Warum Google Angst macht

Europa fürchtet den amerikanischen Giganten Google als Datenkrake mit globalem Machtanspruch. Angst sei die falsche Strategie, mit Google umzugehen, sagt Buchautor Thomas Schulz, der am Montag in Bern auftritt.

Weltweit grösste Konzentration von Daten, Kapital und Intelligenz: Google-Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien.

Weltweit grösste Konzentration von Daten, Kapital und Intelligenz: Google-Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien.

(Bild: Getty Images)

Jürg Steiner@Guegi

Herr Schulz, wie frei konnten Sie am Google-Hauptsitz in Kalifornien recherchieren?
Thomas Schulz: Sehr frei. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass Google für ein Buch kooperiert, und das erste Mal überhaupt, dass Google einem deutschsprachigen Autor Zugang gewährt. Google ermöglichte es mir, fünfzig Interviews zu führen mit Ingenieuren, Programmierern und Managern. Ich hielt mich teilweise mehrere Tage pro Woche am Google-Hauptsitz in Mountain View im Silicon Valley auf.

Unter der Bedingung, ein positives Bild von Google zu zeichnen?
Ich habe Google keine Zeile zur Autorisierung geschickt. Die Konzernspitze hat sich lange überlegt, ob sie das Risiko einer unabhängigen Recherche eingehen soll. Doch die scharfe Kritik in Europa beschäftigen die Google-Chefs sehr, insbesondere seit der Europäische Gerichtshof 2014 das Recht auf Vergessen in Suchmaschinenabfragen in einem Anti-Google-Urteil verstärkte. Entgegen dem landläufigen Bild forciert Google nun den öffentlichen Dialog, und das führte zum Entscheid, meinem Projekt stattzugeben.

Wie muss man sich das Ambiente am Google-Sitz vorstellen?
Es fühlt sich an wie auf einem riesigen Universitätscampus mit Dutzenden von Gebäuden...

... nur dass da nicht jedermann hinkann...
Falsch. Ausser Apple zelebriert heute keiner der Digitalgiganten im Silicon Valley mehr das Mysterium des abgeschlossenen Technologieplaneten. Das Google-Headquarter wird auch von Touristen besucht, man kann unter grossen Sonnenschirmen abhängen. Ich bin mit mehreren Mitarbeitern auch privat bekannt, doch ich habe noch niemanden getroffen, der nicht gerne zur Arbeit ginge.

Glauben Sie das den Leuten?
Ja. Google investiert unglaublich viel Geld und Energie in seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Personalabteilung ist riesig, und sie durchforstet ständig psychologische und soziologische Forschung nach Inputs für die Verbesserungen von Büroarchitektur und Personalführung. Die Leute sind überzeugt davon, einem sinnvollen Job zur Verbesserung des Lebens nachzugehen.

Echt?
Deutsche und schweizerische Google-Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, sind konsterniert über das Image des gespenstischen Giganten, das Google in ihrer alten Heimat hat.

Ist es Ihnen ein Anliegen, das negative Google-Image in Europa zu korrigieren?
Unsinn. Allerdings finde ich, dass Abwehrreflexe die öffentliche Diskussion in Europa dominieren. Man entwickelt ein Feindbild, ohne genau zu wissen, wie Google tickt. Das kritisiere ich – und das ist der Fokus meines Buchs: Wenn man die Zukunft verstehen will, muss man Google verstehen. Google ist gleichbedeutend mit der derzeit grössten Konzentration von Daten, Kapital und Intelligenz. Die Angstreflexe rühren auch daher, dass in Europa die Strategien fehlen, mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters mitzuhalten.

Im Unterschied etwa zum indischen Premier Narendra Modi, dessen Besuch bei Google und der indischen Diaspora im Silicon Valley Begeisterungsstürme auslöste.
Ja. Dagegen versucht Europa oft mit Instrumenten des vordigitalen Zeitalters, Google zu bremsen, anstatt sich dem Wettbewerb zu stellen. Was stimmt: Google beginnt zu begreifen, dass die Sensibilitäten etwa bezüglich Datenschutz nicht in allen Teilen der Welt identisch sind. Deshalb ist Verwaltungsratspräsident Eric Schmidt derzeit sehr oft in Europa unterwegs, um mit Spitzenpolitikern zu debattieren – und etwa Googles Schnelligkeitsobsession zu erläutern.

Schnelligkeitsobsession?
Eine fundamentale wirtschaftliche Kraft des digitalen Zeitalters ist die Beschleunigung. Man kann eine weltmarktbeherrschende Stellung heute in wenigen Jahren verlieren. Die permanente Angst vor dem Abstieg, wie ihn etwa Microsoft erlebte, sitzt den Google-Leuten schwer im Nacken. Mit wem ich bei Google auch sprach, alle wiesen auf die Ungewissheit hin, ob die Goldgrube mit dem Suchmaschinen- und Anzeigengeschäft in wenigen Jahren noch Hunderte Milliarden Dollars in die Kassen spült wie heute. Das befeuert Googles weltweite unternehmerische Aggressivität bis hinunter in lokale Märkte und den ungestümen Drang, sich ständig zu diversifizieren.

Google heisst heute eigentlich Alphabet, und das bedeutet: Uns gehört die Welt, von A bis Z.
Von innen gesehen dient die organisatorische Trennung der nun in Alphabet ausgelagerten Zukunftssparten von Googles Suchmaschinen-Kerngeschäft einzig dem Ziel, noch schneller auf Trends reagieren und neue Geschäftsfelder besetzen zu können. Von aussen gesehen heisst es aber auch: Keine Branche kann heute mehr sicher sein vor Googles Moonshots.

Moonshots? Mondschüsse?
Genau. Die Ambition von Google-CEO Larry Page ist es, unser Leben mit Technologie radikal zu verbessern. Wenn Google in eine Branche einsteigt, dann mit dem Willen, sie grundsätzlich neu zu denken. Der Google-Car war ein solcher Mondschuss, heute zweifelt niemand mehr daran, dass fahrerlose Autos schon bald unser Mobilitätsverständnis revolutionieren werden – und das Autobusiness.

Google kaufte Militärrobotikfirmen, aus der Überzeugung, dass Roboter bald unser Alltagsleben bevölkern.
Klar. Sehr ernsthaft sind auch Googles Avancen in der Medizinaltechnologie – etwa mit der smarten Google-Kontaktlinse, die die Sicht schärft, aber auch den Blutzucker misst, oder den Milliardeninvestitionen in die Verlängerung des Lebens.

Man spürt, dass Sie sich von der Google-Philosophie ziemlich einnehmen liessen.
Ihre Aussage ist typisch europäisch: Wer wie ich Google nicht präventiv mit Skepsis und Abwehr begegnet, gilt als Google-Ideologe, dem die kritische Distanz fehlt. Ich plädiere dafür, dass wir uns für Google unvoreingenommen interessieren und genau hinschauen. Schon heute ist unser Alltagsleben durchwirkt von Hightech, Robotik und künstlicher Intelligenz...

... oft ohne dass wir uns das richtig bewusst sind...
Genau. Google treibt diesen technologischen Machbarkeitsglauben auf die Spitze und konfrontiert uns mit der Frage, wieweit wir unser Leben der Technologie ausliefern wollen. Das ist, womit wir uns wirklich beschäftigen müssen.

Das Buch: Thomas Schulz: «Was Google wirklich will. Wie der einflussreichste Konzern der Welt unsere Zukunft verändert». DVA-Verlag, 336 Seiten, ca. Fr. 26.90. Erscheint am 12. Oktober.
Lesung von Thomas Schulz in Bern: Montag, 12.Oktober, 20 Uhr, Buchhandlung Thalia. Eintritt 15 Fr. Reservationen: 031 320 20 40 oder christoffelpassage@thalia.ch.

Berner Zeitung

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