Der überforderte Zensor

Facebook löscht historische Kriegsfotos. Der Fall zeigt, dass das Unternehmen seiner Verantwortung nicht gewachsen ist.

Horror des Kriegs im Bild: Das Foto, das Facebook wegen Nacktheit entfernte.

Horror des Kriegs im Bild: Das Foto, das Facebook wegen Nacktheit entfernte. Bild: Nick Ut/Keystone

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Facebook hat nach den Proteststürmen mittlerweile die Richtlinien angepasst. Zur Newsmeldung.

Facebook hat einen Beitrag der norwegischen Zeitung «Aftenposten» gelöscht – Begründung: Nacktheit. Es handelt sich nicht um irgendein Bild, sondern eines, das einen festen Platz in Geschichts- und Schulbüchern hat: das Bild des bei einem US-Napalm-Angriff verletzten vietnamesischen Mädchens Kim Phuc. Das Unternehmen hätte sich mit seinem Zensurentscheid kaum mehr in die Nesseln setzen können. Das ikonische Foto von 1972 ist ein Dokument der Zeitgeschichte und eines der bekanntesten Kriegsbilder überhaupt. Es prägt weltweit die Wahrnehmung des Vietnamkriegs. Der norwegische Fotograf Nick Ut erhielt dafür den Pulitzerpreis.

Die Liste an Zensurfehlern, die Facebook andauernd unterlaufen, ist lang. Zu den prominenteren Opfern gehörten zuletzt Satiriker, das Jüdische Forum für Demokratie oder Schweizer Politiker.

Die norwegische Zeitung hat Facebook bei der Löschung des Bildes zu einem exemplarischen Beispiel für seine Überforderung provoziert. Espen Egil Hansen, Chefredaktor der Zeitung, nutzt die Gelegenheit, um sich in einem offenen Brief direkt an Mark Zuckerberg zu wenden, mit dem Vorwurf «Du missbrauchst deine Macht». Darin argumentiert er klar und sachlich, warum Facebook verhindere, dass er seine publizistische Verantwortung wahrnehmen könne.

Facebook formuliert seine Mission gerne darin, die Welt offener und vernetzter zu machen. Der Kampf gegen Pöbeleien, Rassismus oder verstörende Inhalte, der Facebook von Nutzern und Regierungen angemahnt wird, hat aber dazu geführt, dass Facebook zunehmend zu einem Gatekeeper wird, zu einem Richter über das Sag- und Publizierbare. Mit anderen Worten: zu einem Zensor.

Das lässt sich rechtfertigen: Und Facebook ist zu wichtig, um sich aus der Verantwortung zu nehmen, wenn Mobbing oder rassistische Hetze Schwächere stigmatisieren oder angesichts menschenverachtender Propaganda von Terroristen.

Das Problem liegt vielmehr in der Umsetzung. Das Regelwerk hinter Facebooks Moderation, seine «Community Guide Lines», ist schwammig formuliert, seine Anwendung intransparent. Facebook liefert weder Zahlen zu seinen Löschaktivitäten, noch gewährt das Unternehmen Einblick in seine internen Prozesse. Wer bei Facebook was wann löscht, bleibt für den Nutzer unsichtbar.

Hier müsste Facebook Klarheit schaffen. Eine Offenlegung würde zwangsläufig zu Diskussionen führen – mit unterschiedlichem Ausgang, je nach Land, Kultur und Wertesystem. Hansen legt hier den Finger auf einen zu wenig beachteten Punkt: Das jetzige universelle Regelset für Nutzer weltweit kann nicht funktionieren. Facebook muss sich den nationalen Gesetzgebungen unterordnen und sich daran orientieren, was lokal unter Meinungsfreiheit fällt und was nicht – etwa Rechtsextremismus. So hätten die Nutzer eine Einflussmöglichkeit im Rahmen einer demokratiepolitischen Diskussion. Dies anstelle der jetzigen Willkürentscheide der Privatmacht Facebook, die von fernen Technokraten nach eigenem Ermessen ausgeübt werden.

Zweifellos würde das neue Fragen aufwerfen und Facebook vor grosse operative Herausforderungen stellen. Aber niemand würde behaupten, dass die Rolle eines weltumspannenden Universalmediums einfach ist.

Erstellt: 09.09.2016, 19:40 Uhr

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