Apple und das Zifferblätter-Dilemma

Mit ihrem Bildschirm liessen sich Smartwatches nach Lust und Laune gestalten. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert.

Das neuste Zifferblatt für die Apple Watch gibt es nur mit einem Trick (siehe Box).

Das neuste Zifferblatt für die Apple Watch gibt es nur mit einem Trick (siehe Box).

(Bild: zei)

Rafael Zeier@RafaelZeier

Seit es die Apple Watch gibt, gibt es den Wunsch nach mehr und vor allem eigenen Zifferblättern. Der Wunsch kommt nicht von ungefähr.

Einerseits hat die Uhr einen Bildschirm und würde somit unendliche Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Andererseits kann man bei Smartwatches anderer Hersteller Zifferblätter selber gestalten und in Onlineshops sogar welche kaufen.

Bei Apple dagegen gibt es das nicht. Für die Apple Watch gibt es aktuell 20 Basis-Zifferblätter, die aber noch weiter den persönlichen Geschmäckern angepasst werden können. Dazu kommen noch spezielle Zifferblätter für die Nike- und Hermès-Varianten der Apple Watch.

Alle Jahre wieder

Besonders laut wird der Wunsch nach mehr Gestaltungsfreiraum jeweils im Vorfeld von Apples Entwickler-Messe WWDC. Dort wird gewöhnlich die neue Version von watchOS dem Betriebssystem der Apple Watch vorgestellt.

Heuer kann ich das besonders gut beobachten. In meinem kleinen Blog habe ich im Januar einen Beitrag zur Debatte verfasst – und mir nichts weiter dabei gedacht.

Seither ist dieser Blogartikel Tag für Tag (freilich auf sehr tiefem Niveau) der meistgelesene in der Tagesstatistik. In den Statistiken sehe ich, die Leserinnen und Leser kommen aus aller Welt und haben doch alle etwas gemeinsam: Sie waren bei Google auf der Suche nach einer Möglichkeit, mehr Zifferblätter für die Apple Watch zu bekommen.

Die Crux

Die auf den ersten Blick einfachste Lösung wäre es nun für Apple, es der Konkurrenz gleichzutun und Entwicklern oder gar jedermann die Möglichkeit zu geben, eigene Zifferblätter zu gestalten. Friede, Freude, Eierkuchen.

Doch so einfach ist es freilich nicht. Es gibt nämlich zwei gute Gründe dagegen. Da ist einerseits der juristische Aspekt. Den dürfte Apple nur zu gut kennen. Bekam der Konzern doch eine saftige Rechnung für die ungefragte Verwendung der SBB-Bahnhofsuhr in iOS 6.

Man muss weder Markenrechtsexperte noch Uhrenkenner sein, um in den zahlreichen Zifferblätter-Onlineshops schon nach wenigen Klicks auf wenig gelungene Omega-, Rolex- und IWC-Imitate zu stossen.

Der rechtliche Aspekt allein dürfte Grund genug sein, dass Apple bei Zifferblättern auch künftig die Handbremse angezogen lässt. Doch es gibt noch einen weiteren Grund: den Design-Aspekt.

Das Zifferblatt ist nebst dem Gehäuse der markanteste Teil einer Uhr. Die Vorstellung, dass die schöne Uhr von unpassenden oder hässlichen Zifferblättern verschandelt wird, dürfte den Apple-Designern Albträume bereiten.

Wer die Prozesse bei Apple kennt, weiss, dass ohne das Okay der Design-Abteilung kaum etwas zu machen ist. Zifferblätter zum Selberbasteln dürften also in Cupertino einen schweren Stand haben.

Das sagt die Konkurrenz

Ich habe einmal den TAG-Heuer-Chef Jean-Claude Biver gefragt, ob es ihm nicht davor graue, dass seine schönen Uhren mit hässlichen Zifferblättern verschandelt werden. Seine Antwort: «Ja. Aber wir müssen dem Kunden seine Freiheit geben (...) Jeder Kunde will sich mit seiner Uhr identifizieren und will sein eigenes Design haben. Und das können wir sowieso nicht verhindern.»

Auch dem damaligen Uhrenchef von Google habe ich dieselbe Frage gestellt. Seine Antwort: «Wenn man sich eine schöne Uhr kauft, dann gefällt einem offensichtlich das Design. Darum werden die Leute auch Zifferblätter wählen, die zum Design der Uhr passen.»

Geschlossen vs. offen

Anders als Googles Wear OS (ehemals Android Wear) mit dem offenen Ansatz und den vielen Partnerfirmen hat Apple bei der Apple Watch das Heft komplett in der Hand behalten und hat darum überhaupt erst die Möglichkeit, Zifferblätter zu verhindern. Trotzdem dürfte der Ruf nach mehr Freiheiten und Möglichkeiten lauter werden, je mehr Uhren Apple unter die Leute bringt.

Man darf gespannt sein, wie Apple künftig diesen Spagat zwischen dem offensichtlichen Kundenbedürfnis und den guten Gründen dagegen hinbekommt. Am kommenden Montag gibt es vielleicht an der Entwicklerkonferenz bereits einen ersten Hinweis – und mit Sicherheit mindestens ein neues Zifferblatt (siehe Box).

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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