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Der schlimmste Albtraum für Datenschützer

Mit der App Color gemachte Schnappschüsse sind sofort und automatisch öffentlich. Für die jüngere Generation dürfte dies kein Grund sein, die Finger davon zu lassen.

Es dürfte die aufsehenerregendste App-Lancierung des Jahres sein. Grund dafür ist allerdings weniger, was die App Color macht, sondern vielmehr, dass das Team dahinter vorweg 41 Millionen Dollar von Risikokapitalgebern bekommen hat – mehr als Google seinerzeit an Startkapital auftreiben konnte.

Zum Color-Team zählen unter anderem der Gründer des Online-Musikdienstes Lala, Bill Nguyen, und einer der führenden Köpfe hinter dem Socialbusiness-Netzwerk LinkedIn, DJ Pantil. Nguyen hatte Lala 2009 für rund 80 Millionen Dollar an Apple verkauft, seither gilt er als Wunderkind. Seinem neuen Team wird offenbar zugetraut, mit Color das nächste grosse soziale Netzwerk zu lancieren.

Automatische Veröffentlichung

Die App selbst unterscheidet sich von den unzähligen anderen Foto-Apps in zwei grundlegenden Punkten. Erstens sind Bilder, die man damit schiesst, sofort auch für andere Color-Nutzer sichtbar. Dafür reicht es, dass man sich in der Nähe des Color-Knipsers aufhält, mehr braucht es nicht – Befreunden wie bei Facebook oder Folgen wie bei Twitter ist überflüssig.

Denn zweitens bildet Color dynamisch und vollautomatisch Gruppen von Knipsfreudigen, sogenannte «elastic groups». Diese Gruppen werden nicht allein aufgrund der GPS-Position gebildet, die App kann zusätzlich Geräusche und Lichtverhältnisse einbeziehen. So kann sie theoretisch feststellen, ob zwei Anwender im selben Raum sitzen oder wie nahe beieinander sie an einem Grossanlass sind. So soll Color bei einem Konzert Fotos von Anwendern aus der ersten Reihe von jenen unterscheiden, die in den hinteren Rängen geknipst werden.

Zeitreihen erstellt Color pro Nutzer, pro «elastic group» und mittelfristig auch pro Ort. So könnte man mit der Zeit auch alte Fotos von seinem aktuellen Standort abrufen. Vor allem Letzteres wäre durchaus reizvoll.

Noch wenig verbreitet

Es dürfte vor allem die Technologie hinter der dynamischen Gruppierung sein, von der sich die Geldgeber so viel versprechen. Und sie ist es auch, die Datenschützern und Advokaten der Privatsphäre am meisten Kopfweh bereitet. Falls sich die App auf breiter Basis durchsetzt, könnte Color einen regelrechten Datenschatz mit Angaben über gemeinsame gleichzeitige Aufenthaltsorte ihrer Anwender anhäufen. Ein Aspekt, über den weder Google noch Facebook im selben Ausmass Bescheid wüssten – und der entsprechend viel wert wäre.

Noch ist der Konjunktiv angebracht. Denn die App selbst ist weit davon entfernt, ein Renner zu sein. Da wäre einerseits die zwar ansprechende, aber wenig intuitive Benutzeroberfläche. Zudem macht die App nur Spass, wenn auch andere tatsächlich damit Fotos schiessen – doch zumindest in Zürich ist man damit allein auf weiter Flur unterwegs, wie unsere Tests ergeben haben.

Eine App als Indikator

Die grösste Hürde für Color ist aber, dass jene, die gerne Fotos schiessen und diese mit der Welt teilen, längst diverse Lösungen für ihr Anliegen haben, darunter das unschlagbar populäre Facebook, das älteren Social-Foto-Sites wie Flickr längst den Rang abgelaufen hat. Color also könnte schlicht zu spät gestartet sein.

Die Abstinenz jeglicher Privatsphäre hingegen dürfte zumindest für die jüngere Generation kein Grund sein, die Finger davon zu lassen. Color könnte also zum interessanten Indikator dafür werden, wie fest wir bereits im Post-Privatsphären-Zeitalter angekommen sind.

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