«Versuch, China vom globalen Internet abzuschneiden»

Das Regime in Peking geht gegen Tausende Internetseiten vor – und weitet die Sperren massiv aus. Die Zensur hat solche Ausmasse angenommen, dass sie für Firmen in Europa zum Problem wird.

Unter anderem sind Add-ons für Firefox betroffen: Junge Menschen in einem Internetcafé. (Archivbild)

Unter anderem sind Add-ons für Firefox betroffen: Junge Menschen in einem Internetcafé. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

China hat seine Internetblockaden auf Tausende weitere Internetseiten ausgeweitet. Der Grossanbieter von Cloud-Diensten, Edgecast, räumte ein, dass viele seiner Dienste seit kurzem von China aus nicht mehr oder nur noch eingeschränkt abrufbar sind.

Zuvor hatten die Zensurexperten der Plattform Greatfire.org von einer massiven Blockade von Cloud-Diensten in China berichtet. Die Webseite verfolgt die Zensurmassnahmen der chinesischen Regierung im Internet.

Das US-amerikanische Unternehmen Edgecast beklagte in einer Mitteilung eine Blockade «ohne System und ohne Grund». Der Zugriff auf Dienste werde abgefangen oder komplett unterbunden. Das gelte für die gesamte, auf die Bereitstellung von Dienstleistungen im Internet spezialisierte Industrie.

Konkret betroffen ist unter vielen anderen die Seite mit dem Katalog der Erweiterungen (Add-ons) für den populären Webbrowser Firefox. Auch die Site des Onlineprojekts Drupal, einem freien Redaktionssystem für das Erstellen von Websites, kann in weiten Teilen nicht mehr in China erreicht werden. Auch Sony Mobile und «The Atlantic» werden geblockt.

Zugriff gezielt verlangsamt

Die Zensurexperten von Greatfire.org bezeichneten den Schritt als «Versuch, China vom globalen Internet abzuschneiden». Die Organisation hatte mehrfach angeprangert, dass Chinas Zensurapparat immer ausgefeilter operiere. Teilweise würden Zugriffe auf internationale Internetseiten gezielt verlangsamt, um sie für chinesische Nutzer unbrauchbar zu machen.

Die strenge Internetzensur in China hat solche Ausmasse angekommen, dass Unternehmen etwa in Deutschland Einbussen fürchten. Dies ergab eine Umfrage der deutschen Handelskammer.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International prangerte Chinas Internetzensur an. «Chinas Internetmodell ist von extremer Kontrolle und Repression gekennzeichnet», sagte China-Forscherin William Nee laut einer Amnesty-Mitteilung.

Die Regierung setze eine Armee von Zensoren zur Kontrolle ein und bringe Aktivisten für die freie Äusserung ihrer Meinung ins Gefängnis. Es sei eine Ironie, dass China eine Welt-Internetkonferenz ausrichte. Die Tagung findet von Mittwoch bis Freitag in der ostchinesischen Provinz Zhejiang statt.

Schon seit Jahren zensuriert

Chinas Internet wird seit Jahren stark kontrolliert. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sowie Youtube oder Webseiten von Menschenrechtsorganisationen und ausländischen Medien wie die «New York Times» oder die Nachrichtenagentur Bloomberg sind von China aus nicht abrufbar.

In diesem Jahr hatte China die Sperren bereits ausgeweitet. Kurz vor dem 25. Jahrestag des Pekinger Massakers im Juni wurde erstmals der Zugang zu allen Google-Diensten in China wie Suche, G-Mail, Maps und der Fotoplattform Picasa gesperrt.

ajk/sda

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