«Es wartet noch viel Arbeit auf uns»

In einem Smartphone steckt mitunter viel Leid: Rohstoffe werden unter widrigsten Umständen ­abgebaut. Beim Fairphone soll das anders sein. Ein Gespräch mit Bibi Bleekemolen von Fairphone.

Verarbeitung von Wolfram in Ruanda. Zum Einsatz kommt das Schwermetall auch in Smartphones: Es bringt sie zum Vibrieren.<p class='credit'>(Bild: zvg Fairphone)</p>

Verarbeitung von Wolfram in Ruanda. Zum Einsatz kommt das Schwermetall auch in Smartphones: Es bringt sie zum Vibrieren.

(Bild: zvg Fairphone)

Welches Handy benutzen Sie?Bibi Bleekemolen:Was vermuten Sie? Selbstverständlich nutze ich das Fairphone 2.

Gibt es etwas, das Sie an diesem Gerät nicht mögen?Höchstens etwas: Wann immer ich das Fairphone hervornehme, beginnt sogleich eine Diskussion darüber. Ab und zu sprechen mich sogar Fremde darauf an.

Ist Ihr Gerät also mehr als bloss ein weiteres Mobiltelefon?Das Fairphone gibt jedenfalls zu reden. Die Leute erkundigen sich, wie fair es wirklich sei. Sie fragen, wo die Rohstoffe herkommen. Oder sie lassen sich demonstrieren, wie ein defekter Bildschirm ersetzt wird. Meine Freunde wissen, dass ich technisch nicht versiert bin. Sie sind jeweils überrascht, wenn ich im Handumdrehen mein Telefon «repariere».

Wir schliessen uns den Fragenden an: Wie fair ist Ihr Phone?Es hängt davon ab, wie Sie Fairness definieren. Wir fokussieren auf vier Punkte: Das Fairphone ist so konstruiert, dass es lange genutzt werden kann. Es wird aus möglichst fair abgebauten Rohstoffen gefertigt. Gerecht sein sollen die Arbeitsbedingungen bei den Herstellern. Und beim Recycling wollen wir das Möglichste rausholen. Wir versuchen Schritt für Schritt mit gutem Beispiel voranzugehen. Deshalb reisen wir viel, lassen uns Produktionsstätten zeigen, diskutieren mit Arbeitern. Ich war bereits im Kongo, in Uganda, in China und in Ghana. In den knapp fünf Jahren ihres Bestehens hat die Firma Fairphone viel erreicht. Doch selbst wenn wir im soeben erschienenen «Guide to Greener Electronics» von Greenpeace an der Spitze liegen: Unser Gerät ist nicht zu 100 Prozent fair. Es wartet noch sehr viel Arbeit auf uns.

Fairphone aus Amsterdam ist mit 65 Mitarbeitern eine kleine Firma. Können Sie Ihre Vorstellungen in der gigantischen Mobilfunkindustrie durchsetzen?Es ist zweifellos nicht einfach. Allerdings kann es auch ein Vorteil sein, wenn man klein ist. Einige Konkurrenten machen von Mobiltelefonen bis zu Zahnbürsten alles. Da ist es schier unmöglich, alle langen Lieferketten im Detail zu kennen. Wir hingegen haben nur ein Produkt und können die Herstellung komplett durchleuchten. Zudem funktionieren wir anders als die Konkurrenten: Als soziales Unternehmen ist es uns weitaus wichtiger, ein nachhaltiges Produkt zu schaffen, als den Gewinn zu maximieren.

Warum sammelten Sie das Geld fürs erste Fairphone in einer Crowdfunding-Kampagne?Wir wollten herausfinden, ob die Konsumenten überhaupt an einem fair produzierten Smartphone interessiert sind. Sie waren es: In drei Wochen haben 10 000 Leute ein Gerät für 325 Euro bestellt – von einer Firma, die erst seit drei Wochen existierte und die noch nie ein Gerät entwickelt hatte. Das war für uns ein klares Zeichen: Es gibt eine Nachfrage für ein solches Smartphone.

Zwei Bekannte haben im Jahr 2015 ein Fairphone gekauft. Sie haben es ersetzt, weil sie mit der Kamera nicht zufrieden waren.Unsere Produkte spielen technisch nicht in der Spitzenliga mit. Aber sie funktionieren zuverlässig. Ich persönlich war stets zufrieden mit der Kamera. Meine Mutter nutzt das erste Fairphone bis heute – auch als Kamera. Wir haben die Rückmeldungen aber ernst genommen. Deshalb ist das Design des 2015 lancierten Fairphone 2 modular. Seit einigen Wochen bieten wir ein neues Kameramodul an. Niemand braucht das Gerät wegzuwerfen, weil es heute bessere Kameras gibt.

Welche Komponenten lassen sich auswechseln?Nebst der Kamera können der Akku, der Monitor und die Platine mit den Anschlüssen ersetzt werden. Das ist so einfach, dass selbst ich das schaffe. Wir wollen zudem möglichst lange Softwareaktualisierungen liefern.

Sie möchten, dass Geräte lange genutzt werden. Trotzdem haben Sie bereits zwei Jahre nach dem ersten Fairphone die Version 2 auf den Markt gebracht.Wir lassen die Geräte, wie fast alle Konkurrenten, in China fertigen. Der erste Partner hat 60 000 Fairphones produziert. Das technische Design gehörte indes ihm. Er verhandelte auch mit den Zulieferern. Für uns war es schwierig, Gespräche mit diesen führen zu können. Genau dies ist aber nötig: Wir müssen sicherstellen, dass die Arbeitsbedingungen gut sind und dass fair abgebaute Rohstoffe eingesetzt werden. Wenn man die Lieferkette kontrollieren will, benötigt man ein eigenes technisches Design. Als der Hersteller sich entschieden hat, aus dem Smartphone-Geschäft auszusteigen, mussten wir das Gerät von Grund auf neu konstruieren.

Im Sommer kündigten Sie an, die Lieferung von Ersatzteilen fürs erste Fairphone einzustellen. Das sorgte für heisse Köpfe.Wir konnten nicht anders: Nach dem Ausstieg des Produzenten kauften wir nach unseren Möglichkeiten Ersatzteile bei den Zulieferfirmen ein. Die Vorräte gingen schneller zur Neige, als wir dachten. Neu bestellen konnten wir nicht, da die Hersteller die Komponenten nicht mehr produzierten. Wir wollten mit offenen Karten spielen. Deshalb haben wir die Ankündigung gemacht. Das ist uns nicht leichtgefallen.

Planen Sie ein Fairphone 3?Konkrete Pläne haben wir nicht. Aber ja: Wir hegen grosse Ambitionen. Irgendwann werden wir über neue Produktedesigns nachdenken müssen, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. Derzeit sind wir aber vollauf zufrieden mit dem Fairphone 2.

Hat das Fairphone einen Einfluss auf die Produktionsbedingungen bei anderen Herstellern?Wir arbeiten eng mit Zuliefer­firmen zusammen. Diese können die Komponenten auch anderen Herstellern verkaufen. Zudem gehen wir Kooperationen ein: Mit Philips zusammen möchten wir in Uganda auf verantwortungsvolle Weise Gold schürfen. Allmählich beobachten wir in der Industrie ein Umdenken.

Auch, weil die Konsumenten anspruchsvoller geworden sind?Ja, die Konsumenten sind besser informiert als früher. Sie stellen mitunter kritische Fragen. Das geht auch mir persönlich so. Ich frage mich etwa, weshalb ich bei meinem Laptop die Komponenten nicht einfach austauschen kann.

Berner Zeitung

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