Dabei sein ist alles: Wieso Facebook kein Hype ist

Soziale Netzwerke sind ein Hype. Und der geht vorbei. So argumentiert, wer noch nicht bei Facebook, Xing und Co. dabei ist. Die Experten sind anderer Meinung. Ihr Rat: Sofort einschreiben!

Mathias Born@thisss

Er fertige Zuckerbriefchen, sagt einer – und hält eines in die Höhe. Sie sei in der Personalabteilung eines Informatikunternehmens tätig, sagt seine Tischnachbarin. Und er arbeite als Ingenieur in der Medizinaltechnik, sagt ein weiterer. Rund 35 Personen sind an diesem Abend ins Berner Musigbistrot Monbijou gekommen – Arbeitnehmer ebenso wie Freischaffende, Selbstständige und Geschäftsführer. Die meisten Anwesenden kennen sich noch nicht. Sie sind aber alle auf der Online-Plattform Xing aktiv. Zu Beginn stellen sie sich vor. Dann ist der erste Teil des Offline-Treffens der Onliner bereits zu Ende. «Die Gäste gehen noch lange nicht nach Hause», verspricht der Organisator Mike Ritschard. Tatsächlich: Die Leute bleiben sitzen – und beginnen sich angeregt zu unterhalten.

Xing ist eine Webgemeinschaft für Berufsleute – ein sogenanntes Soziales Netzwerk, wie es für fast jeden Lebensbereich eines oder mehrere gibt (siehe Kasten). Andere bekannte Plattformen sind Facebook, StudiVZ und Myspace. Das Grundprinzip ist überall dasselbe: Die Nutzer eröffnen ein Konto, tragen persönliche Daten ein und markieren als Freunde, wen sie kennen oder wen sie kennenlernen möchten. Fortan nehmen sie an deren Online-Leben teil: Sie sehen, wen die Freunde sonst noch kennen. Sie lesen mit, wenn die Freunde eine Mitteilung veröffentlichen, und sie klicken sich durch deren Fotoalben. Sie können zudem private Mitteilungen verschicken oder chatten. Entsprechend vielseitig werden die Plattformen genutzt: Da wird diskutiert, präsentiert, geflirtet, verhandelt oder auch nur herumgeblödelt. Manche Onlinegemeinschaften können, da sie durch Werbung oder Investoren finanziert sind, kostenlos benutzt werden. Bei anderen muss man ein Abonnement lösen, wenn man weitergehende Funktionen freischalten will.

Einschreiben oder nicht?

Ob man wirklich bei Facebook und Co. dabei sein müsse, fragt die Gastgeberin einer Hausparty – und tritt damit eine kontroverse Diskussion los. Die Frage müsse andersrum lauten, sagt einer, der online aktiv ist: «Wer kann es sich leisten, nicht dabeizusein?» Ob im Geschäft oder privat: Ein gutes Beziehungsnetz sei doch das A und O. Die Offliner an der Party bleiben skeptisch. Ihnen fehle die Zeit für ausschweifende Online-Aktivitäten, entgegnen sie. Um Facebook und Co. gebe es derzeit einen «Hype». Der werde wieder abflauen. Die Trendsetter zumindest seien bald schon weg.

«Die Zahlen zeigen ein anderes Bild», so Josh Bernoff. Er beobachtet für die US-Beratungsfirma Forrester Research solche Plattformen; sein Buch dazu erscheint im März in deutscher Sprache. «Die Sozialen Netzwerke wachsen derzeit schneller als alles andere im Internet», sagt er. Die Anzahl Nutzer nehme in allen Weltgegenden zu. In Korea sei bereits über die Hälfte aller Internet-Nutzer in Sozialen Netzen aktiv. Auch wenn in Frankreich erst 9 und in Deutschland 17 Prozent dabei sind: «Die neue Kommunikationsform wird ebenso wenig verschwinden wie die E-Mail.» Die grossen Plattformen wie Cyworld und Facebook wüchsen in Zukunft weiter. Zusätzlich entstünden neue Angebote, die sich an klar definierte Nutzergruppen richteten.

Der Verweis auf Obama

In manchen Berufen sei das Netzwerken bereits unabdingbar, sagt Bernoff. Etwa für Politiker und deren Mitarbeiter, wie er an einem prominenten Beispiel zeigt: «Barack Obama ist gewählt worden, weil er die Möglichkeiten des Internets richtig einzusetzen verstand». Oder im Journalismus und der Öffentlichkeitsarbeit: «Persönliche Beziehungen sind dort besonders wichtig; in Sozialen Netzwerken kann man sie effizient pflegen». Oder auch als Mitarbeiter fast jeder Firma: Die Geschäftskontakte müssten gepflegt werden. Und es gelte, die online geäusserten Meinungen zur Firma im Auge zu behalten, sagt Bernoff. «Wer nicht dabei ist, weiss schlicht nicht, was abgeht.»

Im Privatleben sei es «kein Must», sich in Sozialen Netzwerken zu betätigen – im Geschäftsalltag aber schon, sagt auch Nicolas Berg, Geschäftsführer des Vereins Xing Schweiz und Mitbegründer mehrerer Plattformen. «Man findet einfach Referenzen, Türöffner, Investoren, Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter – alles, was man im Geschäftsleben braucht.» In der Informatik, dem Bankwesen und generell bei Jungunternehmen könne man es sich gar nicht leisten, nicht präsent zu sein. «Manche Leute reagieren misstrauisch, wenn sie einen potenziellen Geschäftspartner nicht finden. Sie vermuten, dass diese Person etwas verbergen will oder aber noch gar nichts geleistet hat.»

Gezielt mitmachen

Es gibt Tausende solcher Netzgemeinschaften. Täglich werden es mehr. Nicolas Berg etwa hat eben gerade Quevita mitbegründet, eine Plattform zu Gesundheit, Fitness und Lebensqualität mit Sitz in Langenthal. Er gibt sich überzeugt, dass es Platz für weitere Anbieter hat: «Die Leute wollen sich mit Gleichgesinnten austauschen. Und für die Werbewirtschaft sind klar definierte Nutzergruppen interessant.»

Doch auch wenn es mit OpenID oder Opensocial Bestrebungen gibt, die einzelnen Plattformen auf Wunsch zu verknüpfen: Kaum jemand dürfte genügend Zeit haben, um auch nur auf den wichtigsten Präsenz zu markieren. «Wenn man überall dabei sein will, hat man Stress», sagt Nicolas Berg. Er rät deshalb, eine bis drei Plattformen auszuwählen – «wie beim Ausgehen, wo man sich auch für wenige Klubs entscheidet». Josh Bernoff empfiehlt, sich auf diejenigen Plattformen zu beschränken, auf der die meisten Kontaktpersonen zu finden sind. Allenfalls mache es Sinn, die geschäftliche und die private Identität zu trennen. «Es ist heikel, wenn Geschäftspartner oder Arbeitgeber allzu private Einträge sehen.»

Zurück am Xing-Treffen: Die Gäste sind noch immer in angeregte Gespräche vertieft. Sie erzählen von sich. Sie diskutieren über ihre Projekte und hecken neue aus. Ab und zu tauschen zwei Teilnehmer Visitenkarten – ganz herkömmliche aus Papier. «Eine kurze Vorstellungsrunde – schon ist das Eis gebrochen», sagt der Organisator Mike Ritschard und lässt den Blick durchs Restaurant schweifen. Die meisten Gäste kämen, um neue Leute kennenzulernen. Nicht goutiert werde, wenn jemand offensichtlich Produkte an den Mann und die Frau zu bringen versuche. «Das hier ist keine Verkaufsveranstaltung», stellt Ritschard klar. «Es geht darum, das Beziehungsnetz auszubauen. Vielleicht ergibt sich irgendwann etwas Geschäftliches daraus.»

Das Buch «Facebook, Youtube, Xing & Co.» von Charlene Li und Josh Bernoff erscheint im März.

Berner Zeitung

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