Weniger ist fast gleich viel

Test

Die günstigen Chromebooks von Google kommen in ihrer Leistung nicht an die Windows- und Mac-Computer heran. Aber das müssen sie gar nicht. Für den Alltag reichen sie in den meisten Fällen völlig.

  • loading indicator
Rafael Zeier@RafaelZeier

Am 8. April ist es so weit. Microsoft stellt die Unterstützung für Windows XP ein. Das alte Schlachtross unter den Betriebssystemen hat ausgedient. Microsoft selbst empfiehlt, spätestens dann zum Schutz vor Schadsoftware eine aktuelle Version von Windows zu installieren – und wenn der PC dazu zu alt ist, einen neuen zu kaufen. Im Fall des eigenen Notebooks von 2004, das in der Stube der Eltern noch heute brav seinen Dienst tut, ist an eine neue Windows-Version nicht mehr zu denken. Nach zehn Jahren muss ein neuer Computer her. Noch vor fünf Jahren wäre das eine einfache Entscheidung gewesen: Windows oder Mac. Heute ist es nicht mehr so simpel. Denn inzwischen buhlen nebst altbekannten Laptops und Desktop-Computern auch zahlreiche Tablets um die Gunst der Kunden.

Die Alternative von Google

Tatsächlich dürfte für manchen Haushalt ein Tablet schon ausreichen. Ein paar E-Mails schreiben und surfen kann man darauf mindestens genauso gut wie auf einem Laptop. Mit einer Ansteck­tastatur oder etwas Experimentierfreudigkeit kann man auf einem Tablet sogar noch viel mehr, wie der Selbstversuch des Autors im letzten Jahr gezeigt hat. Aber was, wenn man sich mit einem ­Tablet und seinem Touchscreen nicht anfreunden kann und doch keinen ausgewachsenen Computer braucht?

An dieser Stelle kommt Google ins Spiel. Der Konkurrent von Apple und Microsoft hat nämlich mit Android nicht nur das derzeit meistgenutzte Handy-Betriebssystem im Angebot, sondern auch Chrome OS für Laptops und PCs.

Anders als das erfolgreiche Android stehen Chrome OS und die dazugehörigen Laptops namens Chromebook noch ganz am Anfang. Offiziell vorgestellt wurde das Betriebssystem 2009. 2011 wurden die ersten Chromebooks verkauft, aber erst in den letzten zwei Jahren nahm das Projekt langsam Fahrt auf. Dass der Erfolg nicht über Nacht kam, liegt am radikalen Ansatz von Google. Statt für einen Computer mit grosser Festplatte, schnellem Prozessor und vielen Programmen entschied sich der Suchmaschinenkonzern für einen minimalistischen Ansatz. Chrome OS ist in erster Linie ein Webbrowser. Fast alle Programme, die man auf einem Chromebook ausführt, laufen im Browser. Egal, ob man in der gratis Office-Alternative Texte schreiben, Fotos bearbeiten oder Musik hören möchte, immer geht ein Browserfenster auf. Der Computer wird zum Internetterminal. Für Profianwendungen oder Computerspiele reicht das kaum.

Dafür wurde Google anfangs verlacht. Doch mit dem Aufkommen von Cloud-Diensten wie Dropbox oder der iCloud von Apple dreht sich der Wind langsam. Gerade auf dem Handy haben sich viele Nutzer daran gewöhnt, dass ihre Daten nicht mehr lokal, sondern im Internet gespeichert werden. Kürzlich machte gar das Gerücht die Runde, dass Samsung nur noch Chromebooks und keine Windows-PCs mehr bauen wolle. Dass sich die Situation geändert hat, merkt man auch, wenn man sich im Bekanntenkreis umhört. Kollege M. hat seiner Frau ein Chromebook gekauft, da sie keinen teuren Laptop wollte. Kollegin R. hat sich gleich zwei Chromebooks gekauft und weint Windows mit all seinen Updates und Komplikationen keine Träne nach. Selbst Computerprofis geben zu, die kleinen Google-Laptops unterschätzt zu haben. Höchste Zeit also, selbst eines auszuprobieren.

Genügend Anschlüsse

Das Design des Testgeräts von Samsung (ab 333  Franken) ist wenig aufregend, aber simpel und dadurch trotz Plastikhülle sogar ein bisschen elegant. Der silbrige Laptop passt mit seinem 11-Zoll-Bildschirm selbst in kleine Umhängetaschen und ist in etwa so dick wie zwei Tablets aufeinander. Bei den Anschlüssen vermisst man nichts. Zweimal USB, einmal HDMI, ein SD-Kartenleser und ein Kopfhörer-Ausgang. Ein CD-Laufwerk sucht man allerdings vergebens. Aber davon sollte man sich sowieso langsam verabschieden.

Klappt man den Bildschirm hoch, dauert es keine 15  Sekunden, bis das Chromebook einsatzbereit ist. Als Erstes muss man das Gerät per WLAN mit dem Internet verbinden. Wer bereits ein Google-Konto hat, braucht dann nur noch sein Passwort einzugeben und kann loslegen. Als Windows-Nutzer findet man sich im neuen Betriebssystem sehr schnell zurecht. Alles, was man braucht, ist da, wo man es vermutet. Und viele der kleinen Ärgernisse, die einem im Windows-Alltag begegnen, tauchen gar nicht erst auf.

Ein bisschen anpassen muss man sich dennoch. Wenn man beispielsweise das Wort Ärgernisse schreiben möchte, klappt das nicht auf Anhieb, da Google die Caps-Lock-Taste durch eine Suche-Taste ersetzt hat. Man muss erst die Alt- und die Suche-Taste drücken, um die Grossschreibung zu aktivieren. Erst dann gibts ein Ä. Wer will, kann in den Einstellungen die Suche-Taste in die Caps-Lock-Taste zurückverwandeln.

Bedenken zum Datenschutz

Leider gibt es derzeit keine Skype-App für Chromebooks. Mit Hangouts gibt es aber eine gute Alternative. Wenn man das Chromebook im Alltag nutzt, merkt man kaum, dass praktisch alle Programme im Browser ausgeführt werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das auch ohne Internetverbindung klappt. Auch wenn Chromebooks in erster Linie Internetterminals sind, kann man auch offline einen Brief schreiben oder Fotos bearbeiten. Alles, was man im Offline-Modus schreibt, wird so lange lokal zwischengespeichert, bis man wieder online ist. Am besten funktionieren die Chromebooks aber, wenn man mit dem Internet verbunden ist. Schreibt man etwa einen Brief, muss nicht extra auf den Speichern-Knopf gedrückt werden. Man kann mitten im Schreiben den Laptop zuklappen und den Text auf dem Smartphone in der Google-Drive-App weiterbearbeiten.

Diese Automatismen machen den Reiz der Chromebooks aus. Selbst wenn ein Chromebook kaputt- oder verloren geht, der Inhalt bleibt erhalten. Kommt dazu, dass Chromebooks so Schadsoftware wenig Angriffsfläche bieten. Der Nachteil: Man wird von Googles Diensten abhängig. Auch gibt es bei dieser Netzlastigkeit berechtigte Datenschutzbedenken. Abgesehen davon bekommt man mit einem Chromebook für wenig Geld einen Computer, der im Alltag zuverlässig seinen Dienst tut. Nicht mehr und nicht weniger.


Der Autor hat diesen Artikel auf einem Chromebook geschrieben und wird seinen Eltern im März auch eines schenken. An seiner eigenen digitalen Kombination aus Windows-8-Laptop, iPad Air und Android-Smartphone wird er aber vorerst nichts ­ändern.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt