Warum Microsoft in Android investiert

Die Redmonder investieren angeblich in ein Unternehmen, das «Google Android wegnehmen» will. Was dahintersteckt.

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Jan Rothenberger@janro

Das Statementschlug ein wie eine Bombe: «Wir wollen Google Android wegnehmen.» Schon länger polemisiert der kämpferische Cyanogen-Chef Kirt McMaster gegen Google, das gehört zur Marketingstrategie. Sie scheint verfangen zu haben bei Microsoft: Der Techkonzern investiert gemäss dem «Wall Street Journal» Geld in Cyanogen. Cyanogens Mission ist es, den quelloffenen Teil von Android so weiterzuentwickeln, dass er als eigenständiges Produkt offiziellen Androidversionen wie Lollipop den Rang abläuft. Bereits im Herbst 2014 hatte Microsoft die Nähe des Jungunternehmens gesucht, Konzernchef Satya Nadella traf sich mit den Gründern. Nun scheint der Deal perfekt, es soll sich um einen Teil eines 70-Millionen-Investments handeln. Beide Firmen kommentierten dies bislang nicht.

Android als Einfallstor

Android ist für Google so zentral, weil es dessen Angebote gebündelt auf über eine Milliarde Geräte bringt: Suche, Play Store, Gmail, Drive und so weiter. Längst nicht alle Smartphone-Hersteller freuen sich über diese Kontrolle, die Google über sein Betriebssystem ausübt. Cyanogen-Chef Kirt McMaster bezeichnet sie gern als «tyrannisch».

Gestartet als Projekt des Programmierers Steve Kondik, ist Cyanogen mit seiner Antistrategie zu einem Unternehmen geworden, das von Techfirmen umgarnt wird. Beliebtheit erlangte Cyanogen bei Nutzern, die sich über die Anpassungen ärgern, die Smartphone-Hersteller ihren Telefonen verpassen. Oberflächen wie Samsungs Touchwiz oder HTCs Sense sind bei vielen Androidkunden wenig populär. Cyanogens Androidversionen kommen dagegen schlank und ohne Ballast daher. Zudem bringen sie einen Privacy Guard mit: Darin lassen sie die Berechtigungen einzelner Apps nach Belieben zurechtstutzen. Glaubt man Cyanogen, sind seine Versionen ausserdem stabiler und schneller als die Herstellersoftware. 50 Millionen Nutzer soll das alternative Betriebssystem inzwischen haben.

Kandidat für den dritten Platz

Microsoft setzt bei seinen eigenen Geräten aktuell nur auf Windows Phone und zeigt kein Interesse an eigenen Android-Smartphones. Die Nokia-X-Reihe, ein Versuch mit Android-Mittelklasse-Modellen, stellte das Unternehmen im Sommer 2014 ein. Trotzdem ist Android wichtig für Microsoft. Zum einen verdienen die Redmonder bereits jetzt indirekt an Androidgeräten, Schätzungen rechnen mit ein bis zwei Milliarden Dollar an Patentgebühren, die jährlich an Microsoft fliessen. Und auch an anderer Stelle ist Android für Microsoft zentral: Als Plattform für seine Apps. Satya Nadella baut Microsoft nach und nach zu einem Dienstleister für die Zeit nach dem PC um. Das bedeutet, dass Microsoft auf möglichst vielen mobilen Geräten präsent sein will. Das beste Beispiel dafür ist, dass Microsoft sein Officepaket gestern auch offiziell für Konkurrent Android veröffentlicht hat.

Windows Phones Marktanteil stagniert im unteren einstelligen Prozentbereich. Auch darum kommt Microsoft nicht mehr um Android als das verbreitetste mobile Betriebssystem herum. Dies macht Cyanogen für das Unternehmen noch attraktiver: Gelingt es Microsoft nicht, Windows Phone populärer zu machen, könnte Cyanogen eine neue Chance sein, einen starken Rivalen für Google und Apple zu schaffen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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