Schweizer E-Mail-Tresor erhält mobile Apps

Laut dem Genfer E-Mail-Dienst Protonmail kann E-Mail auch sicher sein – wenn man nicht gerade Snowden heisst.

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Jan Rothenberger@janro

E-Mail für die Post-Snowden-Ära fit zu machen: Das versuchen derzeit viele Firmen. So haben sich gerade drei deutsche Provider zusammengetan, um verschlüsseltes e-mailen anzubieten.

Doch das Sicherheitsproblem mit der elektronischen Post liegt tiefer: Die Grundlagen der E-Mail sind jahrzehntealt, Datensicherheit war damals noch kaum ein Thema. Den Baufehler der Mail zu beheben, daran tüftelt der Genfer Anbieter Protonmail. Das Jungunternehmen bietet bereits länger eine Alternative zum gängigen Webmail. Jetzt liefert Protonmail nach, was heute zwingend nötig ist, um am Markt zu bestehen – mobile Apps. Betanutzer können die neuen Android- und iOS-Apps bereits ausprobieren. In den kommenden Wochen will Protonmail die Apps dann für alle Nutzer freigeben.

Zwei Passwörter statt einem

Protonmail will in Zeiten allgemeiner Datenschutzängste einen sicheren E-Mail-Hafen bieten. Dazu gehört auch der Standort in der Schweiz, die (trotz Büpf-Verschärfungen) als NSA-freier Datenhort beworben wird. Wichtiger ist aber die Zero-Knowledge-Idee hinter Protonmail, die auch der Dropbox-Konkurrent Spideroakvertritt.

Protonmail benutzt zwei unterschiedliche Passwörter, das erste für das Login, das zweite für die Verschlüsselung der Daten. Nur mit Kenntnis von beiden lassen sich Nachrichten lesen. Der Clou: Auf das zweite Passwort habe Protonmail selbst keinen Zugriff, sagt Mitgründer Andy Yen. Entsprechend wäre es zwecklos, das Unternehmen zur Herausgabe von Nutzerdaten zu zwingen. Dieser Ansatz hat angesichts der Snowdenleaks das Interesse zahlreicher Nutzer geweckt. Bereits in der Betaphase hat Protonmail rund eine halbe Million Anmeldungen erhalten.

Ohne Vertrauen geht es nicht

Wie immer bei E-Mails kann Protonmail allerdings nur für die Sicherheit auf seiner Seite der Kommunikation sorgen. Was bei einem Kommunikationspartner ausserhalb passiert, hängt von dessen E-Mail-Dienst ab. Protonmail selbst funktioniert so, dass zwischen App oder Webbrowser und Server ein verschlüsselter Kanal aufgebaut wird, über den sich ein Nutzer mit seinen Daten anmeldet. Anschliessend sendet Protonmail die mit dem Zweitpasswort gesicherten Daten an den Nutzer, der diese lokal bei sich mit dem Zweitpasswort entschlüsselt. Von diesem Prozess bekommt der Nutzer nichts mit, abgesehen von einer zweiten Passworteingabe.

Natürlich kommt auch Protonmail nicht um das Vertrauen der Nutzer herum. Um das zu fördern, lässt sich das Unternehmen neu in die Karten schauen. So ist die Verschlüsselung im Browser quelloffen, das heisst, Programmierkundige können sich selbst ein Bild machen, wie Protonmail funktioniert. Gleichzeitig ruft das Unternehmen dazu auf, nach Schnitzern im Programmcode zu suchen, und verspricht Findern ein Preisgeld. Der Schritt überrascht nicht, angesichts einer Kontroverseum eine angebliche Sicherheitslücke 2014.

Abgespeckte Funktionen

Noch ist Protonmail ein Betaprodukt. Was Design und Funktionen angeht, kommt Protonmail noch wie ein abgespecktes G-Mail daher. Die einfache Oberfläche bietet nur Grundlegendes, verglichen mit der Konkurrenz müssen Nutzer auf Komfortfunktionen wie automatische Kategorisierung verzichten. Protonmail ist dafür kostenlos und werbefrei und wird es laut Mitgründer Andy Yen auch bleiben. Um dereinst Geld zu verdienen, soll später eine Bezahlversion mit zusätzlichen Funktionen kommen, so Yen: «Und wir denken über eine kostenpflichtige Version für Firmen nach.»

Kann Protonmail das Privatsphäreproblem für E-Mail endgültig lösen? Selbst die Gründer winken hier ab: Als künftiger Snowden sei man hier falsch – E-Mail sei schlicht nicht das richtige Medium, wenn 100-prozentige Sicherheit zwingend notwendig sei. Aber der Dienst biete als sicherere Alternative für Firmen und besorgte Privatnutzer einen Ausweg aus der Generalüberwachung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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