«Arroganz und Ignoranz»

Hintergrund

Sony und Co. schreiben Milliardenverluste, Nippons Wirtschaft gerät ins Stottern. Techberater Sascha Pallenberg erklärt den Niedergang der drittgrössten Volkswirtschaft.

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Reto Knobel@RetoRek

Die Südkoreaner nennen sie Tokdo, die Japaner Takeshima – die kleine Inselgruppe zwischen den beiden asiatischen Ländern. Am Wochenende ist der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt um den kleinen Flecken Land neu aufgeflammt: Tokio rief am 10. August seinen Botschafter in Seoul zurück, nachdem Südkoreas Präsident Lee Myung Bak die umstrittenen Felseninseln besucht hatte.

Wie der Disput um die von reichen Fischgründen umgebenen Inseln ausgehen wird, ist kaum abzuschätzen. Ganz anders präsentiert sich der Streit um die wirtschaftliche Vorherrschaft: Hier deutet vieles darauf hin, dass Nippon in den kommenden Jahren nur zweiter Sieger sein wird: Wie heute Montag bekannt wurde, verlangsamte sich das Wachstum der drittgrössten Volkswirtschaft der Welt unerwartet: Mit einem schwachen Plus von 0,3 Prozent liegt dieses unter den Erwartungen (Bernerzeitung.ch/Newsnetz berichtete).

Wochen zuvor erschreckten Japans Technologieriesen die Anleger: Sony verbuchte im abgelaufenen Geschäftsjahr den höchsten Verlust seiner Unternehmensgeschichte und Sharp musste vor wenigen Tagen den Abbau von 5000 Stellen – fast zehn Prozent der Belegschaft – verkünden (Details in unserer Bildstrecke). Einzig Panasonic, das im vergangenen Geschäftsjahr mit 772 Milliarden Yen (rund 9,6 Milliarden Franken) ebenfalls einen Rekordverlust vermeldete, schrieb im ersten Quartal Gewinn.

Fukushima wirkt nach

«Japan», erklärt der in Taiwan beheimatete Technologieberater Sascha Pallenberg, «ist nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima in einer unvergleichlichen Situation, wie sie keine westlich-orientierte Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten erfahren hat». Dadurch habe das im Vergleich zu China, Korea und Taiwan ohnehin recht überschaubare Wachstum einen herben Dämpfer erfahren und es scheine, als würde sich dies noch auf Jahre hin auswirken.

Dies alleine erkläre die Misere in Japan jedoch nicht. «Japans IT- und Unterhaltungselektronik-Industrie zeichnete sich in den letzten 10 Jahren durch eine Kombination aus Arroganz und Ignoranz aus», ist Pallenberg überzeugt. Viel zu lange habe man sich auf den Erfolgen der 80er und 90er-Jahre ausgeruht. Die Markenwirkung sei völlig überschätzt worden: «Sony galt als Premiumhersteller und Erfinder des mobilen Musikkonsums (Walkman), Panasonic/Technics als Hifi und TV-Innovationsführer, Toshiba wurde als Erfinder des modernen Laptops wahrgenommen und Sharp hatte die Innovationsführerschaft bei den Displaytechnologien inne. Dazu kamen mit Nintendo und Sega auch noch die beiden Marktführer bei den Spielekonsolen sowie die führende Roboter und Auto-Industrie.» Das Land der aufgehenden Sonne sei «das asiatische Musterland für den Wechsel von der Service- in die Informationsgesellschaft» gewesen, fasst der Deutsche zusammen.

Langsame mobile Revolution

«Fundamentale Entwicklungen wurden verschlafen», erklärt der Experte den Niedergang. Konkret: «Apple zerlegte Toshiba und noch viel mehr Sony bei den Premium-Notebooks, die Hifi-Industrie entwickelte sich zu einem Nischenmarkt, Samsung und LG nahmen Sharp in die Zange und Nintendo und Sega mussten sich mit Xbox, nun aber vor allen Dingen mit Smartphone und Tabletgaming auseinandersetzen.» Die mobile Revolution in Japan habe weitaus langsamer stattgefunden als in den USA, Korea und Taiwan.

Immerhin würden die Japaner langsam aber sicher zu erkennen beginnen, dass sie wirklich den Anschluss verlieren. Bestes Beispiel hierfür ist für Pallenberg Japan Display, ein Zusammenschluss von Sony, Toshiba und Hitachi unter Aufsicht der Innovation Network Corporation of Japan: Es war die Konkurrenz von LG und Samsung, welche die führenden Display-Hersteller Japans in diese Kooperation gedrängt hätte, was definitiv als Mut zum Aufbruch und zur Veränderung anzusehen sei.

Warum die Aufholjagd schwierig wird

Dennoch: Grundsätzlich gibt es in Pallenbergs Augen wenig Anlass zur Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung. Ein Blick auf die jüngst publizierten Quartalszahlen bestätigt diesen Eindruck: Von den grossen Milliardenkonzernen schreibt im Moment nur Panasonic wieder schwarze Zahlen. Insgesamt wird die Schere im Vergleich zu China, Korea und Taiwan grösser.

Diese sind laut Sascha Pallenberg «hungriger und innovationsfreudiger». Noch viel wichtiger sei, «dass sie sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen». Darum bezweifelt der Deutsche, dass Japan den Rückstand in den nächsten Jahren aufholen könne.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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