Wie man Handystrahlung minimiert

Wie gefährlich ist die Handystrahlung? Schwer zu sagen. Sie lässt sich aber mit einigen Kniffen vermindern.

Nicht empfehlenswert: Lange Gespräche ohne Headset. Foto: Alamy

Nicht empfehlenswert: Lange Gespräche ohne Headset. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach dem Auflegen bleibt leichte Irritation. Nicht wegen des Inhalts des Telefongesprächs. Sondern, weil das Ohr von Minute zu Minute wärmer wurde. Wars nur Einbildung? Passiert das, weil sich das Handy erhitzte? Oder ist die elektromagnetische Strahlung schuld?

Jene Strahlung im Mikrowellenbereich also, die die Gemüter erhitzt. Erst diesen Sommer wieder sorgte eine Studie für Gesprächsstoff, die von einem Team um Umweltepidemiologe Martin Röösli vom Tropen- und Public-Health-Institut in Basel durchgeführt worden war. Gemäss dieser haben Jugendliche, die oft mobil telefonieren, etwas mehr Mühe bei geometrischen Aufgaben als ihre Altersgenossen mit moderater Handynutzung. Da das figurative Gedächtnis in der rechten Hirnhälfte angesiedelt ist und die meisten Leute ihr Handy ans rechte Ohr drücken, könnte die Strahlung der Grund für die tiefere Leistung sein. Allerdings gibt es viele andere Einflussfaktoren. Die Röösli-Studie kann also nicht nachweisen, dass Handystrahlen «dumm» machen. Und auch nicht, dass diese ein Gesundheitsrisiko darstellen.

Strahlung erwärmt Gewebe

Solche Bedenken gibt es schon länger. Im Jahr 2011 etwa hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO Handystrahlen vorsichtshalber als «möglicherweise krebserregend» bezeichnet. Während der letzten zwei Jahrzehnte seien viele Studien durchgeführt worden, so die Organisation heute. «Bislang konnten aber keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen durch Mobiltelefone festgestellt werden.»

Video: Vier von fünf 13-Jährigen haben ein Handy

Die Schweizer «MIKE»-Studie untersuchte das Mediennutzungsverhalten von Kindern zwischen sechs und dreizehn Jahren. Video: Tamedia

Erwiesen ist, dass nicht ionisierende Strahlung, wie sie von Handys ausgeht, die Erbinfor­mationen nicht verändert. Dies im Gegensatz zu ionisierender Strahlung, wie sie radioaktive Stoffe abgeben. Handystrahlung erwärmt aber das Gewebe. Ob das gesundheitliche Probleme verursachen kann, ist stark umstritten.

Die bislang aufwendigste Studie, durchgeführt vom US-Ministerium für Gesundheit, steht kurz vor Abschluss: In dem zwei Jahre langen Versuch des National Toxicology Program testeten die Forscher an Mäusen und Ratten, ob Handystrahlung Krebs verursacht oder begünstigt. Nachdem die US-Forscher in einem Zwischenbericht vor zwei Jahren die Öffentlichkeit noch gewarnt hatten, dass bestrahlte Tiere eher an Tumoren erkranken, bezeichnen sie im Schlussbericht die Handynutzung bloss noch als «nicht hochriskant». Die unabhängigen, renommierten Toxikologen, die den Bericht prüften, bemängeln zahlreiche Bewertungen. Sie sehen «klare Beweise», dass die Strahlen krebserregend sind. Laut den Studienautoren hingegen gibt es dafür lediglich «einige Beweise».

Teile der Infrastruktur für diese grosse US-Studie wurden in der Schweiz gebaut: von der aus der ETH Zürich entstandenen Forschungsstiftung für Informationstechnologie und Gesellschaft (IT’IS). Diese und die dazu gehörenden Partnerunternehmen sind führend bei der Analyse nicht ionisierender, elektromagnetischer Strahlung. Stiftungsleiter Niels Kuster führt durch das Zürcher Labor, zeigt, wo Messgeräte entwickelt und kalibriert werden. Und er stellt einen Roboter vor. Die hier gebaute Maschine, die elektromagnetische Felder genau ausmessen kann, steht mittlerweile weltweit in fast allen Testlabors. Anhand dieser Messungen errechnen die Handyhersteller die absorbierte Energierate, oft auch SAR-Wert genannt. Dieser beschreibt, wie hoch die Strahlenbelastung unter widrigsten Bedingungen ist, also bei schlechter Verbindung zur Basisstation.


So reduzieren Sie die Strahlenbelastung
Die einfachsten Kniffs und Tricks

Handy vom Leib halten
Die Strahlung nimmt mit der Distanz zum Gerät ab. Auf der sicheren Seite ist, wer den Freisprechmodus einschaltet, also aufs Lautsprechersymbol tippt, und das Gerät auf dem Tisch liegen lässt. Für die Mitmenschen verträglicher ist indes, wenn man ein Headset benutzt. Ohrstöpsel mit Kabel strahlen fast gar nicht. Auch bei Bluetooth-Freisprecheinrichtungen ist die Belastung markant tiefer als beim «normalen» Telefonieren. Einfache Headsets liegen den meisten Smartphones bereits bei. Falls nicht: Sie sind im Fachhandel ab 10 Franken zu haben.

Hindernisse meiden
Damit die Verbindung stets gut genug ist, passen Mobiltelefone die Sendeleistung dynamisch an. Diese ist normalerweise im Freien tiefer als hinter den dicken Mauern eines Hauses. Wer in einem faradayschen Käfig sitzt – also etwa in einem Auto oder einem nicht mit Mobilfunktechnik ausgerüsteten Bahnwagen –, könnte bei längeren Telefonaten rote Ohren kriegen. Auch beim Surfen und Chatten strahlt das Gerät, allerdings hält man es dann dabei meist in der Hand – weit weg vom Kopf.

Richtiges Gerät wählen
Je nach Bauweise strahlen Mobiltelefone unterschiedlich stark. Beim Kauf eines Geräts wirft man also besser auch einen Blick auf den sogenannten SAR-Wert. Er beschreibt, wie viel Leistung ein Gewebewürfel von 22 Millimeter Kantenläge bei sehr schlechter Verbindung abbekommt. Erwünscht ist ein möglichst kleiner Wert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt als obersten Grenzwert 2 Watt pro Kilogramm. Die Unterschiede bei den heute aktuellen Geräten sind gross: Während beim Smartphone Lenny 4 von Wiko ein SAR-Wert von 0.15 Watt pro Kilogramm und beim Galaxy Note 8 von Samsung einer von 0.17 ausgewiesen wird, strahlen das Mate 9 von Huawei (1.64), das 5T von OnePlus (1.68) und das Mi A1 von Xiaomi (1.75) weitaus stärker. Zum Vergleich einige gut verkaufte Modelle: Bei Samsungs Galaxy S9 liegt der SAR-Wert bei 0.37 Watt pro Kilogramm, Huawei kommt mit dem P20 auf 0.76 und Apple mit dem iPhone X auf 0.92.


Obwohl die Smartphones im letzten Jahrzehnt stark weiterentwickelt worden sind, bleiben die Strahlenwerte hoch. Viele heutige Geräte strahlen sogar stärker als ihre Vormodelle, wie eine Durchsicht der vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz gesammelten Angaben zeigt. Ein Beispiel: Apples erstes iPhone hatte mit 0,62 Watt pro Kilogramm den tiefsten SAR-Wert dieser Produktlinie. Das vorletztes Jahr auf den Markt gekommene iPhone 7 dagegen strahlt mit 1,38 Watt pro Kilo mehr als doppelt so stark.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Geräte sind dünner geworden. Und die bei den frühen Handys externen Antennen stecken heute im Gerät. Entsprechend nahe kommen sie beim Telefonieren dem Kopf. Während das Gehäuse früher meist aus Plastik war, kommen nun in der Regel stärker dämmendes Metall oder Glas zum Einsatz. Zudem funken die Geräte auf immer mehr Frequenzen: Sie sollen Sprache und Daten über alle ­aktuellen Mobilfunkfrequenzen übermitteln können, wie auch über Wireless-LAN und Bluetooth.

«Das macht es schwierig, Geräte mit tiefer Strahlungsleistung zu bauen», sagt Kuster. «Aber es ist möglich.» Ein Beispiel dafür sei Samsung. Der koreanische Hersteller habe ausserordentlich viel in diesem Bereich investiert.

Plötzlich versiegte das Forschungsgeld

«Anfang der 1990er-Jahre wusste noch kaum ein Hersteller, wie stark die eigenen Geräte strahlen», erzählt Niels Kuster. Das änderte sich, nachdem 1992 in den USA eine erste Klage eingereicht worden war: Plötzlich wurde emsig geforscht. Messstandards wurden erarbeitet, ­Gesetze erlassen. «Die strenge Strahlenschutzverordnung der Schweiz verhindert seither die ‹dummen› Installationen» – also Mobilfunknetze, die aus wenigen «Strahlenkanonen» bestehen statt aus vielen Antennen mit tiefer Leistung. Zudem versuchten die Hersteller, die Strahlung der Geräte zu reduzieren: Während die frühen Handys bei jedem Wechsel der Funkzelle die Sendeleistung zuerst aufs Maximum hochgefahren haben, wird diese seit der dritten Mobilfunkgeneration dynamisch angepasst.

«Doch dann drehte der Wind», sagt Kuster. Nun sei genug getan, lautete der Branchentenor. Die Forschungsgelder versiegten. Die Entwicklung stagnierte. Erst allmählich sind die Wissenschafter wieder gefragt – wegen kritischer Studien, vor allem aber wegen der bevorstehenden fünften Mobilfunkgeneration (5G).

Bereits nehmen Anbieter wie die Swisscom erste 5G-Antennen in Betrieb. Wissenschaftler Niels Kuster warnt indes: «Noch kann niemand abschätzen, welche gesundheitlichen Auswirkungen die neue Technik hat.» Diese übermittelt Daten auf höheren Frequenzen. Solche Strahlung wird in den obersten Hautschichten absorbiert. Die Wärme verteilt sich schlecht, die Haut erwärmt sich lokal stark. «Das muss erforscht werden, bevor man Antennen aufstellt und ­Mobilgeräte verkauft», fordert er. Auch im Eigeninteresse der Netzbetreiber und Gerätehersteller: «Denn früher oder später wird es Klagen geben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2018, 18:48 Uhr

Artikel zum Thema

Handystrahlung beeinträchtigt Gedächtnis von Jugendlichen

Die Nutzung von Mobiltelefonen kann sich nachteilig auf bestimmte Gehirnregionen von Minderjährigen auswirken. Mehr...

Handystrahlung verändert die Hirnaktivität im Schlaf

Mobilfunkstrahlung kann Vorgänge im Körper beeinflussen, etwa die Hirnaktivität im Schlaf. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Nationalfonds. Ob Strahlung die Gesundheit schädigt, bleibt unklar. Mehr...

Bösartige Hirntumore nehmen zu

SonntagsZeitung Neue Zahlen aus England erschrecken Handynutzer – doch Strahlung ist laut Experten nur eine der Ursachen für Krebs. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Mamablog Die Diktatur der Frühaufsteher
Von Kopf bis Fuss Die Mär von der Low-Carb-Ernährung

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...