Des alten Meisters neues Gadget

Apple lanciert ein iPad, das für Gestaltungsprofis interessant sein soll. Was es taugt, testet Max Spring, der Cartoonist der Berner Zeitung.

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Mathias Born@thisss

Zu Beginn ist ihm diese Flunder suspekt: «Darauf soll ich zeichnen?», fragt Max Spring. Er mustert das Gerät, das vor ihm auf dem Tisch liegt, und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Seine Skepsis nimmt erst ab, als er den Stift zugesteckt erhält. Anerkennend wiegt er ihn in der Hand.

Max Spring, der Cartoonist dieser Zeitung, testet das iPad Pro. Es ist eine Spur höher und breiter als ein A4-Blatt. Es sei «sehr gross», sagen Bekannte, die das Gerät zum ersten Mal sehen. Einige halten es für «zu gross».

Allerdings dürften sie nicht zur Zielgruppe gehören. Denn während die bisherigen iPads vorab fürs Konsumieren geschaffen worden sind, spielt das neue Gerät die Stärken beim Kreieren von Inhalten aus. Apple bietet deshalb zum ersten Mal einen Eingabestift zu einem iPad an.

Mit dem iPad Pro und den richtigen Apps lassen sich verblüffend einfach Fotos bearbeiten und Filme schneiden. Damit können Hauspläne gezeichnet und ­3-D-Objekte konstruiert werden. Auf dem Bildschirm lassen sich Dokumente bequem lesen und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen. Sogar zeichnen und malen soll man laut Apple mit dem iPad Pro können – und das nicht bloss zum Spass.

Pinsel und Bleistift in einem

Doch genügt das Gerät professionellen Ansprüchen? Max Spring kritzelt bereits auf dem iPad her­um. Er macht sich mit Procreate?3 vertraut – einer App zum Zeichnen und Malen: Er experimentiert mit unterschiedlich harten virtuellen Bleistiften, mit Rund- und Flachpinseln, Tuschfedern. Abhängig davon, wie steil er den Stift hält, wie stark er drückt und wie schnell er zeichnet, verändert sich die Strichstärke und -breite.

Einige Werkzeuge überzeugen den Profi: «Das hier fühlt sich fast wie ein normales Bleistift an», sagt er. Andere sind gewöhnungsbedürftig. Bei der Tusche etwa nimmt die Stärke zu, wenn man schneller zeichnet – und nicht, wenn man stärker drückt.

Nach wenigen Experimentierminuten beginnt Max Spring mit der Arbeit an seinem ersten digitalen Cartoon – und wagt sich gleich an einen alten Meister: Er beginnt mit dem Kopf des Malers, setzt ihm einen Federhut auf. Um den Hals drapiert er eine Krause, wie sie in der Renaissance en vogue war. «Ich skizziere rasch und spontan», sagt er. «Nur so beginnt die Szene zu leben.»

Video: Max Spring testet das Ipad Pro

Autor: Mathias Born

Die Arbeit auf dem iPad unterscheide sich wenig von jener auf Papier, sagt er. Der Stift sei präzise. Gewöhnungsbedürftig ist für ihn aber eines: «Die Hand rutscht auf dem Glas schlechter als auf Papier.»

Normalerweise arbeitet Spring mit Tusche. Wenn mal ein Strich daneben geht, überklebt er die betreffende Stelle. In Procreate hingegen braucht er bloss mit zwei Fingern aufs Glas zu tippen. Schon ist der Strich weg. Ein virtueller Radiergummi entfernt zudem selbst Farbe und Tinte ganz ohne Rückstände. «Das erleichtert die Arbeit stark», kommentiert Max Spring. In seiner Stimme schwingt Begeisterung mit.

Apple ist beileibe nicht der erste Hersteller, der die Grafikprofis umwirbt. Stiftähnliche Eingabegeräte für Computer gibt es schon lange; Marktführer ist die japanische Firma Wacom. Diese bietet auch Bildschirme an, die sich mit Stiften bedienen lassen.

Zudem liefert sie die Technik, die Samsung seit 2011 in die Tablets der Note-Serie einbaut. Stark auf die Kreativprofis richtet sich zudem Microsoft mit den Geräten der Surface-Serie aus.

Warnung vor der Kitschfalle

Weitaus mehr Zeit als ins Skizzieren investiert Max Spring normalerweise ins Kolorieren – das «Ausmälele», wie er es nennt. Dazu benutzt er stets Wasserfarben. Oft legt er mehrere Schichten und Strichrichtungen übereinander. Schliesslich ergänzt er Feinheiten und Texturen, scannt das Werk ein und justiert am Computer Helligkeit und Kontrast.

Auch am iPad nimmt das Kolorieren viel Zeit in Anspruch. Zwar gibt es in Procreate Füllwerkzeuge. Von diesen hält Max Spring aber wenig. «Sie generieren zu perfekte Farbverläufe. Diese sehen kitschig aus.» Am Anfang tut er sich etwas schwer mit dem Kolorieren. Doch nun hat er den Dreh raus. Strich um Strich gewinnt das Bild an Tiefe, beginnt die Szene stärker zu leben.

Er sei begeistert von den Möglichkeiten beim Skizzieren, sagt Max Spring, während er letzte Retouchen vornimmt. Zum Ausmalen bevorzuge er aber richtige Wasserfarben. «Das Resultat wird eine Spur besser, und das Malen ist sinnlicher.»

Trotzdem könne er sich vorstellen, digital zu arbeiten. «Ich werde es mir an einem Strand im Süden gemütlich machen und Aufträge abends erledigen», malt er sich aus. Das sei bislang wegen des benötigten Materials undenkbar gewesen.

Auf ein Fazit verzichtet er. Doch beim Gehen fragt er augenzwinkernd: «Darf ich das iPad nun mitnehmen?»

Berner Zeitung

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