«Küss sie/mach nichts»

Den Helden per App steuern: Der Schweizer Film «Late Shift» macht den Zuschauer zum Marionettenspieler.

Unterwegs zur nächsten Entscheidung: Matt und Antiquitätenräuberin May-Ling.

Unterwegs zur nächsten Entscheidung: Matt und Antiquitätenräuberin May-Ling.

(Bild: CtrlMovie (pd))

Jan Rothenberger@janro

«Du betrittst eine Höhle, nimmst du den linken Pfad (Seite 20) oder den rechten (Seite 61)?» 1979 bewarb der US-Verlag Bantam 1979 eine neue Art von Buch: In «Cave of Time» traf erstmals der Leser die Entscheidungen. Jedes Minikapitel enthielt mehrere Handlungsoptionen, je nach Wahl blätterte man an anderer Stelle weiter. «Choose your own adventure» nannte sich das Prinzip, das zur erfolgreichen Buchreihe wurde. Bis in die 90er-Jahre erschienen über 180 Folgen.

Der Schweizer Spielfilm «Late Shift» digitalisiert die Idee: Hier steuert der Zuschauer den Helden durch einen Gangster-Plot auf eines von sieben möglichen Filmenden zu. An Schlüsselstellen blendet der Film Handlungsoptionen ein: Etwa «Kämpfen/Fliehen», «Geh nach oben/nach unten», «Küss sie/mach nichts». Per Button in der App befiehlt der Zuschauer.

Geschniegelte Diebe

So an unsichtbaren Fäden hängt der Londoner Parkwächter Matt. Dem fällt während seiner Nachtschicht in der Edelkarossengarage ein Gangster förmlich vor die Füsse. Jener fackelt nicht lange und zwangsrekrutiert Matt als Chauffeur. Nach einem erfolglosen Fluchtversuch (oder ohne, das entscheidet der Zuschauer) trifft Matt auf eine Gruppe von Twentysomethings, die – wie auch Matt selbst – in jede Calvin-Klein-Werbung passen würden.

Sie stellen sich als Profidiebe heraus, die gerade einen Raubzug vorbereiten. Und Matt passt just als unfreiwilliger Komplize in den Plan. Ziel des Coups ist eine Porzellanschüssel – Ming-Dynastie, unbezahlbar, versteht sich – die noch in derselben Nacht per Auktion den Besitzer wechseln soll. Beim Plot setzt «Late Shift» auf Standardzutaten. Natürlich wollen die Räuber Matt nachher nicht einfach laufen lassen und natürlich sind finstere Chinesen ebenfalls hinter der Schüssel her.

Der Zuschauer huckepack

Die Produktion des Schweizer Regisseurs und Drehbuchautors Tobias Weber ist ein Film wie ein Flowchart. In 180 Entscheidungen lenkt der Zuschauer die Figuren durch den Film. Huckepack auf den Schultern des Protagonisten ist man Engel oder Teufel – oder wählt auch nur, ob man bei der Flucht Fenster oder Treppe vorzieht. Die Entscheide stellen wie in einem Videospiel die Weichen für den weiteren Plot. Auch wenn sich der Zuschauer dabei ungeschickt anstellt: Echte «Gameover»-Momente gibt es nicht. Doch «Late Shift» ist so konsequent, dem Zuschauer wenn nötig ein «schlechtes» Ende einzubrocken, indem die Geschichte für die Protagonisten blutig ausgeht. «Wir nehmen in Kauf, den Zuschauer mit einem Ende zu enttäuschen», sagt Regisseur Weber. Je nach Pfad durch den Plot dauert der Film zwischen 60 und 85 Minuten. Insgesamt sind es rund vier Stunden Film, aus denen sich die Teilgeschichten zusammensetzen.

Hinter «Late Shift» steht mit Ctrlmovie ein Schweizer Start-up. Finanziert über Investoren und Fördergelder, darunter SRG und Pro Helvetia, haben die Macher «Late Shift» für rund 1,5 Millionen Franken gedreht.

Das Räderwerk dahinter

«Manchmal sind die Entscheidungen so klein, dass du sie gar nicht siehst», lassen die Macher Matt an einer Stelle sagen. Das kann den Zuschauern von «Late Shift» nicht passieren: Bei jeder Abzweigung blendet der Film am unteren Bildrand zwei bis drei Kästchen ein. Über eine vorab installierte App sagt der Zuschauer, wo es langgehen soll. Das Prinzip ist gleichzeitig angedacht für den Kinosaal wie auch für das Smartphone. Zum einen läuft «Late Shift» ab Mitte März in einzelnen Kinos, zum anderen packen die Macher ihre Produktion komplett in eine weitere App, über die sich der Film auf iPhone oder iPad schauen lässt. Im Kinosaal wird der weitere Gang der Handlung übrigens demokratisch entschieden. Matt richtet sich nach dem Mehrheitsvotum.

Es muss so sein in einem Film, der wie ein Spiel funktioniert: Die blasse Hauptfigur lässt viel Raum für Projektion. Matt wird erst im Laufe der Geschichte zum Mann mit Eigenschaften, immer vorausgesetzt, man legt Wert auf kohärentes Verhalten. Matt kann theoretisch auch zum Verhaltens-Frankenstein werden, mal nett, mal böse. In «Late Shift» schwingt entsprechend ein Subtext immer mit - wir sind die Summe unserer Entscheidungen. Diese Quasi-Message deutschen die Filmemacher gleich zu Beginn schon aus. Und sie passt auch zum Erlebnis. Viel interessanter als die jeweils erspielte Geschichte ist der unsichtbare Entscheidungsbaum dahinter. Der Reiz liegt weniger beim einzelnen Plot, sondern vielmehr beim Rätseln um die Mechanik - und die Pfade, die man nicht nimmt.

«Late Shift» läuft ab dem 17. März in ausgewählten Schweizer Kinos, in Zürich etwa im Houdini. Der «Late Shift»-Film zum Schauen per App soll ab dem 10. März für iOS-Geräte verfügbar sein, wobei zehn Franken für die Vollversion fällig werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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