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Wo bleibt die grosse Empörung?

Es ist fast schon unheimlich, dass sich nicht mehr Menschen lautstark über die NSA-Überwachung aufregen. Experten orten verschiedene Gründe.

Zugriff auf Daten von Millionen Telefon- und Internetnutzern erhalten: NSA-Zentrale in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland.
Zugriff auf Daten von Millionen Telefon- und Internetnutzern erhalten: NSA-Zentrale in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland.
AP
Die Ermächtigung zum Bezug der gesamten Verbindungsdaten der Telecomfirma Verizon erteilte ein nach dem 11. September eingesetztes Spezialgericht: Der geheime Erlass des Foreign Intelligence Surveillance Courts. (6. Juni 2013)
Die Ermächtigung zum Bezug der gesamten Verbindungsdaten der Telecomfirma Verizon erteilte ein nach dem 11. September eingesetztes Spezialgericht: Der geheime Erlass des Foreign Intelligence Surveillance Courts. (6. Juni 2013)
AP
Auftritt vor einem Ausschuss in Washington: NSA-Chef Keith B. Alexander. (18. Juni 2013)
Auftritt vor einem Ausschuss in Washington: NSA-Chef Keith B. Alexander. (18. Juni 2013)
Keystone
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Was ist los mit der aufgeklärten Informationsgesellschaft? Da wird bekannt, dass die US-Geheimdienste ein umfassendes Abhörsystem installierten, auf abenteuerliche Art Leitungen anzapften und Unmengen an Daten sammeln, und was tun die Menschen? Sie schweigen. Weder auf den Strassen noch im Netz nimmt man in diesen Tagen eine Art Empörung wahr.

Dabei sollte das Gegenteil der Fall sein. Nebst den Medien, die das Thema ausschlachten, sollten die Menschen ihrem Unmut Luft machen. Die Vorstellung davon, dass Geheimdienste mithören und unser Handeln missverstehen und das eigene Leben fehlinterpretieren könnten, müsste uns alle in Sorge versetzen. Doch warum dieses kollektive Desinteresse?

Medien haben versagt

Autor Daniel Suarez (Technothriller «Kill Decision») schreibt auf «Zeit Online», dass die Mainstream-Medien Schuld sind, dass die Menschen nicht in Scharen gegen die massive Überwachung protestieren. Sie hätten bisher versagt, dem Durchschnittsbürger zu erklären, warum das Thema wichtig sei. «Kein Wunder, Apps und das mobile Internet sind für die Medienkonglomerate ja selbst wertvolle Einnahmequellen, weil sie dort Werbung verbreiten und Nutzerdaten erheben können», schreibt Suarez.

Netz- und Internetforscher Peter A. Gloor vom MIT ortet den Grund des fehlenden Protestes woanders. «Dem aufgeklärten Bürger war schon immer klar, was die NSA tut», sagt er gegenüber Redaktion Tamedia. Er führt aus, dass das Überwachungsthema gar aufzeige, inwiefern die Digitalisierung die Gesellschaft verändert. Die Welt würde transparenter, Geheimnisse gebe es keine mehr. Nicht zuletzt wegen Leuten wie Edward Snowden und Bradley Manning.

«Die Datensammlung ist abstrakt»

Aufschlussreich sind auch die Ausführungen des Internetunternehmers André Oppermann. Seine These: Die Empörung sei ausgeblieben, weil es bislang keine Opfer gebe. Persönlich und direkt sei bisher noch niemand betroffen. Und Oppermann führt weiter ins Feld, dass die Komplexität des Themas ebenfalls Grund für das Desinteresse sein könnte. «Die Datensammlung ist abstrakt», so der Experte gegenüber Redaktion Tamedia.

Und hier knüpft auch Soziologe Nils Zurawski vom Soziologischen Institut der Universität Hamburg an. «Viele Menschen wissen gar nicht, was über sie gesammelt wird», sagte er kürzlich SRF online. Wenn die Menschen etwas einkauften, würden sie ans Einkaufen denken, nicht daran, dass ihre Daten gespeichert blieben. Für viele Menschen hänge es schlicht nicht zusammen. «Zweitens ist diese Gelassenheit auch eine Art Abwehrreaktion: ‹Ich verstehe das sowieso nicht.›», sagt der Soziologe. Dieses Gefühl erzeuge bei den Menschen eine Art Ohnmacht. Die globale Speicherung von Daten erscheine als viel zu gross, als dass man sich dagegen wehren könnte.

Missbrauchspotenzial in ein paar Jahren

Ein Argument, das Oppermann ebenfalls nennt. «Das Gefühl der Machtlosigkeit spielt sicher eine wichtige Rolle. Wie kann man sich schützen? Kann man das überhaupt?» Oppermann erstaunt es, dass die Gesellschaft für den Schutz zu wenig kämpft. Dieses fast schon fatalistische Gefühl in der breiten Bevölkerung sei gefährlich, denn die Konsequenzen der Datensammlungen würden alle erst in einigen Jahren zu spüren bekommen. «Das Missbrauchspotenzial einer umfassenden und langfristigen Vorratsdatenspeicherung ist gewaltig. Im normalen Leben merkt man nichts. Sobald man aber irgendwo auffällt oder den falschen Leuten gegenübersteht, wird die Vergangenheit analysiert, die Verbindungen zu anderen Personen und Bewegungsmuster ausgewertet», erklärt Oppermann. Es liesse sich immer etwas finden, um einen zu diskreditieren, zu erpressen oder direkt wegen eines vermuteten Vergehens oder Verbrechens anzuklagen.

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