Was – 10 Jahre schon?

Herzliche Gratulation, liebes Facebook, zu deinem runden Geburtstag. Unsere Glückwünsche mögen Dir gefallen.

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Mathias Born@thisss

Vielen Dank für all die spannenden und vergnüglichen Stunden, die du uns beschert hast. Vielen Dank, dass du uns die Bande mit alten Bekannten neu knüpfen liessest und uns spannenden neuen Leuten vorgestellt hast. Vielen Dank, dass du uns die Möglichkeit gibst, auf simple Weise Texte, Fotos und Videos zu publizieren – und uns zu allem und jedem zu äussern.

Was du damit bewirkt hast, ist eindrücklich. Nicht nur kommunizieren wir heute offener, direkter, unbeschwerter. Dein Verdienst ist es auch, dass sich viele Leute den Mund nicht mehr verbieten lassen. Ein Shitstorm hat schon manche Firma wieder zur Räson gebracht. Vor allem: Dank der neuen Kommunikationsart brechen verkrustete Strukturen auf, im Kleinen wie im Grossen – im privaten Bekanntenkreis wie bei den Revolutionen des arabischen Frühlings. Danke, dass du dies unterstützt hast. Lass dich feiern – du hast es verdient.

In sagenhaft kurzer Zeit hast du dich aus dem Nichts zu einem der wichtigsten Akteure im Internet hochgearbeitet und bist zu einem Innovationstreiber sondergleichen geworden. Längst hast du ehemalige Schwergewichte wie Yahoo und AOL abgehängt.

Blenden wir zur Feier deines Geburtstags zurück: Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt werkelte Mark Zuckerberg im Internatszimmer an der Eliteuniversität Harvard an einer Website namens Facemash. Darauf konnten Studenten auswählen, welche der je zwei abgebildeten Kommilitoninnen hübscher sei. Bald lief der Server heiss. Trotzdem schuf sich Zuckerberg kaum Freunde und schon gar keine Freundinnen: Viele nahmen es ihm übel, dass er ihr Foto geklaut und ohne zu fragen publiziert hatte. Die Uni verwarnte ihn.

Atemberaubendes Wachstum

Zuckerberg liess sich indes nicht entmutigen. Was er gelernt hatte, floss in ein neues Projekt ein: in Facebook. Mit der Website, die an die Porträtjahrbücher angelehnt war, konnten sich die Studierenden von Harvard vernetzen, und später jene anderer Universitäten. Am 4. Februar 2004, morgen vor 10 Jahren, gründete Zuckerberg mit Mitstreitern die Firma Facebook. Bald brach er das Studium ab, um sich ganz dem Geschäft widmen zu können.

Dieses wuchs in atemberaubendem Tempo – zuerst in den USA, später weltweit. Die Version in deutscher Sprache ging 2008 online. Nach und nach kamen neue Funktionen hinzu. Der 2009 eingeführte «Gefällt mir»-Knopf wurde zum Symbol für Facebook. Der Zwist mit zwei Ex-Kommilitonen, die Zuckerberg beschuldigten, ihre Idee gestohlen zu haben, wurde 2011 beigelegt. Acht Jahre nach der Gründung ging Facebook an die Börse.

Für Mark Zuckerberg hat es sich gelohnt. Das Magazin «Forbes» schätzte sein Vermögen im Herbst auf 19 Milliarden Dollar. Mittlerweile ist er wohl noch reicher, denn im letzten Quartal klingelten die Kassen besonders oft. Nach einer Durststrecke ist es dem Team gelungen, die Zugriffe von Smartphones aus besser in Werbedollars umzumünzen. Die Investoren jubeln.

Noch immer wächst Facebook. 1,2 Milliarden Leute haben sich bereits angemeldet – weltweit jede sechste Person; schier unglaubliche 757 Millionen nutzen die Plattform täglich. In den USA soll bereits über die Hälfte der Leute ein Konto haben. Im nächsten Jahrzehnt möchte Zuckerberg dabei helfen, «jedermann zu vernetzen und durch Teilen die Welt zu verbessern».

Gewagte Studie

Doch Achtung, liebes Facebook: Vielleicht dreht der Wind bald. Immer wieder liest man, dass die Jungen dir bereits den Rücken kehren – jetzt, da sich ihre Eltern und Grosseltern bei dir breitmachen. In den letzten Wochen etwa gaben die Prognosen zweier Forscher der Princeton University zu reden. Du werdest bis 2017 rund 80 Prozent deiner Nutzer einbüssen, behaupten sie. Errechnet haben sie dies mit einer Formel, mit der die Ausbreitung hoch ansteckender Krankheiten vorausgesagt wird.

Ja, die Vorgehensweise wie auch die Schlussfolgerung wirkt gewagt und hat im sozialen Web viele harsche Kommentare provoziert. Dass eine rasante Abwanderung aber möglich ist, zeigt der Niedergang des ersten wichtigen sozialen Netzwerks überhaupt: jener von Myspace.

Doch zurück zu den Jugendlichen: Gibt es wirklich einen Exodus? Keineswegs, sagt man bei Facebook. Zu beobachten sei lediglich ein moderater Rückgang in der Nutzung bei den Teenagern. Fragt man die Schülerinnen und Schüler zweier Klassen aus dem ländlichen Kanton Bern, ist Facebook weiterhin hoch im Kurs. Rund zwei Drittel nutzen die Plattform – die eine Hälfte oft, die andere ab und zu. Damit ist Facebook weitaus beliebter als konkurrierende Dienste wie Google+ oder Twitter. Einzig Youtube wird intensiver genutzt. Muss Facebook also nicht bangen? Vielleicht doch: Zwei Drittel der befragten Schülerinnen und Schüler geben an, zum Chatten lieber Whatsapp, Kik, iO oder eine ähnliche App zu benutzen …

Das Geschäft geht vor

Manchmal, Facebook, nervst du. Etwa mit unnützen Funktionen und der ausufernden, unpassenden Werbung, mit der du den Monitor zukleisterst. Richtig geärgert haben wir uns aber jeweils, wenn du dir einen Fauxpas geleistet und als privat markierte Infos für die Welt freigeschaltet hast. Oder wenn du dir allzu grosse Freiheiten herausnimmst im Umgang mit unseren Daten, die du offensichtlich (im Einklang mit den US-Gesetzen) als deine ansiehst.

Apropos: Stimmt es, dass du private Nachrichten ausgelesen und darin enthaltene Weblinks verkauft hast, wie es dir in einer Sammelklage vorgeworfen wird? Welche Daten gibst du dem Geheimdienst weiter? Weshalb hast du Inhalte, die wir gelöscht hatten, jahrelang gebunkert? Warum wolltest du uns partout keinen Einblick geben in das, was du über uns zusammengetragen hattest? Und weshalb lässt du uns nicht wirklich gehen, wenn wir das Konto löschen? Wir werden den Eindruck nicht los, dass du dich ausschliesslich ums eigene Geschäft kümmerst und ums Wohl der Kunden foutierst.

Am meisten nerven aber die Freunde – beziehungsweise die Leute, die Freunde genannt werden, für uns aber bestenfalls entfernte Bekannte sind: Sie fluten einen mit überflüssigen, lustig-dümmlichen Status-Updates. Behaltet eure Katzen- und Foodfotos doch einfach für euch! Und müsst ihr uns wirklich jedes Mal vor Augen führen, dass ihr über dem Nebel sitzt und wir darunter oder dass ihr am Strand schwitzt und wir an der Kälte schlottern? Und warum müsst ihr überall euren Kommentarsenf dazugeben?

Deshalb, liebes Facebook, wünschen wir uns zweierlei fürs nächste Jahrzehnt: mehr Sensibilität von dir im Umgang mit uns Kunden. Und: einen «Gefällt mir nicht»-Knopf.

Berner Zeitung

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