Vorerst nur in China massentauglich

Viel Leistung zu einem tiefen Preis: Das lieben die Chinesen an den Smartphones von Xiaomi. Nun importiert ein grosser Händler diese auch in die Schweiz. Soll man zugreifen?

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199 Franken. So wenig kostet dieses Smartphone. Und trotzdem verspricht das Redmi 1S des chinesischen Herstellers Xiaomi, das Digitec nun in der Schweiz verkauft, eine Menge: Eine 8-Megapixel-Kamera ist ebenso eingebaut wie eine 1,3-Megapixel-Kamera für Selfies und Videochats. Im Inneren werkelt der Snapdragon-400-Prozessor des renommierten Herstellers Qualcomm, der vier Kerne hat und mit 1600 Megahertz getaktet ist.

Der Arbeitsspeicher wiederum hat mit einem Gigabyte eine vernünftige Grösse, 8 Gigabyte an internem Speicher sind zwar eher knapp bemessen für Musik-, Foto- und Filmenthusiasten. Allerdings lässt sich der Speicher mit einem Kärtchen um bis zu 128 Gigabytes ausbauen. Das Gerät unterstützt den neuen Bluetooth-Standard. Selbst ein NFC-Chip zum Koppeln mit Peripheriegeräten sowie zum Bezahlen ist mit an Bord. Und: Im Gerät finden gleich zwei SIM-Karten Platz, etwa eine private und eine geschäftliche.

Kurz und gut: In diesem Smartphone stecken zwar nicht Topkomponenten, aber aktuelle Mittelklasse-Bauteile. Und der Preis, der ist heiss. Letzteres gilt auch für die anderen Produkte von Xiaomi: für die in China populären Einsteiger-Smartphones wie für die Spitzengeräte der Mi-Serie, bei deren Gestaltung man sich offensichtlich ein bisschen vom iPhone inspirieren liess.

Der noch unbekannte Gigant

Der Hersteller Xiaomi ist hierzulande weitgehend unbekannt. In China ist dies ganz anders: Dort erobert das 2010 gegründete Unternehmen derzeit den Markt im Sturm. Dem Gründerteam gehören ehemalige Mitarbeiter von Google, Microsoft und Motorola an. Und natürlich Lei Jun: Der extrovertierte Geschäftsführer setzt sich bei Auftritten gerne so in Szene, wie es früher Steve Jobs tat, und gilt als Popstar der lokalen IT-Szene. Er liebt vollmundige Ansagen. Umso erstaunlicher: Er erreicht diese mit seinem Unternehmen meistens auch. Vor einem Jahr holte er den damaligen Android-Vizechef Hugo Barra zu Xiaomi nach China.

Im zweiten Quartal dieses Jahres hat das Unternehmen im eigenen Land erstmals mehr Geräte verkauft als Samsung, der weltweite Branchenprimus aus Südkorea. Das liegt zum einen daran, dass viele Chinesen einheimische Produkte den internationalen vorziehen. Der Hauptgrund ist aber die aggressive Preispolitik: Das Unternehmen kalkuliert mit wenigen Prozenten Marge, während Hersteller wie Apple teils fast doppelt so viel verlangen, wie die Komponenten und der Bau des Geräts gekostet haben. Viel Geld spart die Firma, weil sie viele Geräte per Internet verkauft. Verdienen will sie vorab an den Verkäufen über den eigenen App-Store.

Die Chinesen übernehmen

Möglichst bald schon will Xiaomi auch anderswo auf der Welt Fuss fassen. Damit folgt der jüngste chinesische Hersteller dem Vorbild diverser weiterer Telekommunikationsunternehmen aus dem Land: jenem von Huawei und ZTE etwa, die sich dank preislich attraktiven Geräten international bereits einen Namen gemacht haben. Und das Unternehmen Meizu, das bislang bloss in China aktiv war, macht weltweit Schlagzeilen mit dem ersten Gerät, das unter dem neuen Betriebssystem Ubuntu Touch läuft. Auch der aus dem PC- und Servergeschäft gut bekannte chinesische Hersteller Lenovo, der jüngst Motorola von Google übernommen hat, bereitet eine Mobiloffensive auf dem europäischen Markt vor. Bereits seit längerer Zeit werden die meisten Smartphones in China zusammengebaut. Doch allmählich verschiebt sich auch das Innovationszentrum weg aus den USA via Korea nach China.

Es fehlt noch am Feinschliff

Doch zurück zu Xiaomis Smartphone: Vermag es wirklich mit den Geräten der bekannten Hersteller mitzuhalten? Zugegeben: Eine Augenweide ist das Redmi 1S nicht. Es ist etwas klobig. Und das Rückteil aus Kunststoff fühlt sich wenig wertig an. Das nimmt man angesichts des tiefen Preises aber in Kauf. Schaltet man das Gerät ein, folgt aber eine leise Ernüchterung. Eine deutsche Übersetzung der Software ist bislang nicht verfügbar. Immerhin gelingt es, das Gerät auf Englisch umzustellen. Allerdings verschwinden auch dadurch nicht alle chinesischen Schriftzeichen.

Xiaomi hat dem Betriebssystem Android (Version 4.3) die schöne, einfache Benutzeroberfläche Miui übergestülpt, die weniger an jene des Standard-Android erinnert, dafür umso mehr an jene des iPhone. Sie kann individuell gestaltet werden. Deshalb hat sich um Miui herum eine grössere Fangemeinde gebildet.

Obwohl das Smartphone unter Android läuft, sucht man Googles Apps wie Maps, Hangouts und Youtube vergebens. Auch die meisten anderen hierzulande beliebten Apps fehlen. Stattdessen sind diverse mit chinesischen Schriftzeichen angeschriebene Programme vorinstalliert. Der Play Store von Google wurde durch den Mi Store ersetzt, in dem chinesische Apps zu finden sind, aber kaum solche aus den USA und Europa.

Zwar kann der Zugang zum Play Store geöffnet werden. Beim Test taten wir uns beim Installieren von Apps aus diesem Store aber schwer. Das Ersetzen des Play Store mag im Markt China die richtige Strategie sein. Für den hiesigen, stark auf US-Dienste fokussierten Markt gilt dies nicht.

Noch ist Xiaomi also nicht wirklich bereit für den europäischen Markt. Wer trotzdem vom vermeintlichen Schnäppchen profitieren will und bei diesen Schriftzeichen nur Chinesisch versteht, hat zwei Möglichkeiten: Entweder werden die gewünschten Apps selber nachinstalliert und die überflüssigen entfernt. Oder man spielt das Betriebssystem von Grund auf neu auf. Cyanogenmod etwa, die grösste alternative Android-Zusammenstellung, ist in inoffiziellen Versionen für das Redmi und die Mi-Serie verfügbar (siehe etwa diese englischsprachige Anleitung). Aber: Bei solchen Übungen muss man sehr vorsichtig sein. Denn geht dabei etwas schief, wird aus dem vermeintlichen Schnäppchen rasch eine unbrauchbare Fehlinvestition.


Das Testgerät des Xiaomi Redmi 1S wurde von Digitec zur Verfügung gestellt. Xiaomi liefert auch direkt in die Schweiz, doch können dabei hohe Zollgebühren anfallen.

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