Amerika streitet über eine Armbewegung

Manipuliert oder nicht? Ein Video soll CNN-Reporter Jim Acosta diskreditieren – doch es gibt Zweifel, ob es echt ist.

Der fragliche Moment: Sind hier absichtlich Standbilder eingefügt worden?

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Mittwoch, der Tag nach den Midterms. In Washington spricht Donald Trump zur Presse. Jim Acosta, hartnäckiger Reporter von CNN und seit längerem so etwas wie ein Initimfeind des US-Präsidenten, stellt unangenehme Nachfragen. Trump kanzelt ihn ab, «that’s enough», und dann folgt der Moment, der in den nächsten Stunden die virale Geschichte im Netz wurde.

Eine Mitarbeiterin des Weissen Hauses versucht, Acosta das Mikrofon wegzunehmen, er wehrt sich. Mit einer Handbewegung, die mit viel gutem Willen auch als Gestikulieren ausgelegt werden kann, wehrt er die junge Dame ab. Vielleicht berührt er kurz ihren Arm an der Ellenbeuge. Stunden später ist er seine Akkreditierung für das Weisse Haus los, die Empörung ist gross. Dann teilt Sarah Huckabee Sanders, Trumps Sprecherin, ein Video auf Twitter, und es geht los.

Denn das geteilte Video wurde von Paul Joseph Watson erstellt, einem Mitarbeiter von Infowars und Youtuber, der mal als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird, mal als Neurechter. Es dramatisiert den Vorgang, zeigt den Moment, in dem Acosta den Arm der Frau berührt, wiederholt und stark herangezoomt. Wiederholung und Zoom, beides sind bekannte Kniffe besonders von Onlinevideos. Watson, der sonst in seinen Videos mit antifeministischen Standpunkten und Zitaten wie «Der Westen braucht den Feminismus wie ein Fisch ein Velo» auffällt, geriert sich hier als Beschützer der angegriffenen Frau.

Aber dann fiel etwas weiteres auf: Angeblich spielt der von Watson erstellte Clip die Situation schneller ab als das Original von C-Span, dem amerikanischen Parlamentsfernsehen. Gegenüberstellungen zwischen dem Original und dem Watson-Film sollen den Beweis erbringen, doch Watson wehrt sich. Er habe lediglich herangezoomt, gibt er an und bestreitet, die Geschwindigkeit des Videos verändert zu haben.

Die Geschwindigkeit stimmt nicht

Die Watson-Version soll Acosta offensichtlich als aggressiver gegenüber der White-House-Mitarbeiterin darstellen, als er vermutlich wirklich war. Hört man das Originalvideo mit Ton, hört man sogar, wie er nach der Berührung in ihre Richtung «Pardon Me, Ma’am» sagt.

Was genau also deutet darauf hin, dass das Video manipuliert sein könnte? Verschiedene Video-Experten wurden unter anderem vom amerikanischen Tech-Magazin «The Verge», von der Presseagentur AP und vom britischen «Independent» befragt. Sie stellen fest: Das Video scheint nur an bestimmten Stellen schneller abgespielt zu werden, nicht das ganze Video an sich läuft schneller ab.

An einigen Stellen wurden anscheinend einzelne Bilder, sogenannte Frames, eingefügt – damit das Video am Ende trotz der selektiven Beschleunigung wieder gleich lang ist wie das Original. Gemäss einem Journalisten von Storyful wurden dem fraglichen Video genau in dem Moment einige Frames hinzugefügt, als Acostas Arm den Arm der Mitarbeiterin berührt. Das könnte den gewollten Effekt haben, dass die Berührung stärker erscheint, als sie wirklich war. Der von AP befragte Spezialist im oben stehenden Video bestätigt das.

Bestimmte sichtbare Verzerrungen kämen nur bei einer Beschleunigung des Videos zustande. Legt man beide Videos übereinander, wird deutlich, dass Diskrepanzen in der Abspielgeschwindigkeit nur an bestimmten Stellen bestehen – würde das Video aufgrund einer Datenkomprimierung schneller abgespielt, müsste sich dies durch den ganzen Clip ziehen.

Die Tatsache, dass bei Watsons Variante der Ton fehlt, wird von manchen als Indiz gewertet, dass hier manipuliert wurde – eine Tempoveränderung im Ton wäre sicherlich auffälliger.

Die Experten sind sich uneins

Könnten die Unterschiede in beiden Videos auch von einer unterschiedlichen Frame-Rate (s. Box in der rechten Spalte) oder einer Datenkomprimierung herrühren? Die Experten, die eine Manipulierung festgestellt haben wollen, halten die Einwände für vernachlässigbar.

Doch es gibt auch Experten, die keine Hinweise für eine Manipulation des Videos gefunden haben wollen. Buzzfeed spekuliert, dass die Anomalitäten aus einer Umwandlung des Videos in ein Gif resultieren könnten, und bestreitet nicht, dass das Video schneller abspielt, verneint aber eine bewusste Manipulierung. Auch Watson selbst gibt zu, dass die beiden Videos, Original und seine Version, nicht identisch sind, führt die Unterschiede aber ebenfalls auf den Formatwechsel zurück.

Die zusätzlichen Frames sind das stärkste Indiz

Auch das Tech-Magazin aus dem Vice-Netzwerk, «Motherboard», hat einen Videospezialisten gefunden, der die gleichen Gründe wie Buzzfeed anführt. Einem zweiten Digital-Forensiker fallen bei «Motherboard» immerhin noch die zusätzlichen Frames auf.

Dass das Video manipuliert wurde und von wem mit welchen Intentionen, lässt sich abschliessend kaum mit absoluter Bestimmtheit sagen. Die zusätzlichen Frames sind das stärkste Indiz, das für eine Bearbeitung spricht.

Die Diskussion um das Video lässt zwei ganz andere Dinge in den Hintergrund rücken: Dass die Pressesprecherin des Weissen Hauses unreflektiert Inhalte eines Infowars-Mitarbeiters weiterverbreitet und dass das Weisse Haus unliebsamen Journalisten die Akkreditierung entzieht – unter dem Deckmantel eines Übergriffs. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.11.2018, 14:00 Uhr

Frames, fps – die wichtigsten Videobegriffe in diesem Zusammenhang

Ein Video ist, einfach ausgedrückt, einfach eine Aneinanderreihung von Standbildern. Diese werden in der Fachsprache Frames (englisch für Einzelbild) genannt. Die Bildrate, in der Bewegtbild erstellt wird, wird in der Einheit «Frames per Second» oder kurz fps gemessen. Sie benennt die Anzahl der Bilder pro Sekunde, die von einer Kamera gefilmt werden.

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