#NoGauck

Er bezeichnete die Occupy-Bewegung als «unsäglich albern», Thilo Sarrazin stellte er als «mutig» dar. Im Netz sorgen Joachim Gaucks Zitate für rote Köpfe. Die Empörung ist aber auch tendenziös.

Muss viel im Web einstecken: Joachim Gauck.

Muss viel im Web einstecken: Joachim Gauck.

(Bild: AFP)

Joachim Gauck soll neuer deutscher Bundespräsident werden. Das passt der Netzgemeinde aber ganz und gar nicht. Kaum nominiert, formiert sich im Internet der Widerstand gegen den baldigen Nachfolger von Christian Wulff. Und das auf eine ziemlich undifferenzierte Art und Weise. Seit Sonntag sind auf Twitter besonders kritische Kommentare zu lesen. Unter Suchbegriffen (Hashtags) wie #NoGauck oder #NotmyPresident machen die User ihrem Unmut über Gaucks Nominierung Luft.

Netz ärgert sich über Aussagen Gaucks

Warum? Anlass des Onlinegemeckers sind Gaucks Äusserungen in früheren Interviews. So bezeichnete Gauck Thilo Sarrazin in einem Interview als «mutig», was die User eines künftigen Bundespräsidenten als unwürdig erachten. Aber auch Gaucks Äusserungen zur Occupy-Bewegung werden auf Twitter auffallend oft zitiert. Der 72-Jährige bezeichnete den Protest einst als «unsäglich albern» und prophezeite, dass dieser «schnell verebben» würde. Diese Aussagen sorgen für Empörung unter den Usern. «Bitte helft jetzt alle mit, den neoliberalen Hetzer Gauck zu verhindern», heisst es beispielsweise auf Twitter.

Im Netz gerät Gauck aber auch wegen einer Äusserung über die umstrittene Vorratsdatenspeicherung (VDS) in Ungnade. Geht es nach dem Willen der EU, darf jede E-Mail-Verbindung, jede Suche im Internet, jede gewählte Telefonnummer vom Staat gesammelt werden, damit die Polizei schlagkräftiger wird. An einer Podiumsdiskussion im Jahr 2010 soll Gauck gesagt haben, dass er Deutschland trotz Vorratsdatenspeicherung nicht auf dem Weg zu einem Spitzelstaat sehe. Netzaktivisten sehen Gauck nun als Befürworter des von ihnen verhassten Projektes.

«Verwulfft und nun vergauckelt»

Das Echo auf Twitter hört sich dann stellvertretend so an: «Gauck ist für VDS, findet die Überwachung der Linken gut, äusserte sich abfällig über Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!» Und einer bringt seine Befindlichkeit bei einer Nominierung Gaucks besonders kreativ zum Ausdruck: «Verkohlt, geschrödert, ausgemerkelt, verköhlert, verwulfft und nun vergauckelt.»

Die Piratenpartei, sie lehnt einige Positionen Gaucks strikt ab, listet derzeit alle Quellen und umstrittenen Aussagen von Gauck auf. Ebenfalls organisiert geht der Berliner Blog Metronaut vor. Die Blogger sammeln «Gute Gründe gegen Gauck» und schreiben: «Wenn also am 18. März der ‹Bundespräsident der Nationalen Einheit› mit überwältigender Mehrheit gewählt wird, dann wird es einer sein, der vom Sozialstaat nicht viel hält, der in warmen Worten die Eigenverantwortung des Einzelnen in den Vordergrund stellt, Kritik am Kapitalismus für albern hält, Hartz IV und Afghanistan-Krieg gutheisst, die Vorratsdatenspeicherung befürwortet.»

Was Gauck wirklich gesagt hat

Gauck steht also in der Kritik. Man muss allerdings erwähnen, dass die von der verärgerten Twitter-Gemeinde genutzten Zitate teilweise in stark verkürzter Form gegen Gauck verwendet werden. Liest man die Interviews im Originaltext, wirken die Zitate oftmals weniger eindeutig, als von den Netzaktivisten dargestellt. Das Politmagazin «Cicero» widmet sich im aktuellen Beitrag «Wie das Netz den bösen Gauck erfand» zur gegenwärtigen Stimmungsmache im Netz: «Die Mär vom bösen Gauck ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus journalistischer Verkürzung und der rasenden Schnelligkeit des Netzes eine Welle wird.» Auch die «Süddeutsche Zeitung» beschäftigt sich mit dem Phänomen. Was Gauck wirklich gesagt hat, sei weniger schlimm, so das Fazit.

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