Schnitzeljagd mit den Islamisten

Die Journalistin Rukmini Callimachi fahndet im Irak nach IS-Dokumenten – und zeigt im Podcast «Caliphate», wie das Kalifat sich so lange halten konnte.

Dokumente wie diese sucht Rukmini Callimachi: Ein Iraker hält ein Dokument mit der Flagge des Islamischen Staats in die Kamera.

Dokumente wie diese sucht Rukmini Callimachi: Ein Iraker hält ein Dokument mit der Flagge des Islamischen Staats in die Kamera. Bild: Bram Janssen/Keystone

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Jeder Mensch hat ein unverzichtbares Reise-Accessoire: ein Kopfkissen, die Badehose, ein eigenes Handtuch. Wenn Rukmini Callimachi reist, dann nicht ohne Müllsäcke. In der Regel ist sie dienstlich unterwegs und sucht nach Dokumenten. Nach Papieren, die ihr helfen, zu verstehen, wie der Islamische Staat organisiert ist.

Schon die Nationalsozialisten hatten die Logistik, die ihre Gräueltaten ermöglicht hatten, mit preussischer Pedanterie dokumentiert. Dies hat im Nachhinein dazu beigetragen, die Funktionsweise der Tötungsmaschinerie hinter dem Holocaust zu verstehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Islamischen Staat: Er hat Personalabteilungen, Spesenabrechnungen und allerlei weiteren Papierkram, der das Innenleben des Kalifats reflektiert – wenn man diese Papiere denn in die Hände bekommt.

Und genau darauf ist Callimachi spezialisiert. Die Journalistin der «New York Times» bewegte sich in den letzten Jahren immer dort, wo der Islamische Staat im Irak zurückgeschlagen wurde. Um direkt hinter der Front, so schnell wie möglich, die verlassenen Quartiere der Terrororganisation zu durchsuchen. Alles, was nach brauchbaren Papieren aussieht, kommt in die Müllsäcke und wird von ihr ausgewertet.

Niemand will ein Täter sein

Über 15’000 Seiten an Dokumenten hat sie so während fünf Reisen in den Irak gesammelt, 15 Monate hat die Verifizierung, Übersetzung und Analyse der Papiere gedauert. Ergebnis dieser Arbeit ist der hörenswerte Podcast «Caliphate», der nicht nur erklärt, warum sich der IS so lange hat halten können, sondern darüber hinaus direkt ins Herz der Organisation führt. Denn Callimachi ist nicht nur eine fleissige Sammlerin, sondern auch eine Insiderin. Seit 2014 berichtet sie über den Islamischen Staat. Seither ist es ihr gelungen, diverse Kommunikationskanäle der Terroristen zu infiltrieren und ehemalige IS-Kämpfer zu interviewen, die in Gefangenschaft geraten sind.

Das Problem mit diesen Interviews: Callimachi fand stets nur Zeugen der IS-Morde, nie einen Täter. Dies sei ein Muster, das sich durch ihre Arbeit ziehe, äussert die Journalistin frustriert gleich zu Beginn der ersten Folge. Niemand will am Morden teilgenommen haben – ist das glaubhaft? Immer wieder verstricken sich dabei die Interviewpartner in derartige Widersprüche, dass deutlich wird: An ihrer Geschichte stimmt etwas nicht.

«Abu Huzayfah» ist anders als die anderen – aber ist er echt?

Doch dann taucht – für den Hörer unvermittelt – «Abu Huzayfah» auf. Eine Recherche-Kollegin von Callimachi war auf ein Instagram-Profil aufmerksam geworden, das offensichtlich einem Mitglied des Islamischen Staats gehört. Sie fand heraus, dass es sich um einen kanadischen Staatsbürger handeln muss, der sich wahrscheinlich 2014 dem Islamischen Staat angeschlossen hatte und mittlerweile nach Kanada zurückgekehrt war. Dem Rechercheteam der «New York Times» gelang es, «Abu Huzayfah» über sein Linkedin-Konto aufzuspüren und die Reporterin konnte nicht nur einen Kontakt herstellen, sondern auch noch das Vertrauen des Mannes gewinnen.

Die Gespräche mit ihm machen einen Grossteil der bislang veröffentlichten Folgen – acht an der Zahl – von «Caliphate» aus. «Abu Huzayfah» ist nicht der bürgerliche Name des IS-Aussteigers, sondern ein Nom de Guerre, wie er bei der Terrormiliz üblich ist. Er belastet sich im Verlauf des Podcasts – im Gegensatz zu Callimachis früheren Gesprächspartnern – selbst. Er gibt zu, einen Mord begangen zu haben, und erzählt, wie dies für ihn ein Wendepunkt in seiner terroristischen Karriere wurde. Er stieg aus, ihm gelang die Flucht und die Rückkehr nach Kanada.

«Caliphate» bietet nicht nur ungeschminkte und erschreckende Einblicke in die Rekrutierungstaktiken des IS, in die ideologische Indoktrination und in die Gewöhnung ihrer Kämpfer an die Gewalt und das Töten, sondern auch in die nervenaufreibende Arbeit einer investigativen Journalistin. Die Zweifel, ob «Abu Huzayfah» eine authentische Quelle ist, verlassen sie nie. Als Callimachi Dokumente in die Hände fallen, die das Narrativ des Ex-Kämpfers infrage stellen, scheint die Geschichte in sich zusammenzufallen.

Callimachi lacht über die Attacken der IS-Anhänger

Wenn sich damit nach den ersten sechs Folgen ein Bruch im Erzählfluss auftut, kann diese mangelnde Stringenz wohl als Beleg dafür gelesen werden, wie komplex die journalistische Arbeit mit derart undurchsichtigen Gebilden wie dem IS ist. In den nächsten beiden Folgen zeigt der Podcast deutlich, unter welchen Bedingungen Kriegsreporter und investigative Journalisten im Nordirak arbeiten – Raketenbeschuss in der direkten Nachbarschaft ist keine Seltenheit, aber ein untrügliches Zeichen, am richtigen Ort zu sein.

Die Reporterin entlarvt ebenso die Taktiken der IS-Anhänger: Sie wird aufgrund ihrer Arbeit immer wieder von radikalislamischen Unterstützern angegriffen, zum Beispiel in Bezug auf ihre Figur. Sie muss selbst lachen, als sie sagt: «Es ist schon ironisch, wenn man von IS-Anhängern wegen seines Gewichts beleidigt wird.» Andere versuchen, sie mit Identitätsklau zu diskreditieren: Ein Social-Media-Profil, das vorgibt, sie zu sein, spricht von angeblichen Vergewaltigungsfantasien mit IS-Kämpfern. Dass dies trotz aller Absurdität doch verunsichert, ahnt man am Ende der ersten Folge.

Der Podcast ist aber auch deshalb empfehlenswert, weil er unbequeme Standpunkte vertritt. So zum Beispiel habe sich der IS auch deshalb halten können, weil das Kalifat in gewissen Aspekten sogar besser funktionierte als der irakische Staat, den es ersetzt hatte. Zum Beispiel in puncto Müllentsorgung und Sauberkeit. Eindrücklich zeigt Callimachis Arbeit auch, wie der Konflikt Familien spaltet. Zum Beispiel dann, wenn sie der Mutter eines mutmasslichen IS-Offiziellen aus gutem Hause einen Aktenkoffer mit belastendem Material zeigt.

Beim Hören wird deutlich: Es gibt keine einfachen Lösungen. Wenn sich der Westen einmischt, wie die USA es im Irak taten, bereitet man den Nährboden für Terroristen; wenn man zuschaut, wie in Syrien, ebenso.

Die Podcast-Serie «Caliphate» können Sie hier hören (auf Englisch). Bislang sind acht Folgen erschienen (Abonnenten der «New York Times» erhalten jeweils etwas früher Zugang zur nächsten Folge), sie sind jeweils zwischen 20 und 45 Minuten lang. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2018, 16:13 Uhr

Rukmini Callimachi

Die Journalistin Rukmini Callimachi (Jg. 1973) stammt aus einer rumänischen Familie. Zusammen mit ihrer Mutter und Grossmutter flüchtete sie vor dem Ceausescu-Regime, zuerst nach Lausanne, später in die USA. Als Journalistin berichtete sie unter anderem für Associated Press über den Hurricane Katrina; als AP-Korrespondentin berichtete sie seit 2006 aus Westafrika – auch für diese Zeitung. Seit 2014 ist sie bei der «New York Times» angestellt. Hier liegt ihr Fokus auf islamistischem Extremismus.

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