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Berühmt oder gemobbt in 15 Sekunden

Die Video-App Tiktok wird bei Teenagern immer beliebter. Gleichzeitig bezeichnen sie Nutzer als «reinste Mobbing-App». Nun machen Jugendschützer mobil.

Die 15-jährige Leonie lädt unter dem Pseudonym Leoobalys kurze Tanzvideos in Tiktok hoch. Foto: Screenshot/ Instagram/leoobalys
Die 15-jährige Leonie lädt unter dem Pseudonym Leoobalys kurze Tanzvideos in Tiktok hoch. Foto: Screenshot/ Instagram/leoobalys

Ein Mädchen wippt rhythmisch zu einem Elektrobeat vor der Kamera. Sie überkreuzt die Arme, legt beide Zeigefinger auf die jeweils entgegengesetzten Nasenflügel und öffnet die Arme wieder. Für eine Sekunde sieht es so aus, als hätte das Mädchen Knochen aus Gummi.

Der Trick ist uralt, Niveau Pausenclown. Doch unter Tiktok-Usern zieht er. Rund 1,4 Milliarden Mal wurden die Videos der sogenannten #omgchallenge in den vergangenen Monaten aufgerufen. Sie fassen aber auch gut zusammen, was Tiktok ausmacht: Musik, Tanzen und Comedy.

Was ist Tiktok?

Tiktok ist ein soziales Netzwerk. Facebook ist bei Teenagern aus der Mode, bei Tiktok dagegen steigen die Nutzerzahlen gerade bei jungen Menschen. Zentrales Element der App sind kurze, mit dem Handy gedrehte Videos, die der Nutzer mit Musik unterlegen kann. Die Idee: maximal 15 Sekunden Länge. «Make every second count», lautet daher auch Tiktoks Slogan. Jede Bewegung, jede Pointe muss sitzen, denn für Erklärungen bleibt keine Zeit.

Gefällt ein Video, verteilt man durch doppeltes Antippen ein Herz oder folgt dem Nutzer. Das Design der App sorgt dafür, dass man schnell zum nächsten Video kommt: Eine junge Frau bewegt die Lippen synchron zu einem Sketch von Carolin Kebekus und schneidet passende Grimassen, sie bekommt dafür 120'000 Herzen. Ein Wisch nach oben, und das nächste Video wird abgespielt. Zwei maskierte Männer in kanariengelben Jogginganzügen tanzen zu Technomusik in der Fussgängerzone, mehr als 500'000 Herzen.

Warum ist die App so beliebt?

«Es ist total einfach, nicht nur Videos zu konsumieren, sondern selbst auch welche zu kreieren», sagt Charles Bahr. Der 16-Jährige leitet trotz seines jungen Alters schon eine eigene Marketingagentur. Er wird für Vorträge auf Branchenmessen wie der Re:publica oder der Dmexco eingeladen. Denn Bahr berät Unternehmen, wie man die Generation Z erreicht, also junge Menschen, die nach 1997 geboren sind.

Der 16-jährige Charles Bahr berät Unternehmen dazu, wie man die Generation Z erreicht. Foto: privat
Der 16-jährige Charles Bahr berät Unternehmen dazu, wie man die Generation Z erreicht. Foto: privat

Tatsächlich ist das Erstellen und Bearbeiten von Tiktok-Filmchen sehr leicht. Die Videos lassen sich in beliebig vielen Abschnitten schrittweise filmen. Dem Nutzer steht eine ganze Bibliothek von Effekten und Filtern zur Verfügung, um das Video aufzupeppen. Die Gefilmten boxen bunte Schriftzüge weg, anstelle des Gesichts sitzt ein Ei mit Mund und Augen auf den Schultern, Teile eines Videos laufen rückwärts ab. Wahlweise unterlegt man das Video noch mit einem kurzen Soundclip, dem Originalton oder einer Mischung aus beidem.

Die Kernzielgruppe der App sind elf- bis 15-jährige Kinder und Jugendliche, schätzt Bahr. Das Pikante daran: Offiziell ist die Nutzung erst ab 13 Jahren erlaubt. Daran halten sich offenbar nicht allzu viele. «Ich war auch schon viel früher auf Tiktok», sagt die 15-jährige Leonie, die ihren Nachnamen lieber nicht in diesem Artikel lesen will.

Ihre rund 700'000 Fans in Tiktok kennen sie vor allem als @leoobalys. «Ich kann dort kreativ sein, egal, ob es um Beauty oder Sport geht.» Täglich lädt sie kurze Tanzclips von sich hoch, in denen sie ihre langen Haare in Zeitlupe fliegen lässt. An Tiktok gefalle ihr, dass man so einfach mit anderen Nutzern in Kontakt treten und auf deren Videos reagieren könne. Das geht zum Beispiel mit der Duett-Funktion: In Tiktok befreundete Nutzer können ein Video zur selben Audiospur erstellen, beide Videos werden nebeneinander angezeigt.

Wie viele Menschen nutzen sie?

Im Juni 2018 sollen nach Medienberichten weltweit etwa 500 Millionen Menschen die App jeden Monat genutzt haben – die meisten davon in China. Seitdem dürften die Nutzerzahlen deutlich gestiegen sein. Denn im August fusionierte das Unternehmen die Mitsing-App mit der sehr ähnlichen App Musical.ly. Diese hatte Bytedance im November 2017 für fast eine Milliarde US-Dollar aufgekauft. Musical.ly brachte etwa 100 Millionen aktive Nutzer mit.

Dem Marktforschungsunternehmen Sensortower zufolge war Tiktok im vergangenen Jahr in Apples App Store die weltweit beliebteste App. Über den Google Play Store wurden nur Whatsapp, der Facebook Messenger und Facebook häufiger heruntergeladen.

Wer sind die Stars in Tiktok?

Zwillinge stehen unter Tiktok-Nutzern offenbar hoch im Kurs. Die weltweit grössten Stars sind Lisa und Lena aus Stuttgart. Der Account der beiden 16-Jährigen hat mehr als 32 Millionen Fans, schon in der Vorgänger-App Musical.ly waren die beiden Mädchen mit ihren synchronen Choreografien sehr erfolgreich. Mittlerweile vernachlässigen Lisa und Lena ihren Tiktok-Account fast schon ein bisschen. Sie haben aus ihrer Bekanntheit ein Geschäftsmodell gemacht: Auf Instagram posten sie regelmässig Fotos von sich, über ihr Modelabel J1MO71 verkaufen sie Portemonnaies, Badeschlappen und Pullover. «Sie sind aus Tiktok herausgewachsen», sagt Berater Charles Bahr. «Früher war Youtube häufig das Sprungbrett für Influencer.» Heute sei es Tiktok.

Die Möglichkeiten für Unternehmen, die App werblich zu nutzen, seien bisher noch begrenzt. Wer mit seiner Reichweite Geld verdienen, beruflicher Influencer werden will, muss deshalb auf andere Plattformen ausweichen. Doch Betreiber Bytedance plant offenbar, demnächst auch Werbung für europäische Nutzer einzuführen. Dann wäre Tiktok auf einen Schlag nicht mehr nur ein grosses soziales Netzwerk, sondern auch eine lukrative Plattform für Profis – sehr junge Profis.

Worauf sollten Eltern achten?

Jugendschützer und Datenschützer sehen Tiktok kritisch. Denn Kinder geben dort oft viel von sich preis – und das kann Menschen mit bösen Absichten anlocken. Das Portal Mobilsicher, das vom deutschen Justizministerium gefördert wird, berichtete zuletzt, dass Nutzer zum Beispiel Videos von bauchfrei tanzenden Acht- oder Neunjährigen in Listen sammelten und zur Verfügung stellten. Auch werde immer wieder versucht, junge Mädchen über Tiktok zu kontaktieren, heisst es in dem Bericht. Ein Problem, das auch schon beim Vorgänger Musical.ly kritisiert wurde.

«Man muss halt nachdenken, bevor man etwas postet.»

Leonie, 15-jährige Influencerin

Nach wie vor hat die App aber offenbar auch mit Mobbing zu kämpfen. Wer die App im Google Play Store aufruft, stösst unmittelbar auf Erfahrungsberichte über Beleidigungen und Hasskommentare. Nutzer bezeichnen Tiktok dort zum Beispiel als «reinste Mobbing-App». In den Kommentaren unter einigen Videos findet man dafür schnell Bestätigung. Das Video einer Nutzerin, die ein Kopftuch trägt, kommentieren einige Zuschauer mit «Ausländer raus»; andere Filmer werden als fett oder hässlich beleidigt. Allerdings springt in solchen Fällen meist die Mehrheit der Zuschauer dem Attackierten zur Seite und weist die Mobber zurecht.

Marketing-Berater Charles Bahr sieht deshalb auch weniger Probleme. Er nehme kaum Hasskommentare und vorwiegend positive Inhalte wahr. Die Altersbegrenzung der App hält er nicht für sinnvoll – ähnlich wie die 15-jährige Leonie, die auf Tiktok mit ihren Tanzvideos bekannt geworden ist. «Man muss halt nachdenken, bevor man etwas postet», sagt die Influencerin etwas lapidar. «Aufklärung», sagt Bahr, «wird nicht durch Verbote stattfinden.» Es brauche vielmehr eine Funktion, die Eltern die Plattform erklärt und Möglichkeiten bietet, notfalls einzugreifen. Das sieht auch Leonie so: Schon jetzt überwachen ihre Eltern den Account.

Den Account auf privat stellen

Ähnliches empfiehlt auch die Initiative «Schau hin!» des deutschen Familienministeriums: Väter und Mütter sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, wie die App funktioniert und welche Videos sie hochladen. Wichtigster Tipp: Den Tiktok-Account in den Profileinstellungen unter «Privatsphäre und Sicherheit» auf privat stellen und nur Freunden erlauben, einen zu kontaktieren oder die Videos zu kommentieren.

Eine Sprecherin von Tiktok teilt auf Anfrage dieser Zeitung mit, dies sei «eine Reihe von Massnahmen», die man ergriffen habe, um die Nutzer vor Missbrauch zu schützen. Ausserdem gebe es verschiedene Filter, eine Meldefunktion und ein Moderationsteam, das unangemessene Inhalte entfernt und Accounts sperrt. Man wolle den Schutz vor Missbrauch kontinuierlich verbessern, sagte die Sprecherin.

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