Blitzkrieg und Guerillataktik

Warum sind Terroristen in den Sozialen Medien so stark? Erstmals gibt eine Studie Einblick und zeigt, wie der IS grösser wirkt als er ist.

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Jan Rothenberger@janro

2014 war ein Boomjahr für Jihadisten in den sozialen Medien. Jihadistische Gruppen wie der IS schafften es, gezielt mit ihren Botschaften auf sich aufmerksam zu machen. Als Instrument der Wahl für radikale Islamisten gilt besonders Twitter.

Eine neue Studie des amerikanischen Brookings-Instituts hat die Twitteraktivitäten der IS-Terroristen untersucht. Die Forscher rechnen mit bis zu 90'000 Twitter-Konten, die zum selbst ernannten Kalifat gehörten oder es zumindest unterstützten. Aus diesen griffen sie 20'000 heraus und untersuchten sie genauer. Leitfrage: Wie sollen Twitter und die Behörden mit Islamismus umgehen? Die Antwort überrascht.

Terror als Trendthema

Die Studie belegt zunächst, was Beobachter schon vermutet hatten: Der IS nutzt Social Media geschickt und zielgerichtet. Der durchschnittliche Nutzer hat im Schnitt 1000 Follower und ist sehr aktiv. Für die Verbreitung seiner Botschaften verlassen sich die etwa 80 Hauptkonten des IS auf ein Korps von 2000 bis 3000 «mujtahidun» oder «Tüchtigen», die als Verbreiter amten. Sie speisen die Propaganda in grössere Netzwerke ein und betreiben eine Art Social-Media-Blitzkrieg: Durch schnelle, konzentrierte Nachrichtensalven bringen sie Hashtags in die Trendthemen und lassen sie in Suchresultaten auftauchen, was die Reichweite der Botschaften verstärkt.

Die Jihadisten agieren laut der Studie diszipliniert im Verbund, um ihre Propaganda nach aussen zu tragen und Aussenstehende zu bedrohen. Zahlenmässig handle es sich bei den beobachteten Nutzern eigentlich um einen «unbedeutenden Klecks» im Meer der rund 280 Millionen aktiven Twitterer, nur eine Handvoll von IS-Konten besitzt mehr als 10'000 Follower. Die genutzte Taktik sorge aber dafür, dass die IS-Botschaften überproportional wahrgenommen würden, so die Forscher.

Wie Unkraut im Garten

Nach dem Mord am US-Journalisten James Foley verbreiteten der IS und seine Unterstützer eine Flut von Bildern und Videomaterial. Als Reaktion begann Twitter im August 2014 zum ersten Mal, im grossen Stil Terrorkonten zu löschen. Genaue Zahlen kann die Studie nicht nennen, schätzt aber, dass Twitter seither mindestens 1000 Schlüsselprofile des IS sperrte und dies auch weiterhin tut.

Die erhoffte Wirkung blieb weitgehend aus – was folgte, war ein Katz-und-Maus-Spiel. Zwar legte Twitter schnell einen Grossteil der wichtigsten Profile lahm. Wer seither diese Konten ansurft, erhält immer dieselbe Nachricht: «Das Profil, nach dem du suchst, wurde gesperrt.» Die IS-Twitterer reagierten aber innert kürzester Zeit mit einer neuen Taktik: Gesperrte Nutzer starten Konten unter neuen Namen, die andere Profile dann umgehend bewerben. Das Jihadisten-Netzwerk erneuert sich auf diese Weise laufend selbst – die Forscher vergleichen es mit Unkraut im Garten. Und es ist robuster geworden, da es sich an einen Guerillakrieg angepasst hat und dezentraler funktioniert als früher.

Terroristen vergessen, GPS abzuschalten

Die Forscher befürworten trotzdem Twitters Sperrkampagne, da der IS laufend erheblichen Aufwand treiben müsse, um gesperrte Konten durch neue zu ersetzen. Allerdings warnen sie davor, die Twitterpropaganda ganz abzustellen. Die freimütigen Tweets des IS lieferten wichtige Hinweise für die Terrorbekämpfung. Unter anderem twittern zahlreiche IS-Profile mit aktiviertem GPS und verraten dadurch ihren Standort. Verschwänden plötzlich alle IS-Konten von Twitter, wäre das ein «gigantischer Verlust an Informationen», so die Forscher. Zudem verdränge zu starke Repression die Rekrutierung des IS in den Untergrund, wo sie unsichtbar werde und darum auch unwidersprochen bleibe.

Der Taktik, Jihadismusbotschaften mit offenem Visier und Gegenargumenten zu begegnen, folgt längst die US-Regierung und betreibt dazu das Twitterprofil @thinkagain_dos. Wie es ausgehen kann, wenn man Propaganda statt mit Blockierung mit Spott begegnet, zeigte Ende Februar der Hashtag #We_Are_Coming_O_Rome. IS-Unterstützer hatten gedroht, die italienische Hauptstadt sei ihr nächstes Ziel. Die Twittersphäre antwortete humoristisch: mit Reisetipps, Warnungen vor der lokalen Bürokratie oder überhöhten Taxigebühren.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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