovic wird die ATP zu sehr von den Turnieren bestimmt. Doch Fakt ist: Die Tennis-Männertour war in den vergangenen 30 Jahren eine Erfolgsgeschichte. Und die Spieler konnten ihre Bedingungen graduell verbessern. Etwa, was ihre Pensionskasse angeht. Zudem sind die Preisgelder kontinuierlich gestiegen.

Das Problem ist nicht die Gesamtsumme, die ausgeschüttet wird, es ist die Verteilung. Nur die Top 100 haben ein gutes Auskommen, die Spieler dahinter müssen jeden Dollar umdrehen. Hier müsste noch konsequenter angesetzt werden. Diese Problematik hat sich jüngst weiter verschärft, weil mehrere Events aus dem Boden geschossen sind (Laver-Cup, ATP-Cup, der neue Davis-Cup), welche die Stars mit horrenden Antrittsgagen locken. Und die anderen bleiben auf der Strecke. Auch auf Stufe der Turniere hat sich die Schere noch mehr aufgetan: Derweil die Grand Slams immer noch reicher werden, kämpfen die mittelgrossen und kleineren Turniere ums Überleben.

Bitte alle an einen Tisch!

Es wäre an der Zeit, dass sich die Stakeholder alle an einen Tisch setzen und eine Gesamtstrategie entwickeln fürs Tennis. Dass sie einen Kalender kreieren, bei dem sich ähnliche Events wie das Davis-Cup-Finalturnier und der ATP-Cup nicht konkurrenzieren. Und sie sollten überlegen, wie der Unterbau nachhaltig gestärkt werden könnte. Möglicherweise sind Federer und Nadal, die dem Männertennis in den letzten 15 Jahren zu enormer Popularität verholfen haben, nicht (mehr) die Richtigen, um das Tennis auf Spielerseite in die Zukunft zu führen. Sie beide verfolgen auch wirtschaftliche Eigeninteressen. Doch Djokovic ist es definitiv auch nicht. Er ist kein verlässlicher Partner. Das sah man nur schon bei seiner Adria-Tour, die ins Desaster mündete.

Zudem ist die Motivation des Serben zu hinterfragen. Sein Aktionismus in New York mutet an wie eine Trotzreaktion, getrieben von persönlichen Motiven. Stünde für ihn das Wohl der Spieler im Vordergrund, hätte er Federer und Nadal in seine Pläne involviert und nicht in ihrer Abwesenheit einen Putsch orchestriert. Djokovic leidet darunter, dass er nie die Popularität seiner beiden Rivalen erreichen wird. Egal, wie viele Grand-Slam-Titel er noch erringt. Sein Gang in die Opposition ist ein verzweifelter Schrei nach Liebe.