Zum Hauptinhalt springen

Er hat Google zu einer falschen Staumeldung verleitet

Der Aktionskünstler Simon Weckert trickst den Internetgiganten aus. Dieser reagiert sportlich.

Edgar Schuler
Google hat sich über seinen «kreativen Einsatz» gefreut. Der Aktionskünstler Simon Weckert. Foto: PD
Google hat sich über seinen «kreativen Einsatz» gefreut. Der Aktionskünstler Simon Weckert. Foto: PD

Die Tucholskystrasse im Zentrum Berlins war verstopft, hoffnungslos. Das musste mindestens glauben, wer mit Google Maps in der Gegend navigierte. In Wahrheit aber rollte der Verkehr an diesem Tag wie üblich. Google war ausgetrickst worden: Ein einzelner Mann mit 99 Smartphones in seinem Spielzeug-Handwagen hatte die Algorithmen glauben gemacht, der Verkehr stocke.

Simon Weckert will mit seiner Aktion ein Missverhältnis zwischen virtuellem Raum und Wirklichkeit ausgemacht haben. Zur «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte der Aktionskünstler: «Wir glauben, dass diese Karten uns die Realität anzeigen, und passen unser Verhalten an diese Realität an. Dabei gibt es diese Realität nicht.» Jetzt haben Millionen Weckerts Lektion mitgekriegt – wenigstens virtuell über Twitter und Youtube.

Im Video wandert Weckert mit seinem Wägelchen voller Smartphones durch Berlin, direkt vorbei an den Google-Büros. Das Verkehrsaufkommen ist sichtlich spärlich, aber gleichzeitig verfärbt sich auf der Google-Karte der Abschnitt von Grün zuerst in Orange und dann in grelles Stau-Rot.

Das Verhältnis zwischen dem online vorgegaukelten Bild und der handfesten Realität auf der Strasse wurde rege und kulturpessimistisch diskutiert.

Weckert hat sich für die Aktion den Umstand zunutze gemacht, dass Google die Karte mit Daten füttert, die Handynutzer willentlich oder unwissentlich von sich preisgeben. Dazu gehören unter anderem ihr Standort und ihre Fortbewegungsgeschwindigkeit. In den ausgeliehenen Handys hatte Weckert die Funktion für die Standortdatenübermittlung freigeschaltet. Als nun von diesen 99 Handys die Nachricht kam, sie seien auf einer Fahrspur unterwegs, aber eben nur in gemächlichem Schritttempo, schloss Google auf einen Stau und zeigte ihn praktisch verzögerungsfrei auf seiner Onlinekarte an.

Weckert hat damit einen Nerv getroffen. Neben der FAZ berichtete die ARD-«Tagesschau» über den «Fake-Stau», der «Guardian» und zahlreiche andere Medien. Das Verhältnis zwischen dem online vorgegaukelten Bild und der handfesten Realität auf der Strasse wurde rege und kulturpessimistisch diskutiert.

Man sei daran, den Algorithmus zu lehren, zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern zu unterscheiden, heisst es bei Google.

«Ich bin Künstler, mich interessiert, wie Technologien unsere Gesellschaft formen», sagt Weckert. Dabei scheint er aber etwas zu unterschätzen: Schon der durchschnittliche Nutzer ist schlau genug, längst nicht mehr alles als Realität zu akzeptieren, was er auf dem Handy sieht. Auf Twitter entwickelte sich auch gleich eine lebhafte Debatte darüber, ob Weckert seine Aktion seinerseits nur vorgegaukelt habe. Was beweist schon ein Youtube-Video? Und ist es wirklich möglich, dass Google nicht erkennt, dass 99 Handys auf einem Haufen gar keinen Stau anzeigen können?

Wie komplex das Verhältnis zwischen Realität und Abbild ist, weiss man ja seit Platons Höhlengleichnis, also seit 2500 Jahren. Dazu braucht es weder Internet noch Handy.

Google jedenfalls reagierte cool. Dem Fachportal «9 to 5 Google» sagte ein Unternehmenssprecher: «Wir freuen uns über den kreativen Einsatz von Google Maps, da es uns hilft, die Karten zu verbessern.» Man sei daran, den Algorithmus zu lehren, zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern zu unterscheiden.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch