Schwimmen im Strahlenmeer

Wir schicken immer schneller immer grössere Datenpakete durch unser Mobilfunk- und Wireless-Netz. Wir setzen uns damit elektromagnetischer Strahlung aus. Bereiten wir der nächsten Zivilisationskrankheit das Feld?

Mahnmal des unstillbaren Datenhungers: Eine Mobilfunkantenne.

Mahnmal des unstillbaren Datenhungers: Eine Mobilfunkantenne.

(Bild: Keystone)

Jürg Steiner@Guegi

Sähen WLAN-Netze aus wie Fischernetze, die Berner Spitalgasse wäre unpassierbar. Via Smartphone ortet man von der Strasse aus auf engstem Raum Dutzende pulsierender WLAN-Schirme. Nutzen kann man sie zwar nicht, aber bestrahlt wird man von allen, zusätzlich überlagert von Mobilfunkantennen, die das Stadtzentrum selbstverständlich auf voller Feldstärke abdecken.

Im Zug das gleiche Bild: Von links und rechts pulsieren elektromagnetische Wellen der privaten Handys und Notebooks, während man gleichzeitig auf praktisch der ganzen Fahrt durch das Strahlenmeer des Mobile-Phone-Netzes pflügt.

Omnipräsente Strahlung

Und das ist erst der Anfang. Bis Ende 2014 wollen die SBB in sämtlichen Wagen des Fernverkehrs beste Internetverbindungen und optimalen Handyempfang garantieren. Auf Bahnhöfen wird kostenloses WLAN zum Standard. Die Stadt Bern treibt den Aufbau eines flächendeckenden Gratis-WLAN-Netzes voran. Postautos fahren als rollende WLAN-Inseln in die Peripherie.

Spitalbetten ohne WLAN-Versorgung werden als Zumutung empfunden. In Wohnüberbauungen überlagern sich Router aus jeder Wohnung zu einem WLAN-Dschungel. Die Schweizer Mobilfunkanbieter rüsten ihre Netze rasant mit leistungsfähigerer LTE-Technologie auf – damit wir schneller Fotos auf Facebook uploaden, PDFs downloaden und ruckelfrei Youtube-Filmchen streamen können.

Alles, überall, immer. Den Strahlungsschirmen der Wireless- und Mobilfunknetze kann man nicht mehr entgehen. Beim konzentrierten Blick aufs Display des Smartphones blendet man meistens aus, dass die Nachrichten und Daten, die wir – ob über WLAN oder Mobilfunk – übermitteln, elektromagnetische Strahlung benützen. Und dass wir deshalb wachsende Elektrosmogdosen produzieren. Unsichtbar. Unfühlbar. Aber ganz nahe bei unserem Körper.

Konflikt spitzt sich zu

Handeln wir uns damit ein ernsthaftes Krankheitsrisiko ein? Oder beackern Angstmacher, Fortschrittsskeptiker und Gesundheitsfetischisten bloss ihr nächstes Tummelfeld?

Jürg Baumann bewegt sich fast täglich in diesem Konfliktgebiet, in dem wirtschaftliche Interessen und gesundheitliche Bedenken immer heftiger kollidieren. Er ist Chef der Sektion Nichtionisierende Strahlung im Bundesamt für Umwelt (Bafu). Zusammen mit Andreas Siegenthaler, Experte für Fragen im Hochfrequenzbereich, will er jetzt im Sitzungszimmer des Bafu-Verwaltungsgebäudes in Ittigen ein differenziertes Bild der Elektrosmogproblematik zeichnen. Und macht zuerst einen kleinen Ausflug in die Grundlagen der Strahlenphysik.

Veränderte Hirnströme

Im Gegensatz etwa zu Röntgenstrahlen können nicht ionisierende Mobilfunk- oder WLAN-Strahlen Atome oder Moleküle von Lebewesen nicht direkt verändern. Sie entwickeln aber Wärme, wie wir sie in konzentrierter Form etwa beim Betrieb von Mikrowellenöfen nutzen. Nun aber verlässt man das wissenschaftlich gesicherte physikalische Wissen über die Folgen der WLAN- und Mobilfunkbestrahlung bereits. Unbestritten ist, dass die elektromagnetische Strahlung auch biologische Effekte auf den menschlichen Organismus hat – beispielsweise die Veränderung von Hirnströmen.

Aber man weiss nicht, wie sie zustande kommen, und auch nicht, ob sie gesundheitlich von Bedeutung sind. «Diese Unsicherheiten», sagt Baumann, «sind bei der Festlegung von Strahlungsgrenzwerten in der Verordnung des Bundes berücksichtigt worden.»

Salopp gesagt: Die Strahlungslimiten für ortsfeste Mobilfunk-, Rundfunk- oder Radaranlagen sind so tief angesetzt, dass sie die Bevölkerung nicht nur vor der ungesunden Wärmewirkung der Strahlung schützen, sondern zusätzlich eine vorsorgliche Sicherheitsmarge haben für eventuelle weitere biologische Auswirkungen.

Im europäischen Vergleich hat die Schweiz laut Baumann strenge Grenzwerte – was der Mobilfunkindustrie, deren Netze an Kapazitätsgrenzen stossen, zunehmend ein Dorn im Auge ist.

«Extrem dynamisch»

Was die Gesundheit angeht, sieht Baumann im Moment keinen Anlass zu Besorgnis. Im Durchschnitt sei die Belastung der Bevölkerung niedrig, und auch die höchsten Expositionen würden «dank der strengen Schweizer Regelung zuverlässig begrenzt».

Aber er will sich – angesichts der Dauerexposition, der man sich erst seit wenigen Jahren zu Hause, im Zug, auf dem Perron, im Büro, in der Beiz aussetzt – nicht langfristig festlegen. «Die mobile Kommunikation entwickelt sich extrem dynamisch», sagt er – «nicht nur quantitativ, auch technologisch.»

Das sei hochspannend – aber es sei kaum voraussehbar, wie sich etwa neue technische Lösungen auf die Strahlenbelastung auswirkten. Oder wie sich der biologisch-medizinische Wissensstand verändere – zum Beispiel, wenn mehr Erfahrungswerte von Menschen vorlägen, die sich jahrelang im dichten Elektrosmog bewegten.

Diffuse Elektrosensibilität

Immer häufiger werden diffuse gesundheitliche Beschwerden – Schlafstörungen, Erschöpfung, Nervosität, Kopfschmerzen, Tinnitus, Schwindel – mit nicht ionisierender Strahlung in Verbindung gebracht.

Kritische Ärzte glauben, dass der menschliche Organismus als bioelektrisches System von elektromagnetischer Dauerbelastung empfindlich gestört werde. Schwach strahlende, eigentlich unbedenkliche Wireless-Netze beispielsweise sind auf die gleichen Schwingungen getaktet wie Alpha-Hirnwellen.

Elektrosensibilität hat sich als Sammelbegriff für unklare Symptome bei möglicher Strahlungsempfindlichkeit etabliert – um eine objektive medizinische Diagnose mit allgemein anerkannten, physisch nachweisbaren Kriterien handelt es sich allerdings (noch) nicht.

Elektrosensible Menschen werden häufig auf psychische Probleme reduziert, allerdings gibt es auch Forschungsgruppen in den USA, die neurologische Veränderungen bei Elektrosensiblen nachgewiesen haben wollen. «Das Bild ist zu uneinheitlich, als dass man klare Schlüsse ziehen könnte», sagt Jürg Baumann. Weil die Wissenslücken gross sind, ringen Interessengruppen mitunter erbittert um die Wahrheit. Auf der einen Seite wollen die Netzbetreiber den wachsenden Datenhunger der Benutzer aus wirtschaftlichen Gründen jederzeit und überall befriedigen.

Auf der anderen Seite kämpfen Gruppierungen wie «Gigahertz» um den Berner Aktivisten Hans-Ulrich Jakob, der vor fünfzehn Jahren den Kurzwellensender Schwarzenburg bekämpft hat, gegen den Dauerausbau der mobilen Kommunikationsnetze.

Hausgemachter Elektrosmog

Zu den kritischen Wortführern gehört die kalifornische Bioinitiative, die 2012 ihren Grossreport über den weltweiten wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zur Elektrosensibilität vorlegte.

Ihr Fazit: Elektrosmog schwächt das Immunsystem, reduziert die Fruchtbarkeit, führt zu Zellveränderungen, begünstigt Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer. Schon sehr geringe Dosen genügten bei chronischer Strahlungsexposition, um Gesundheitsschädigungen hervorzurufen.

Man müsse eines im Auge behalten, sagt Jürg Baumann. Dass man sich oft selber am meisten dem Elektrosmog aussetze. Die Strahlenbelastung nimmt nicht nur im öffentlichen Raum zu. Sondern sehr stark auch zu Hause, wo am Familientisch oft mehrere Smartphones gleichzeitig senden und im Keller eine WLAN-Basisstation blinkt.

Wenn sie sich denn im Keller befindet: «Eine der effizientesten Massnahmen, elektromagnetischer Strahlung zu entgehen, ist, Distanz zu den Strahlungsquellen zu halten», sagt Baumann. Schon ein Meter Abstand reduziert die Belastung erheblich.

Wie gross die durchschnittliche Belastung der Bevölkerung mit nicht ionisierender Strahlung heute genau ist und wie stark sie zunimmt, wird nicht systematisch erhoben. Aufgrund eines überwiesenen Postulats der grünen Thurgauer Nationalrätin Yvonne Gilli bereitet das Bafu nun ein Monitoringprogramm vor. Über die Finanzierung muss noch der Bundesrat entscheiden.

Live-Experiment

Ob der Dauerelektrosmog die Elektrosensibilität zur Zivilisationskrankheit erhebt, ist offen. Das diffuse Gefühl, gerade an einem selbst verursachten Liveexperiment zur Langzeitstrahlenexposition teilzunehmen, lässt sich schwer abschütteln.

Klar ist: Die durch die Mobilfunk- und Wireless-Technologie ermöglichte Dauererreichbarkeit fördert Zivilisationskrankheiten, die wir kennen: Stress, Erschöpfung, Burn-out. Und: Telefonieren am Steuer ist, im Gegensatz zur Strahlung, ein zweifelsfrei nachgewiesenes Risiko – für schwere Unfälle.

Berner Zeitung

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