«Facebook & Co. bestärken die eigene Sicht der Dinge»

Antisemitische Kommentare, Fotos von Opfern: Der Gaza-Konflikt eskaliert auch online. Feindselige Haltungen würden durch soziale Netzwerke tendenziell verstärkt, sagt Matthias Hofer, Medienpsychologe an der Uni Zürich.

In den sozialen Medien werden Meinungen oft nicht ausgetauscht, sondern zementiert.

In den sozialen Medien werden Meinungen oft nicht ausgetauscht, sondern zementiert.

(Bild: Screenshot)

Lucie Machac@liluscha

Herr Hofer, sind Fotos und Kommentare, die in den sozialen Netzwerken zum Gaza-Konflikt gepostet werden, eine neue Art von Kriegspropaganda? Matthias Hofer: Durchaus. Wenn Israelis oder Palästinenser Beweisfotos von Toten oder zerstörten Häusern und Kommentare posten, dann stellen sie jeweils nur die eigene Seite dar. Die Informationen sind einseitig und tendenziös. Das ist aber auf Social Media der Normalfall. Die meisten verbreiten nur Meinungen, die ihren Werten und Sichtweisen entsprechen.

Aber Posts von Betroffenen sind authentischer als Propaganda von einem offiziellen Organ. Authentisch ja, aber sie fördern vor allem den Zusammenhalt in einer Gruppe Gleichgesinnter.

Was bedeutet das für den Konflikt? Einer Entspannung des Gaza-Konflikts sind Social Media nicht unbedingt zuträglich. Sie verstärken die feindselige Haltung eher, weil sich beide Seiten gegenseitig möglichst negativ darstellen und die Schuld für Tote jeweils den anderen in die Schuhe schieben.

Aussenstehenden helfen Social Media bei der Meinungsbildung also nicht weiter? Überhaupt nicht. Als interessierter Schweizer Nutzer müsste man aktiv auf Social Media andere Meinungen suchen, um sich eine möglichst objektive Meinung zu bilden. Das tun aber die wenigsten. Auf Social Media suchen wir uns «Freunde», die ähnliche Einstellungen haben wie wir. Es ist sogar so, dass wir uns dort mehr abkapseln als im normalen Alltag.

Weshalb? Im realen Leben stossen wir immer wieder auf Andersdenkende, etwa bei einem Abendessen oder am Arbeitsplatz. Auf Facebook posten, lesen und leiten wir an andere nur das weiter, was unsere Haltung bestätigt, Gegenteiliges filtern wir. Deshalb gibt es auf Social Media kaum einen Meinungsaustausch. Sie nützen in erster Linie der eigenen Meinungsbestärkung. Und Facebook und Co. nehmen für uns eh eine Vorselektion der Informationen vor.

Eine Vorselektion? Sie schneiden Inhalte, die wir sehen, möglichst passend auf unsere Interessen zu, indem sie Daten über uns sammeln. Wenn sich ein Nutzer zum Beispiel für die Pro-Israeli-Seite interessiert, schaut er bestimmte Foren und Seiten auf Facebook an. Das merkt das System beziehungsweise der entsprechende Algorithmus, und deshalb werden Facebook und Co. dem Nutzer künftig vermehrt proisraelische Inhalte zeigen oder diese priorisieren. Meinungen werden auf Social Media entsprechend zementiert, wenn nicht sogar polarisiert, weil man sich in seinem Meinungslager mit den immer gleichen Informationen gegenseitig bestärkt.

Im Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt haben in der Schweiz jüngst viele Social-Media-Nutzer antisemitische Kommentare gepostet. Nutzer nehmen oft gar nicht wahr, dass sie sich öffentlich äussern. Auch nicht, wenn sie antisemitische, rassistische oder beleidigende Kommentare innerhalb ihrer Facebook-Gruppe posten. Weil sie dort von so viel Zustimmung umgeben sind, dass sie sich auf der sicheren Seite fühlen. Aber auch der sogenannte unrealistische Optimismus spielt eine Rolle.

Das heisst? Wir gehen generell davon aus, dass Negatives anderen passiert, uns selber aber nicht. Wir wiegen uns in falscher Sicherheit. Auf die Kommentare übertragen heisst das: Die eigene rassistische Äusserung wird sicher nicht von der Öffentlichkeit «entdeckt», so etwas kommt nur in anderen Gruppen vor.

Meist werden rassistische Äusserungen aber nicht geahndet. Anfang August hat der Schweizerische Israelitische Gemeindebund 15 Muslime wegen Verstoss gegen das Antirassismusgesetz angezeigt, die sich auf Facebook mit vollem Namen antisemitisch geäussert haben. Viele verstehen das Internet immer noch als rechtsfreien Raum. Und es ist tatsächlich auch so, dass nur die wenigsten juristische Konsequenzen fürchten müssen.

Sind Social Media ein Ventil für Frust, Hass und Wut? Die Hürde ist online jedenfalls viel kleiner als im realen Leben. Man muss beim Schreiben niemandem in die Augen sehen. Man muss auch nicht als Person auftreten. Keiner der Kommentatoren würde im Bus wohl aufstehen und vor 20 Passagieren rassistische Äusserungen hinausposaunen. Aber er tut es unbekümmert vor einem Millionenpublikum im Internet. Viele gehen davon aus, dass es dort keine grosse Wirkung hat. Wenn sie den Browser schliessen, ist der Kommentar quasi weg. Und dabei vergessen sie, dass die Äusserung bereits weltweit auf Servern gespeichert wurde.

Manche spielen sich auch als moralische Instanzen auf. Es gibt sehr viel moralische Empörung, die wieder andere moralische Werte verletzt. Wir verhalten uns widersprüchlich. Tendenziell geht jeder davon aus, dass die eigene Meinung immer die richtige ist. Deshalb können wir uns zum Beispiel über die Publikation von Leichenbildern nach dem Flugzeugabschuss in der Ukraine echauffieren, und gleichzeitig stört es unser moralisches Gewissen kein bisschen, dass wir selber Ehrbeleidigungen oder Drohungen aussprechen...

...oder Hetzkampagnen gegen Politiker anzetteln. Kürzlich wurde der Tessiner Regierungspräsident Manuele Bertoli zu Selbstmord aufgerufen, andere Politiker werden brutal beschimpft. Nimmt dieser Trend zu? Social Media bieten sicher eine geeignete Plattform. Der Wutbürger kann dort gegen jemanden wettern, dem er schon lange seine Meinung sagen wollte. Und endlich bekommt es auch die Öffentlichkeit mit. Gleichzeitig vergisst er, dass es tatsächlich jemand liest.

Werden Gewaltandrohungen und Rassismus dank Social Media salonfähig? Ich denke nicht. Es gibt dazu aber noch keine Studien. Ich glaube, wir werden immer einen Unterschied zwischen der Online- und Offlinewelt machen.

Was macht Sie da so optimistisch? Man fühlt sich in der Onlinewelt sicherer, weil man sie jederzeit per Knopfdruck ausschalten kann. In der realen Welt müssen wir für unsere Handlungen und Meinungen geradestehen. Es ist uns bewusst, dass juristische Konsequenzen drohen. Wir haben auch moralische, soziale oder familiäre Schranken. Deshalb halte ich einen generellen Übertragungseffekt auf die Gesellschaft für unwahrscheinlich.

Berner Zeitung

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