Mit dem Handy Food-Waste bekämpfen

Die App Too Good To Go bietet günstige Lebensmittel, die sonst wohl im Müll landen würden. Ein erster Test überzeugt.

Sind die noch essbar? Berliner, die sonst weggeworfen würden, könnten auch im Angebot von Too Good To Go sein. Foto: PD (Symbolbild)

Sind die noch essbar? Berliner, die sonst weggeworfen würden, könnten auch im Angebot von Too Good To Go sein. Foto: PD (Symbolbild)

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Mathias Möller@mmmatze

In Zeiten der Klimakrise rückt ein Feld zunehmend in den Fokus, um das sich viele bislang wohl wenig Gedanken gemacht haben: die Verschwendung von Lebensmitteln. Dabei fällt auch in der Schweiz tonnenweise das an, was neudeutsch Food-Waste heisst. Gemäss der Website Foodwaste.ch sind es über 2 Millionen Tonnen oder knapp 300 Kilogramm pro Kopf pro Jahr. Eine App soll helfen, diese Verschwendung zu minimieren.

Too Good To Go, 2015 in Dänemark lanciert, folgt einem denkbar einfachen Konzept: Restaurants, Bäckereien und Supermärkte bieten als Partner überschüssige Ware zu reduzierten Preisen in einer sogenannten Wundertüte an. Der Nutzer kann diese über die App kaufen, es hat, solange es hat. Abgeholt wird in einem festgelegten Zeitfenster – was der Käufer ganz genau erhält, variiert von Tag zu Tag. Über 13 Millionen Mahlzeiten wurden so bislang nicht weggeworfen.

Gerettete Mahlzeiten hierzulande: 238’000

In der Schweiz gibt es Too Good To Go bereits seit 2016, seit vergangenem Jahr auch mit einem eigenen Team, das im Zürcher Seefeld sitzt. Gerettete Mahlzeiten hierzulande: 238’000, Tendenz schnell steigend. Fast 1000 Betriebe beteiligen sich laut eigenen Angaben bereits in der Schweiz, unter ihnen auch grosse Marken wie Migros, Globus oder Tibits. Coop nimmt momentan nur mit einem Karma-Laden in Zug teil.

Derzeit wachse die App sehr stark, bestätigt Delila Kurtovic vom Schweizer Ableger: Rund 1500-mal würde sie täglich in der Schweiz heruntergeladen. Einen direkten Zusammenhang mit den Klimastreiks der letzten Wochen sehe sie nicht, aber sie stellt fest: «In den Köpfen der Menschen hat sich viel verändert.» Doch Too Good To Go will nicht einfach nur technische Lösung sein. «Wir sehen uns nicht als App, sondern als Bewegung, die sich für Lebensmittelrettung einsetzt. Über die App wollen wir möglichst viele Menschen erreichen und Aufmerksamkeit für das Thema generieren», betont Kurtovic.

Und die Partner? Für Tibits spiegeln sich in der App die eigenen Werte: «Wir verstehen uns von jeher als nachhaltiges Unternehmen», sagt Mitgründer Reto Frei. «Durch die Kooperation mit Too Good To Go können wir unseren Nachhaltigkeitsgedanken noch weiter ausbauen und Food-Waste vermeiden.» Der Mehraufwand halte sich für die Filialen in Grenzen: Ein Mitarbeiter schöpfe die verkauften Portionen ab, «zudem muss das Angebot am Abend regelmässig geprüft werden, um abzuschätzen, wie viele Portionen wir über die App zur Verfügung stellen können». Wenn so aber Essen gerettet werde, nehme man den Aufwand gerne in Kauf.

Das Finanzielle steht nicht im Vordergrund

Aber lohnt sich das auch finanziell? Frei wägt ab: «Die Einnahmen und die zusätzlichen Aufwände decken sich in etwa. Ein Profit ist aber auch nicht primär unser Ziel bei dieser Zusammenarbeit.»

Auch bei Globus sieht man in Too Good To Go eine hilfreiche Erweiterung des eigenen Engagements: «Globus hat bereits vor der Partnerschaft mit Too Good To Go mit lokalen Projekten dem Food-Waste entgegengewirkt. Mit der App hat Globus nun eine zeitgemässe und sinnvolle Form gefunden, Nahrungsmittel und Take-away-Speisen nachhaltig zu verwerten», sagt Marcela Palek, Pressesprecherin des Warenhauses. Auf die Frage nach Kosten und Mehreinnahmen durch die App antwortet sie diplomatisch: «Die Nachhaltigkeit und die Verminderung des Food-Waste stehen bei diesem Projekt klar im Vordergrund.»

Dass die Idee verfängt, zeigt sich auch in den 6 Millionen Euro (gut 6,83 Millionen Franken), die das Unternehmen in einer kürzlich abgeschlossenen Finanzierungsrunde von Investoren sichern konnte. In zehn europäischen Ländern ist Too Good To Go bereits am Markt, mit Polen kommt in Kürze das elfte hinzu. Einnahmen generiert das Start-up übrigens direkt aus den Verkäufen: Es behält in der Schweiz eine Kommission von 2.90 Franken pro verkaufte Mahlzeit ein. «Das ermöglicht uns, als Unternehmen unabhängig zu bleiben. Wir glauben, dass wir durch Selbstfinanzierung nachhaltig wachsen können und mehr erreichen, indem wir auch in die Entwicklung neuer Lösungen oder neuer Märkte finanzieren.», erklärt Delila Kurtovic die Wahl des Geschäftsmodells.

So funktioniert es

Und wie funktioniert das jetzt konkret? Nach dem Herunterladen der App aufs Smartphone wird ein Konto angelegt und eine Zahlungsoption hinterlegt – derzeit eine Kreditkarte oder ein Paypal-Konto. Das gewünschte Essen findet man über den «Entdecken»-Modus, über eine Liste, die nach Entfernung zum eigenen Standort sortiert ist oder über eine Karte. Man kann einzelne Angebote auch als Favoriten markieren.

Wählt man eines der Angebote aus, finden sich dort der Preis, die verbleibende Anzahl Einheiten und eine Beschreibung des Anbieters und der Wundertüte selbst. Das Abholfenster wird ebenfalls angezeigt. Kauft man etwas, erscheint am unteren Bildschirmrand eine permanente Erinnerung, ein Kaufbeleg wird im entsprechenden Menüfeld abgelegt.

Too Good To Go verlangt vom Nutzer etwas Flexibilität: Die Abholfenster sind oft nur eine halbe Stunde gross, Restaurants terminieren die Abholzeit oft auf den späteren Abend nach 21 Uhr. Entweder hebt man das Essen also für den nächsten Tag auf oder isst ein spätes Abendessen. Dafür gibt es auch die Option, nur vegetarische Angebote anzeigen zu lassen, einige Läden und Restaurants bieten ausserdem vegane Zusammenstellungen an.

Beim Bäcker zahlt man nur ein Drittel

Beim Testkauf in einer Bäckerei im Quartier des Redaktors läuft alles reibungslos: Die Verkäuferin weiss Bescheid und bestätigt routiniert die Abholung auf dem Handy. Ich verlasse den Laden mit einem noch frischen Brot, einem Salami-Sandwich, bei dem sogar der Salat noch nicht welkt, und einer Vanillestange – alles zum Preis des Brotes. Dass drei der vier Kunden etwas mit Too Good To Go Reserviertes abholen, ist ein Indikator, dass das Angebot durchaus genutzt wird. Die Verkäuferin bestätigt die Vermutung – viel Aufwand habe sie nicht damit, sie müsse sich allerdings schon frühzeitig Gedanken machen, was sie in der App anbiete.

Der Testkauf: Ein Brot, ein Sandwich, eine Vanillestange. Alles noch frisch.

Ob jedes Angebot derart überzeugt wie das beim einmaligen Testkauf, sei natürlich dahingestellt. Wer jedoch flexibel ist, gern ein paar Stutz spart und wem diese Käufe das Gefühl vermitteln, er hätte etwas Gutes getan, der ist bei Too Good To Go sicher richtig.

Die App von Too Good To Go ist gratis für Android und iOS erhältlich.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt