«Wir dürfen die Privatsphäre nicht preisgeben»

Die grossen Geheimdienste lauschen im Internet mit. Dagegen wehrt sich die deutsche Informatikerin, Aktivistin und Publizistin Constanze Kurz – verbal und mit Verschlüsselungstechnik.

Die Hackerin im Grandhotel: Constanze Kurz, Sprecherin des deutschen Hackervereins Chaos Computer Club, referierte am Kongress X-Days im Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken.

Die Hackerin im Grandhotel: Constanze Kurz, Sprecherin des deutschen Hackervereins Chaos Computer Club, referierte am Kongress X-Days im Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken.

(Bild: Susanne Keller)

Mathias Born@thisss

Constanze Kurz, dürfte ich Ihren öffentlichen Schlüssel haben?
Constanze Kurz: Den Schlüssel zum Versenden verschlüsselter Mails an mich? Klar, den kriegen Sie. Ihre Verschlüsselungssoftware darf ihn natürlich auch selber holen: Er hängt in den üblichen Schlüsselservern.

Verschicken Sie ausschliesslich chiffrierte E-Mails?
Rund die Hälfte meiner Kommunikation ist verschlüsselt. Leider muss ich nach wie vor allzu oft E-Mails im Klartext verschicken.

Weshalb?
Weil manche Kommunikationspartner die Sache mit der Verschlüsselung schlicht nicht auf die Reihe kriegen oder sich deswegen keinen Kopf machen.

Verübeln kann man es ihnen nicht. Schliesslich muss man sich kurz Zeit nehmen, um die Verschlüsselung einzurichten – und um das Prozedere zu begreifen.
Es braucht im Fall der E-Mail tatsächlich einen kleinen Effort. Eine Hexerei ist die Konfiguration aber nicht. Allerdings muss auch der Kommunikationspartner Bescheid wissen. Bei einigen Chat-Apps geht es einfacher: Whatsapp etwa verschlüsselt zwischen Android-Geräten standardmässig. Sehr sicher sind auch einige Alternativen dazu, etwa die in der Schweiz entwickelte App Threema. Dank den Enthüllungen von Edward Snowden zu den Abhörpraktiken des US-Geheimdienstes sind viele Nutzer mittlerweile sensibilisiert fürs Thema. Anwälte und Journalisten etwa wissen in der Regel Bescheid.

Darf ich als Journalist noch unverschlüsselt kommunizieren?
Wer übers Internet sensible Informationen verschickt, muss diese verschlüsseln. Auch zum Schutz der Informanten: Ein Journalist, der im Klartext mit Aktivisten in einem repressiven Regime kommuniziert, bringt diese in Lebensgefahr. Recherchejournalisten, die keine Kryptografiekenntnisse haben, kann ich nicht ernst nehmen.

Bei der privaten Kommunikation sieht das anders aus. Viele Leute argumentieren jedenfalls, sie hätten nichts zu verbergen.
Das ist naiv. Wissen ist Macht. Wer viel über mich weiss, hat Macht über mich. In Zeiten, in denen Datenströme abgezweigt, mit Infos aus anderen Quellen ergänzt und dann ausgewertet werden, sollte man vorsichtig sein – auch zum Schutz des Kommunikationspartners. Wer nie physisch oder psychisch krank war oder nie finanzielle Schwierigkeiten hatte, glaubt vielleicht, sich Freigebigkeit bei Daten leisten zu können. Das gilt aber höchstens in funktionierenden Demokratien. Anders gesagt: Die Privatsphäre ist ein Menschenrecht, das von unseren Vorfahren hart erkämpft wurde. Wir dürfen es nicht leichtfertig preisgeben.

Wer hört die Kommunikation im Internet systematisch ab?
Seit der Veröffentlichung der von Edward Snowden gesammelten Daten und der daraus entstehenden Skandale können wir es nicht mehr ignorieren: Die grossen Geheimdienste hören alle mit. Besonders aktiv sind die US-Amerikaner und die Briten. Sie schnorcheln, wo sie nur können.

Waren Sie überrascht vom Umfang der Schnüffelei, die Edward Snowden publik gemacht hatte?
Ich befasse mich schon lange mit dem Thema. Viel wusste oder ahnte ich bereits. Überrascht hat mich aber die Dimension des Überwachungsapparates: 54 Milliarden Dollar investiert die USA jährlich. Hinzu kommt Geld, das im Militärbudget versteckt ist. Das ist eine gigantische Fehlzuteilung von Steuergeldern! Damit liessen sich beispielsweise viele Hebammen beschäftigen oder Schulbücher kaufen. Als Rechtfertigung für den Milliardenkomplex muss stets die Sicherheit hinhalten. Doch sie ist nur ein Vorwand.

Weshalb haben die USA die Gespräche der deutschen Kanzlerin Angela Merkel abgehört?
Niemand hält die Bundeskanzlerin für eine Terroristin. Abgehört wurde sie aus machtpolitischen Gründen. Viele bekannt gewordene Fälle liegen ähnlich: Weder die UNO noch das EU-Parlament oder die brasilianische Präsidentin stehen auf Terrorlisten.

Worum geht es in Wirklichkeit?
Es geht um Wirtschaftsspionage, um nichts anderes. In dieses Bild passt, dass der US-Geheimdienst den belgischen Telecommunikationskonzern Belgacom und den Finanzdienstleister Swift ausgespäht hat. Dieses Gebaren ist nicht nur für die Zivilgesellschaft problematisch, sondern auch für die Wirtschaft. Trotzdem kommt man politisch kaum dagegen an. Wir haben es mit einem mächtigen Gegner zu tun, der die gesamte IT-Sicherheit unterminiert hat: Er liess in Programme Hintertürchen einbauen, schwächte Verschlüsselungstechniken und kaufte mit Steuergeldern Sicherheitslücken.

Haben die USA einen Passepartout, um verschlüsselte Inhalte dekodieren zu können?
Der US-Staat kann bei Internetfirmen sogenannte Master Encryption Keys verlangen – und das völlig legal mit einem «National Security Letter». Darüber sprechen dürfen die Mitarbeiter der betroffenen Firmen nicht. Der Geheimdienst kommt also ziemlich einfach an die Daten, die wir bei US-Unternehmen ablegen.

Das Gesetzt setzt dem auch Schranken.
Diese betreffen aber nur US-Bürger sowie Leute, die sich auf dem Staatsgebiet aufhalten. Für uns «Ausländer», die wir US-Dienste benutzen, gelten sie nicht. Das ist ein Problem für die dortige IT-Branche. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg etwa machte Präsident Barack Obama darauf aufmerksam, dass die Mehrheit seiner Kunden keine US-Bürger sind.

Sie sagen, dass die USA Sicherheitslecks kaufen. Wie funktioniert das?
Wer ein Leck in einer Software entdeckt, kann sich an den Geheimdienst wenden. Er bezahlt für diese Infos. Nicht, um die Lücke zu stopfen. Im Gegenteil: Sie sollten für die eigenen Zwecke so lange wie möglich offen bleiben. So befeuern die USA den Schwarz- und Graumarkt für Sicherheitslecks. Das widerspricht dem Interesse der Gesellschaft.

Wie schädlich sind diese Praktiken?
Derzeit entsteht unsere digitale Zukunft. Wir werden von Sensoren umgeben sein; sie werden in uns hereinwachsen. Jede Transaktion wird digital. Dabei setzen wir auf eine wacklige Sicherheitsinfrastruktur – eine Mauer, die von Hintertüren durchsetzt ist. Das ist falsch und extrem gefährlich!

Berner Zeitung

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