Diese Netzwerke sägen an Facebooks Ast

Drei Beispiele für Onlinedienste, die dabei sind, Facebook das Wasser abzugraben. Sie führen vor Augen, wo die Schwächen des sozialen Netzwerks liegen.

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Jan Rothenberger@janro

Gemäss einer Umfrage steht es nicht gut um unsere nachbarschaftlichen Beziehungen: Ein Drittel von 2000 befragten Briten gab an, die Nachbarn bei einer Gegenüberstellung wohl nicht identifizieren zu können. Das soziale Netzwerk Facebook prägt heute mit, wie wir unser Umfeld sehen und pflegen. Es gilt: viele Freunde, aber auch viel Unverbindlichkeit. Als kürzlich der Rentner Chuck Totten in der US-Stadt Columbus via Social Media nach Unterstützung fragte, blieb diese zunächst aus. Totten kämpfte mit einer Überflutung im Keller und brauchte Unterstützung dabei, seine Sachen in Sicherheit zu bringen. Schnelle Hilfe kam nicht via Twitter oder Facebook, sondern über Nextdoor. Das soziale Netzwerk für Nachbarschaften will Bewohner eines Quartiers näher zusammenbringen – als eine Art schwarzes Brett online. Der Onlinedienst macht in den USA Furore.

Nachbarn zu Freunden machen

2011 in San Francisco gestartet, hat Nextdoorbereits in 25 Prozent der US-amerikanischen Wohnviertel Fuss gefasst. Das Prinzip der Plattform ist einfach: Wer sich bei Nextdoor anmeldet, muss dies mit seinem echten Namen tun und nachweisen, dass er in einem bestimmten Viertel wohnt. So führt die Plattform lokale Einwohner zusammen und bietet ihnen eine einfache Austauschmöglichkeit. Im Fokus der Macher steht Nachbarschaftshilfe. Organisation von Quartieranlässen, verschwundene Haustiere und sogar Polizeiaufgaben – damit feierte Nextdoor seinen grössten Erfolg. Nachdem die Macher der Polizei gestattet hatten, sich mit Gefahrenmeldungen und Servicehinweisen direkt an die Nutzer einzelner Quartiere zu wenden, ging die Nutzung rasant nach oben. Nextdoors Grundidee: Kontakte zu Menschen in der Nähe können wertvoll sein – ein Nutzen, der vom Borgen einer Schneeschaufel bis zum Melden eines Einbruchs reicht. Der Mix von Nachbarschafts-Chat und öffentlicher Sicherheit geht für Nextdoor auf, denn es bietet Nutzern damit Dienste, die Facebook nicht vorsieht. Während Facebook es Usern einfach macht, etwa Schulfreunde ausfindig zu machen, spielt die Wohnumgebung kaum eine Rolle. Nur etwa zwei Prozent aller Facebook-Freunde sind laut einer Studie Nachbarn.

Hobbybörse statt Freundesliste

Menschen in der Umgebung zu finden, die die eigenen Interessen teilen: Auch das gelingt via Facebook nur mässig gut. Spezialisiert darauf hat sich ein anderer Onlinedienst: Meetup, ursprünglich aus New York, hilft bei dem, was der Name andeutet: dem Organisieren von Treffen unter Gleichgesinnten. Meetup führt Hobbyisten zusammen. Ein Veranstalter startet eine Gruppe und managt deren Treffen, dazu gehören jeweils eine Beschreibung sowie Datum und Ort. Die Liste der Treffen ordnet Meetup nach Ort und Art des Treffens. 18 Millionen Mitglieder hat der Dienst inzwischen, ausserdem 170'000 Gruppen. Wer sich auf Meetup umsieht, findet allein in Zürich Dutzende von Gruppen und kann zwischen 10 bis 20 Treffen pro Woche auswählen. Von Kochtreffen über Brettspiel- oder Strickrunden bis hin zu Buchclubs, Sprachgruppen oder Jungunternehmer-Networking ist alles vertreten.

Eine App für Familien

Life360wendet das Prinzip eines Netzwerks auf die kleinstmögliche Gruppe an: die Familie. Die Eltern-App ist im Wesentlichen ein Chat- und Ortungsdienst für Familienangehörige. Die App macht diese auf einfache Weise ausfindig, sofern sie Smartphones mit der installierten App mit sich herumtragen. Das Unternehmen bewirbt die App unter anderem mit dem Versprechen, besorgten Eltern laufende «Wo bist du?»-SMS zu ersparen. 40 Millionen registrierte Nutzer haben sich bisher überzeugen lassen.

Angriff aus der Nische

Für sich genommen, ist keiner dieser Onlinedienste eine Bedrohung für Facebook. Sie nehmen für sich auch nur in Anspruch, ein konkretes Problem zu lösen. Mit dem Auftauchen von mehr solchen Diensten geht Facebook dennoch etwas verloren: das De-facto-Monopol auf das Vernetzen von Menschen. Für das soziale Netzwerk, das von der Zeit lebt, die seine Nutzer damit verbringen, ist das langfristig ein Problem. Denn eine Ansammlung von immer mehr Nischendiensten hat das Potenzial, dem sozialen Netzwerk ein grosses Stück vom Kuchen zu stehlen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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