Die Internetwährung wird salonfähig

Seit vier Jahren kann man im Internet auch mit Bitcoin bezahlen. Zwar kämpft die virtuelle Währung noch mit Kinderkrankheiten, aber sie hat Zulauf. Jetzt erlebte sie geradezu fantastische Kurssprünge.

Vom Programmierer Mike Caldwell geprägt: Echter Bitcoin. (3. April 2013)

Vom Programmierer Mike Caldwell geprägt: Echter Bitcoin. (3. April 2013)

(Bild: Keystone Rick Bowmer)

Die Internetwährung Bitcoin lässt ihr Nischendasein hinter sich. Allein vergangenen Monat fanden täglich bis zu 70'000 Transaktionen in der Währung statt – ein erstaunlicher Aufstieg für das elektronische Geld, das erst seit vier Jahren existiert.

Mittlerweile gibt es fast nichts mehr, was sich nicht mit Bitcoin bezahlen liesse: harte Drogen, Musik, Outdoor-Equipment, Autos, Konsumgüter. Auch viele Einzelhändler lassen Geschäfte mit der virtuellen Währung zu, deren inoffizielles Symbol ein B mit zwei senkrechten Strichen ist. Anhänger feiern Bitcoin schon als Grundstein für eine utopische Volkswirtschaft ohne Grenzen, ohne Wechselkursgebühren, ohne Schalterschluss. Aber an Skeptikern und Kritikern mangelt es ebenfalls nicht.

Auf und Ab

Zu Jahresbeginn war ein Bitcoin etwa 13 US-Dollar wert, vergangenen Dienstag raste der Kurs laut der Bitcoin-Börse Mt. Gox auf 200 Dollar. Am Mittwoch kletterte der Preis weiter auf 266 Dollar, bevor er einbrach und auf knapp über 100 Dollar absackte. Am frühen Freitag deutscher Zeit lag der Kurs bei 105 Dollar. Das Auf und Ab werten Kritiker als weiteren Beleg dafür, dass es sich bei Bitcoin um ein Modephänomen handelt – um eine Blase, die kurz vor dem Platzen steht.

Allerdings unterliegt auch der Wechselkurs althergebrachter Währungen starken Schwankungen. Manche sagen, die Bankenkrise in Zypern habe den Höhenflug des Bitcoin angefacht, andere nutzen die Währung, um Sanktionen zu umgehen oder neue Märkte zu erschliessen.

Der Online-Schwarzmarkt Silk Road

Besonders beliebt ist Bitcoin auf Silk Road, einem Online-Schwarzmarkt, auf dem Drogendealer ihre Waren im Stil von Amazon oder Ebay feilbieten - inklusive Einkaufswagen, Bewertungssystem und Kundenrezensionen. Aber nicht nur Drogendealer finden Gefallen an der Internetwährung, auch die Hackergruppe Lulz Security sammelte Bitcoin im Wert von mehreren tausend Dollar gegen das Versprechen ein, dass das Geld für Angriffe auf die amerikanische Bundespolizei FBI genutzt werde.

In einem FBI-Bericht, der vergangenes Jahr an die Öffentlichkeit kam, hiess es, Bitcoin könne «ein Mittel von wachsendem Nutzen für verschiedene illegale Aktivitäten werden, die über die Internetsphäre hinausgehen». Als Beispiele wurden Kinderpornografie, Schmuggel und Terrorismus genannt.

Mehr und mehr Firmen akzeptieren das elektronische Geld

In der Bitcoin-Gemeinde ist man frustriert darüber, dass vor allen den Schattenseiten der virtuellen Währung so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dabei übersehe man den viel grösseren Nutzen für den Online-Handel, sagt der amerikanische Unternehmer Anthony Gallippi. Dieser Nutzen «nimmt zu, und zwar rasch!»

Angesichts der starken Wechselkursschwankungen zeichnen erst wenige Unternehmen Artikel in Bitcoin aus, aber mehr und mehr Firmen akzeptieren das elektronische Geld. Gallippis Firma Bitpay beispielsweise verwaltet die Bitcoin-Transaktionen von rund 4500 Unternehmen. Viele davon seien Onlinehändler, aber auch die Zahl traditioneller Einzelhändler, die mitmischen wollen, nehme stetig zu, berichtet Gallippi: «Gerade erst hat sich ein Autohändler aus Kansas City beworben.»

Leichter Zugriff auf das eigene Geld

Für März hat Bitpay Bitcoin-Transaktionen im Wert von 5,2 Millionen Dollargemeldet - Umsatzrekord und deutlich mehr als die geschätzt 1,2 Millionen Dollar, die angeblich vergangenes Jahr pro Monat bei Silk Road umgesetzt wurden.

Der leichte Zugriff auf das eigene Geld sei das grösste Argument, das für Bitcoin spreche, findet Gallippi: «Ich kann jederzeit von jedem Computer auf mein Geld zugreifen und damit anstellen, was ich will.»

Wall-Street-Veteranen wie Art Cashin stehen dem elektronischen Geld dagegen sehr kritisch gegenüber: «Es ist ungewöhnlich, dass man die Entwicklung einer Blase Schritt für Schritt in Echtzeit mit verfolgen kann», unkte der UBS-Aktienhändler kürzlich.

«Auf lange Sicht gewinnen die Filmpiraten immer»

Vom Platzen dieser Blase merkt Mike Caldwell aber bislang nichts. Der 35-jährige Programmierer aus Utah prägt echte Bitcoin. Was zunächst als Scherzartikel für Leute gedacht war, die Probleme hatten, sich virtuelles Geld vorzustellen, hat sich zum Absatzknüller entwickelt. In den anderthalb Jahren, die er im Geschäft sei, habe er zwischen 16'000 und 17'000 Chips mit fälschungssicherem Siegel gefertigt, sagt Caldwell. Inzwischen suche er sich seine Kunden aus.

Gehören die Münzen irgendwann zu den wenigen greifbaren Erinnerungsstücken einer Modeerscheinung? Caldwell räumt ein, dass sich Bitcoin noch nicht endgültig etabliert hat. Aber er vergleicht das Bitcoin-Lager mit den Tauschbörsen, die im vergangenen Jahrzehnt das Geschäftsmodell der Filmindustrie infrage stellten: «Auf lange Sicht gewinnen die Filmpiraten immer gegen Hollywood. Und so ähnlich wird es auch bei Bitcoin sein.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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