Apples Baustellen

Am Montag stellt der Konzern seine Software-Pläne für das nächste Jahr vor. In zwei Bereichen gibt es Handlungsbedarf.

Wer beisst hier wen: Apples Logo und Googles Android-Roboter.

Wer beisst hier wen: Apples Logo und Googles Android-Roboter.

(Bild: Reuters)

Rafael Zeier@RafaelZeier

Am Montag beginnt in San Francisco Apples Entwicklerkonferenz WWDC. Wer an dieser Art von Veranstaltung, egal ob von Microsoft, Google oder Apple, auf neue Hardware und funkelnde Gadgets hofft, wird regelmässig enttäuscht. An Entwicklerkonferenzen geht es um Software: neue Funktionen für die Nutzerinnen und Nutzer und neue Möglichkeiten für die Entwicklerinnen und Entwickler von Apps und Webdiensten.

Diese Software-Präsentationen sind die spannenderen. Denn sie zeigen längerfristige Pläne und gehen über das jährliche Schneller-Heller-Dünner hinaus. Im letzten Jahr legte Apple an eben dieser Veranstaltung den Grundstein für den Erfolg, den es anschliessend mit den neuen iPhones nur noch einfahren musste (Apple nimmt der Konkurrenz die Argumente weg).

Nutzererlebnis und Dienste

In diesem Jahr wird sich Apple dem Vernehmen nach zweier Baustellen annehmen, die es in den letzten Jahren vernachlässigt hat: Nutzererlebnis und Dienste. Wer wie ich täglich parallel ein iPhone und ein Telefon mit Googles Android-Betriebssystem nutzt, dem dürfte nicht entgangen sein, dass iOS nicht mehr die mit Abstand schönere, schnellere und zuverlässigere Plattform ist, die es vor ein paar Jahren noch war.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem mein iPhone nicht abstürzt und mir der weisse Apfel auf schwarzem Grund entgegenleuchtet. Apps schliessen sich aus heiterem Himmel und wenn ich die Tastatur bräuchte, taucht sie nicht auf. Alles Folgen der grossen Entwicklungssprünge die Apple in den letzten Jahren gemacht hat.

Mit neuen Funktionen kommen neue Probleme. Darum ist jetzt Politur gefragt. Und genau die soll Apple mit iOS9 liefern, wie amerikanische Apple-Experten orakeln. Diese erste Baustelle wird Apple in den Griff bekommen. Bei der zweiten wird es komplizierter.

Ins Hintertreffen geraten

Apple ist bei (Cloud-basierten-) Diensten ins Hintertreffen geraten – ob freiwillig oder unfreiwillig ist Ansichtssache. Der Konzern-Chef Tim Cook hat kürzlich an einer Rede(wenn auch nicht namentlich) über Google, Facebook und Co. hergezogen. Diese Internetkonzerne würden immer mehr Daten ihrer Nutzer anhäufen, um diese für irgendwelche Werbung zu verkaufen. Besonders kritisierte er (wieder nicht namentlich) Google Fotos (Was Google alles sieht).

Apple dagegen habe kein Interesse, seine Kunden zu verkaufen. Sein Unternehmen sei nicht interessiert an Daten und sammle nur, was gerade nötig sei. So löblich dieser Ansatz auch ist, ist er doch auch Marketing-Stichelei. Microsoft hat noch unter Steve Ballmer Google mit einer plakativen Kampagne dasselbe vorgeworfen und gleichzeitig seine eigenen Dienste angepriesen.

Googles Dienste

Bei aller berechtigten Kritik darf nicht vergessen gehen, dass Google mit den gesammelten Daten nicht nur Werber, sondern auch seine Kunden glücklich macht. Dienste wie Inbox, Google Now oder neu Google Fotos nehmen diese Informationen und generieren daraus einen Mehrwert, den viele Google-Nutzerinnen und -Nutzer schätzen – mehr noch als Apples eigene Dienste.

Auf meinem iPhone-Homescreen zähle ich aktuell sieben Google-Apps und acht Google-Dienste. Wenn mein Arbeitgeber demnächst von Microsoft zu Google wechselt, werden es wohl noch mehr. Dazu kommen je zwei Dienste von Microsoft und Facebook. Von Apple habe ich gerade mal noch die elementarsten Apps: App Store, Einstellungen, SMS, Telefon und Kamera.

Schluss mit Werbe-Ärger

Anstatt die Konkurrenz für ihre Praxis zu kritisieren, täte Apple gut daran, seine eigenen Dienste und Apps zu verbessern, sodass man nicht zwischen Privatsphäre und Komfort entscheiden muss. Apple baut grossartige Geräte und grossartige Betriebssysteme. Warum nicht auch grossartige Dienste, die ohne Werbe-Ärger auskommen?

Solange sich mit Geräten so viel Geld verdienen lässt, wird es in Cupertino niemand eilig haben. Längerfristig aber, wenn sich immer mehr Menschen daran gewöhnt haben, immer und egal auf welchen Geräten Zugang zu all ihren Informationen zu haben, ändert sich das vielleicht. Es kann nicht Apples Ziel sein, zum Abspielgerät für die Dienste der anderen und damit zu einem Gerätehersteller unter vielen zu werden.

iTunes zeigt wies geht

Vor über zehn Jahren hat Apple mit dem iTunes Store gezeigt, wie man einen Dienst auf die Beine und eine ganze Branche auf den Kopf stellt. Zehn Jahre später hadert Apple damit. Das gescheiterte Musiknetzwerk Ping und der Vorsprung, den es Streaminganbietern wie Spotify gelassen hat, sprechen Bände.

Wenn Apple an seiner Entwicklerkonferenz tatsächlich seinen eigenen Streamingdienst vorstellt, darf man gespannt sein, ob es den Erfolg von iTunes vor zehn Jahren wiederholen kann. Noch hat niemand das Streaming-Erfolgsgeheimnis geknackt (Streaming ist das Radio des 21. Jahrhunderts).

Das ist die ideale Gelegenheit für Apple, zu beweisen, dass es immer noch weiss, wie man Musik verkauft und vor allem grossartige Dienste baut – selbst wenn es dazu mit einer Android-App über den eigenen Schatten springen müsste. Aber schliesslich war das damals mit der Windows-Version von iTunes auch nicht zum Schaden von Apple.

Bereit fürs Apple-Abo

Sollte Apple dereinst ein umfassendes (hoffentlich plattformunabhängiges) Angebot an verschiedenen Diensten haben, das denen von Google bei Funktionsumfang und Komfort in nichts nachsteht und ohne Werbe-Ärger auskommt, bin ich gerne bereit, ein Apple-Abo zu lösen.

Aktuell sieht es aber mehr danach aus, als käme diese Alternative von Microsoft. Das Unternehmen hat seine Anti-Google-Kampagne eingestellt und stattdessen ein Serviceangebot zusammengestellt, das auf Googles und Apples Plattformen genauso gut läuft wie auf den eignen und immer besser wird.

Wenn sich Apple diese Gelegenheit nicht entgehen lassen will, wäre eine wirklich guter Streamingdienst ein idealer erster Schritt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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