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Die dunkle Seite des Internets boomt

Drogen oder gefälschte Kreditkarten kann man bequem online shoppen: auf dem Schwarzmarkt im Darknet. Der Bieler Journalist Otto Hostettler hat es getestet und seine Erfahrungen in einem Buch publiziert.

Interview: Lucie Machac
«Anbieter von rezeptpflichtigen Medikamenten ­kassieren im Darknet Margen zwischen 200 und 1300 Prozent», weiss Otto Hostettler, Journalist beim «Beobachter».
«Anbieter von rezeptpflichtigen Medikamenten ­kassieren im Darknet Margen zwischen 200 und 1300 Prozent», weiss Otto Hostettler, Journalist beim «Beobachter».

Herr Hostettler, können Sie in drei Sätzen erklären, wie das Darknet funktioniert?Otto Hostettler: Das Darknet ist ein abgeschotteter Raum im Internet. Um dort hineinzugelangen, muss man allerdings lediglich einen Torbrowser installieren, den man ganz einfach im Internet herunterladen kann. Der grosse Vorteil des Darknet ist, dass man anonym surfen kann. Man hinterlässt dort keine Datenspuren.

Klingt nach einem Eldorado für Kriminelle. Nicht nur. Der Torbrowser wird auch von Aktivisten genutzt, die in ihrem Land gefährdet sind, wenn sie sich im offenen Internet äussern. Oder von Menschen, die sich im offenen Internet bewegen und nicht wollen, dass Konzerne wie Google ihre Daten sammeln. Aber klar, in den letzten Jahren ist im Darknet eine regelrechte Parallelwirtschaft mit einer Vielzahl von illegalen Marktplätzen entstanden.

Wie muss man sich diese vorstellen? Wie ganz normale Onlineshops. Sie sind genauso professionell organisiert und deren Websites ähnlich aufgebaut wie zum Beispiel Amazon, Zalando oder Ricardo. Der Marktführer im Dark­net ist derzeit Alpha Bay. Der Shop führt über 300'000 Artikel, die man online bestellen kann.

Sie meinen, ich kann bequem vom Sofa aus Drogen, gefälschte Kreditkarten oder gestohlene Waffen shoppen? Ja, im Prinzip alle erdenklichen illegalen Waren und vor allem auch Dienstleistungen. Ich habe zum Beispiel bei einem Hacker eine Offerte eingeholt, ob er mir die E-Mail-Zugangsdaten eines Nationalrats beschaffen kann. Die Antwort kam nach wenigen Stunden: Für 150 Dollar könne er mir ein Gesamtpaket liefern, inklusive Social-Media-Passwörtern. Kriminelle können sich im Darknet Hacking-Software besorgen, um zum Beispiel Firmen zu erpressen. Man kann problemlos E-Mail-Bomben kaufen, die Konten lahmlegen, oder gestohlene Pässe bestellen...

In den Medien liest man oft, dass man im Darknet Auftragsmorde oder -vergewaltigungen kaufen kann. Sind das typische Angebote? Solche abgründigen Dienstleistungen findet man dort tatsächlich, es sind jedoch klar Nischenangebote. Und viele davon werden fake sein.

Was shoppen Darknet-Kunden am häufigsten? Am meisten werden Drogen und rezeptpflichtige Medikamente angeboten. Cannabis, Kokain, Crystal Meth, Psychopharmaka oder auch Anabolika.

Drogen und Waffen kann man prinzipiell auch im offenen Internet kaufen. Was ist der Vorteil im Darknet? Wenn man im offenen Internet ­illegale Sachen anbietet, ist der Aufwand riesig, sich zu verstecken. Im anonymen Darknet ist es ein Leichtes. Man muss dort auch nicht lange suchen, weil alles sehr übersichtlich in einem Laden zusammengestellt ist. Wie Onlineshops im Internet sind die Darknet-Marktplätze nach Sparten geordnet: Betrug, Drogen, Hacking, Waffen und so weiter. Diese Sparten sind in Unterkategorien eingeteilt, sodass man relativ effizient einkaufen kann.

Sie haben recherchiert, dass sich die illegalen Angebote ­innerhalb des letzten Jahres fast vervierfacht haben. Wo orten Sie die Gründe für dieses immense Wachstum? Offenbar haben sich diese Onlineshops im Darknet herumgesprochen, und die Funktionalität hat sich bewährt. Wer dort etwas verkaufen will, meldet sich einfach bei einem der Onlineshops als Händler an. Das funktioniert ähnlich, wie wenn man bei Ricardo seinen alten Schreibtisch loswerden will. Man registriert sich mit einem Pseudonym, zahlt eine Anmeldegebühr, lädt Bilder und eine Beschreibung der Ware hoch. Beim Verkauf der Ware geht ein kleiner Prozentsatz des Verkaufspreises an die Betreiber des Onlineshops. Fertig.

Wer sind die Betreiber der Onlineshops? Das weiss ich nicht. Als Kunde weiss man ja nicht einmal, wer der Händler ist, der einem die Ware verkauft, weil alles anonym abläuft. Ich gehe davon aus, dass nicht einmal versierte Experten genau wissen, wer oder welche Gruppen sich hinter den illegalen Onlineshops verbergen. Sonst wären die Plattformen von den Ermittlern längst lahmgelegt.

Sie haben das Darknet als Kunde getestet und Drogen sowie rezeptpflichtige Medikamente gekauft. War das gefährlich? Überhaupt nicht. Ehrlich gesagt, ist Shoppen im Darknet genauso simpel wie Einkaufen bei Amazon. Das Einzige, was man zusätzlich braucht, ist ein elektronisches Portemonnaie, ein Wallet, das man mit Bitcoins füllt, dem elektronischen Zahlungsmittel im Darknet. Bitcoins kann man legal an jedem SBB-Automaten oder auf Online-Bitcoin-Börsen kaufen und aufs Handy laden.

Haben Sie sich die Drogen nach Hause liefern lassen? Ja, die Lieferungen klappten tadellos. Möchte man vollständig anonym bleiben, kann man am Briefkasten vorübergehend auch einen Fantasienamen aufkleben. Oder ein Postfach angeben. Praktisch alle Testbestellungen trafen bei mir schon nach wenigen Tagen ein. Die Medikamente waren meist in DVD-Hüllen und in luftgepolsterte Couverts verpackt. Manche Händler in der Schweiz geben sogar an, die Ware am nächsten Tag zu liefern, wenn die Bestellung bis 16 Uhr erfolgt.

Das ist absurd, so viel Seriosität in einem dubiosen Netzwerk! Auf den ersten Blick ja. Aber eigentlich ist es nichts als logisch, dass im Darknet dieselben Marktregeln gelten wie sonst auch. Die Abläufe sind inzwischen extrem professionalisiert, der Kundenservice wird grossgeschrieben, weil die Konkurrenz in den Onlineshops riesig ist.

Wie können Sie sicher sein, dass Sie Ihre Bitcoins nicht an einen Betrüger schicken? Auch das ist sehr kundenfreundlich gelöst. Man zahlt den Bit­coinbetrag auf ein Sperrkonto ein, die Transaktion wird vom Kunden erst ausgelöst, wenn die Ware geliefert wurde. In zwei Fällen, in denen meine Ware nicht geliefert werden konnte, haben mir die Händler die Bitcoins anstandslos zurückerstattet. Die Onlineshops haben strenge Richtlinien für solche Fälle. Klar gibt es auch Betrüger, genauso wie im normalen Leben auch. Aber wenn im Darknet ein Händler betrügt, wird er schnell entlarvt.

Wie denn? Durch Kundenfeedbacks. Bei jeder Bestellung kann man angeben, ob man mit der Lieferung zufrieden war. Die Händler werden auch von den Onlineshop-Betreibern bewertet, und man sieht dank einem eingeblendeten Rating, wie vertrauenswürdig der Händler ist. Negative Kundenerfahrungen machen in den Foren schnell die Runde, und der Händler kann sein Business schliessen.

War die Ware, die Sie erhalten haben, tatsächlich echt? Ich habe die Medikamente nicht im Labor testen lassen. Der Aufwand wäre zu gross gewesen, und diese Analyse stand nicht in meinem Fokus. Die Mehrzahl meiner Bestellungen kam in der originalen Primärverpackung an, oder die Händler gaben an, dass ihre Ware zum Beispiel von Novartis Türkei stammt. Die Verpackungen werden aber bekanntlich auch gefälscht. Ich gehe davon aus, dass es sich um Medikamente handelt, die aus der Produktion abgezweigt wurden, oder um gefälschte Produkte.

Wie gross ist dieser Darknetmarkt? Das lässt sich schwer sagen. Interpol schätzt den weltweiten jährlichen Umsatz des illegalen Medikamentenhandels auf über 400 Milliarden Dollar. Wie viel davon im Darknet umgesetzt wird, ist nicht bekannt, wahrscheinlich erst ein kleiner Anteil. Allerdings wächst dieser Markt rasant: Beim Marktführer Alpha Bay hat sich das Angebot seit Oktober 2015 sage und schreibe mehr als verdreizehnfacht. Und ich gehe davon aus, dass sich der Medikamentenschwarzmarkt künftig noch stärker ins Darknet verlagern wird.

Weshalb? Weil man dort einerseits relativ sicher mit Medikamenten handeln kann. Andererseits wurde mir bei den Testkäufen schnell klar, dass die Margen gigantisch sind. Anbieter von rezeptpflich­tigen Medikamenten kassieren Margen zwischen 200 und 1300 Prozent.

In Ihrem Buch monieren Sie, dass die Schweizer Strafverfolgungsbehörden das Darknet überhaupt nicht auf dem Radar haben. Woran liegt das? Das grösste Problem ist in meinen Augen das fehlende Know-how. Viele Polizisten und Staatsanwälte haben schlicht keine ­Ahnung, was sich hinter dem Begriff Darknet verbirgt. In der Schweiz gibt es gerade mal ein paar Dutzend Fahnder, die wissen, welche Möglichkeiten das Darknet Kriminellen konkret bietet. Damit sie dort jedoch überhaupt aktiv werden, braucht es einen Tatverdacht im realen Leben.

Es gibt also keine offizielle Stelle, die sich explizit mit der Kriminalität im Darknet befasst? Nein. Aber es gibt natürlich Experten und Behörden, die sich mit Cybercrime beschäftigen, wobei hier der Fokus auf Phishing- und Hackerattacken und Kinderpornografie liegt. Gleichzeitig sind die entsprechenden Behörden chronisch unterbesetzt. Die Koordinationsstelle für Internetkriminalität Kobik verfügt gerade mal über ein Dutzend Stellen, die sich mit Tausenden von Meldungen zu Cybercrime befassen müssen. Klar, dass sich da niemand eingehend mit dem Darknet auseinandersetzen kann.

Mit anderen Worten: Händler und Kunden können sich weiterhin entspannen? Sie haben nicht viel zu befürchten. Bisher gab es nur ein paar wenige Fälle im Darknet, die in der Schweiz zu Strafverfahren geführt haben. Das Darknet ist ein grosses neues kriminalistisches Phänomen, dem Behörden mit ihrem Wissen massiv hinterherhinken.

Otto Hostettler: Darknet. Die Schattenwelt des Internets. 205 Seiten. Verlag NZZ Libro.

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