Der Preiskampf beim Roaming ist neu entbrannt

Im Juli ist wieder Ferienzeit. Wer im Ausland mobil telefonieren und surfen will, kann sich freuen: Swisscom, Salt, Sunrise & Co. liefern sich beim Roaming einen harten Preiskampf. Trotzdem ist Vorsicht geboten.

Die Tower Bridge in London ist bei Touristen ein beliebtes Bildsujet. Wer das Foto übers Mobilfunknetz nach Hause sendet, muss aber wegen der Roaminggebühren aufpassen.

Die Tower Bridge in London ist bei Touristen ein beliebtes Bildsujet. Wer das Foto übers Mobilfunknetz nach Hause sendet, muss aber wegen der Roaminggebühren aufpassen.

(Bild: Fotolia)

Jon Mettler@jonmettler

20 Franken statt 2 Franken für ein 10-minütiges Telefongespräch aus den Ferien in Spanien in die Heimat: Ganze 18 Franken an Mehrkosten müssen Kunden des neuen Mobilfunkanbieters Salt berappen, wenn sie kein Roaming-Zusatzabonnement – auch Option genannt – für Europa gelöst haben. Solch grosse Preisunterschiede sind Ralf Beyeler vom Vergleichsdienst Comparis seit langem ein Dorn im Auge: «Die Mobilfunkanbieter nützen die Unbedarftheit der Kunden aus. Viele Nutzer verstehen das Tarifsystem nicht.»

Telekomexperte Beyeler erklärt den Haken der Roaming-Optionen anhand eines Vergleichs: «Im Lebensmittelladen läuft eine Aktion für Milch. Will der Kunde davon profitieren, heisst es an der Kasse: ‹Entschuldigung, wir können Ihnen den Preisnachlass nicht gewähren. Sie hätten die Milch gestern vorbestellen sollen.›»

Böse Überraschung

Gerade in der Ferienzeit kann Roaming bei den Nutzern Ende des Monats immer wieder für böse Überraschungen sorgen. Roaminggebühren fallen an, damit der Kunde eines Schweizer Mobilfunkanbieters ein ausländisches Netz nutzen kann. Verrechnet werden dabei nicht nur ausgehende Anrufe aus dem Ausland, sondern auch eingehende Anrufe im Ausland. Seit dem Aufkommen von Smartphones geht es aber nicht mehr nur um die Kosten für Telefongespräche ausserhalb der Schweiz. Auch der Datenverbrauch im Internet fällt unter Roaming.

Amtlich bestätigt ist, dass die Roamingtarife der Schweizer Anbieter im Vergleich zu den EU-Preisen überhöht sind. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen des Bundesrats aus dem Jahr 2014 zeigen: Bei den ausgehenden Anrufen in der EU waren die durchschnittlichen Schweizer Standardtarife doppelt so hoch wie die EU-Tarife.

Noch grösser ist der Unterscheid bei den eingehenden Anrufen: Hier waren die Schweizer Tarife bis zu fünfmal höher als in der EU. Daran geändert hat sich nach Kenntnis des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) nichts. Grund für die tieferen Preise in der EU ist, dass die EU die Roamingtarife reguliert.

Derzeit ist für europäische Mobilfunkanbieter der Minutenpreis für ausgehende Gespräche aus einem ausländischen EU-Staat mit 19 Eurocent veranschlagt. Die Mitgliederländer in Brüssel streiten aber darüber, ob die Roaminggebühren – wie von der EU-Kommission verlangt – auf Ende Jahr überhaupt abgeschafft werden sollen.

Für die Schweizer Kunden gibt es trotzdem erfreuliche Nachrichten: Die durchschnittlichen Tarife für Anrufe und Datenverbrauch sind quartalsweise am Sinken. Das lässt die Roamingumsätze von Swissom, Salt und Sunrise schmelzen.

Mehrere Faktoren haben Bewegung in die Preisgestaltung gebracht. «Die Sensibilität der Nutzer für Roaming hat zugenommen – nicht zuletzt wegen der mobilen Internetnutzung im Ausland, die zu manchem Schock Ende des Monats geführt hat», sagt René Dönni, stellvertretender Direktor des Bakom.

Weiter weichen die Nutzer im Ausland immer mehr auf Internetdienste für Telefonie oder Kurztextnachrichten aus, für die es gar kein Roaming mehr braucht. Es reicht ein Zugang zum Internet via drahtlose Netzwerke (Wlan), die viele Hotels und Restaurants kostenlos anbieten. Für das Bakom ist das ein Argument, um in der Schweiz bei der Regulierung der Roamingpreise zurückhaltend zu sein. «Die langsame Gesetzgebung kann kaum mit dem schnellen Tempo des technologischen Fortschritts mithalten», sagt Dönni.

Schliesslich drehen die Schweizer Mobilfunkanbieter selber an der Roaming-Preisschraube, um dem Abzocker-Image entgegenzuwirken. Der neueste Trend ist, Roaming in Abonnements einzuschliessen. Das ermöglicht bis zu einem gewissen Grad eine unlimitierte Nutzung zu einem Pauschalpreis. Sunrise hat als erster Anbieter im Mai 2013 mit «Now max» ein Modell mit 100 Roaming-Gesprächsminuten inklusive eingeführt. Salt-Vorgänger Orange reagierte im Herbst 2014 mit «Me Unlimited Roaming».

Die Swisscom als Schweizer Marktführerin zog mit «Natel infinity plus» auf den 13. April 2015 nach. Dieses Abo enthält eine Roaming-Pauschale für mindestens 30 Tage im Jahr. «Damit wollten wir unseren Kunden die Angst nehmen, im Ausland mobil zu surfen und zu telefonieren», erläuterte Swisscom-Chef Urs Schaeppi die Gründe im Interview mit dieser Zeitung. «Kurzfristig tut uns das weh, weil wir etwa 100 Millionen Franken Roamingumsatz pro Jahr verlieren.»

Kabelnetzbetreiber ziehen nach

Seit dem Schritt von Swisscom, die beim Roaming eine Preisführer-Strategie fährt, ist es bei den Konkurrenten zu mehreren Preisrunden gekommen. Zuletzt haben die beiden grossen Kabelnetzbetreiber UPC Cablecom und Quickline angekündigt, die Roamingtarife für ihre Mobilfunkangebote zu senken. Die Vergleichdienste Comparis und Dschungelkompass haben deshalb für diese Zeitung die neuen Preise unter die Lupe genommen.

Um dem Wesen der Roaming-Pauschale gerecht zu werden, hat Comparis die jährlichen Kosten für einen «Durchschnittsnutzer» berechnet. Dieser hält sich vorwiegend in der Schweiz auf. Er macht aber auch zwei Wochen Sommerferien auf Mallorca, eine Woche Herbstferien in Griechenland und verbringt ein verlängertes Wochenende in Paris.

M-Budget am billigsten

Das Ergebnis: Das M-Budget-Angebot «One», hinter dem eigentlich die Swisscom steht, schneidet am besten ab. Dagegen kommt ausgerechnet das Prepaid-Angebot von Aldi am teuersten zu stehen. Im Inland ist Aldi Mobile nämlich am günstigsten.

Dschungelkompass hat für seinen Preisvergleich mit Thailand, Tunesien und den USA drei Ferienländer ausserhalb von Europa berücksichtigt. Berechnet wurden die Kosten ebenfalls anhand eines Beispielnutzers, der unter anderem vier Gespräche in die Schweiz getätigt und zehn Anrufe entgegengenommen hat. Hier lautet das Fazit: Tendenziell sind die Roamingtarife innert Jahresfrist gesunken.

Allerdings ist bei beliebten Ferienzielen ausserhalb von Europa Vorsicht geboten: So fallen etwa die Kosten für das Nutzerprofil in Tunesien bei Swisscom fast viermal höher aus als noch im Jahr 2014. Grund dafür ist, dass der blaue Riese Tunesien in eine teurere Länderzone umgeteilt hat. Weiter stellt Dschungelkompass-Chef Oliver Zadori fest: «Ausserhalb von Europa sind die beiden Kabelnetzanbieter ziemlich teuer, da sie keine Optionen anbieten.» Quickline etwa verlangt in Tunesien fürs Surfen im Internet exorbitante 20 Franken pro Megabyte, UPC Cablecom 10 Franken.

Auch wenn Roaming bei der Telekommunikation unter Menschen an Bedeutung verlieren wird, setzt die Branche ihre Hoffnungen in neue Technologien. Eine davon ist das sogenannte Internet der Dinge, über das dereinst Gegenstände miteinander kommunizieren werden – beispielsweise Autos mit Autos entlang von Autobahnen, was eine bessere Verkehrsführung möglich macht. «Es wird auch in Zukunft eine Kommunikation von Netz zu Netz brauchen, die keinen Halt vor Landesgrenzen macht», sagt René Dönni vom Bakom.

Berner Zeitung

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