Mauerblümchen der Medienrevolution

Als «Graswurzel-Revolution» gestartet, hat das Podcasting keine Superstars hervorgebracht. Statt eines Massenmediums hat sich eine Art Szenemedium entwickelt, das mit einzigartiger Hörerbindung aufwartet.

Sarah Koenig und ihre Produzentin Diana Chivvis setzen mit «Serial» Podcast-Massstäbe. Foto: Elise Bergerson

Sarah Koenig und ihre Produzentin Diana Chivvis setzen mit «Serial» Podcast-Massstäbe. Foto: Elise Bergerson

Matthias Schüssler@MrClicko

Adam Curry ist ein ehemaliger MTV-Moderator mit einer klaren Meinung zu seinem Ex-Arbeitgeber: «Die Verantwortlichen waren Idioten», lässt er sich in einem Buch über den Musiksender ­zitieren: «Die hatten keine Ahnung, wie Fernsehen funktioniert.»

Um es den «Idioten» zu zeigen, entwickelte er ein Medienformat, das jedermann ermächtigen sollte, gegen die etablierten Radio- und Fernsehsender an­zusenden. Im März 2005 adelte das ­«Wired»-Magazin sein Podcasting als «Graswurzel-Revolution». Im Juni integrierte es Apple ins iTunes-Programm. Auf einen Schlag hatten Millionen Leute die Gelegenheit, am PC oder auf dem iPod die Sendungen zu hören. Etwa die damals im «Tages-Anzeiger» vorgestellte «Dawn and Drew Show», bei der ein verheiratetes Paar direkt aus Küche, Keller und Bett sendete (und noch heute sendet). Im August 2005 brachte Curry mit einem Risikokapital von mehreren Millionen Dollar Mevio.com an den Start. Das war eine Produktionsgesellschaft für Podcasts, die als Alternative zu Hollywood und den grossen Rundfunkveranstaltern einer unabhängigen Multimedia­landschaft den Weg ebnen sollte.

Zehn Jahre später hat Mevio.com den Betrieb eingestellt. Adam Curry wettert in seinem «Noagenda»-Podcast weiterhin gegen die «Mainstream-Medien» – «Media Assasination» heisst das bei ihm – und finanziert sich über die Spenden seiner Hörer. Podcasting hat, anders als Youtube, keine grossen Stars hervorgebracht. Und während es heute Blogger gibt, die als Meinungsführer gelten dürfen, finden Podcaster ausserhalb ihrer Filterblase kaum öffentliches Gehör.

Gründe für das Nischendasein gibt es viele. Das Konzept ist einen Hauch zu kompliziert, als dass man es in einem Satz erklären könnte. Das Prinzip des Abonnierens impliziert eine monetäre Verpflichtung – obwohl es nichts anderes besagt, als dass neue Folgen einer Sendereihe automatisch abgerufen werden und Audio- oder Videodatei auf dem Gerät der Wahl bereitgehalten wird.

Podcasts leiden an der nicht einmal in Englisch gut fassbaren Bezeichnung.Als der Verein Deutsche Sprache 2014 nach einem deutschen Wort suchte, zitierte Sprachlog.de süffisant eine Reihe von Vorschlägen aus der Community: Vom Akronym AufzRuFZsn (kurz für «Aufzeichnung für neuartige Rundfunkgeräte zum zeitsouveränen Nachhören») über Neuschöpfungen wie «Abrufsendung» bis hin zu der wortwörtlichen Übersetzung «Hülsenwurf» war alles ­dabei – nur nichts Brauchbares.

Podcasts erreichen im Schnitt nicht die kritische Masse, um für die Werbung interessant zu sein. Der eigentliche Knackpunkt liegt jedoch darin, dass die Podcaster nicht davon lassen können oder wollen, Gegenkultur zu sein: «Podcasts füllen eine Lücke, die der gewöhnliche Rundfunk lassen muss, weil er als Massenmedium darauf angewiesen ist, seine Hörerschaft möglichst wenig zu stören, also wenig Abschaltimpulse zu bieten», sagt Holger Klein.

Klein arbeitet zum einen fürs Radio der ARD und veröffentlicht zum anderen auf Wrint.de Podcasts zu Personen, Wissenschaft, Fotografie und Alltags­themen. Er ergänzt: «Den Stellenwert von Podcasts sehe ich ähnlich dem von Kleinkunstbühnen. Ohne die würde im Kulturbetrieb eine Plattform fehlen, auf der ungewöhnliche Ideen und Persönlichkeiten sich ausprobieren können.»

Timo Hetzel bestreitet mit seinem Podcast «Bits und so» seit mehr als acht Jahren das sehr populäre Genre Technik, Apple und Computer. Er bemerkt, dass im deutschsprachigen Raum die Verbreitung nicht so gross ist wie in den USA: «Das mag an dem etwas erträglicherem Radioangebot und an den kürzeren Pendelzeiten liegen. Damit fehlt vielleicht auch der Anreiz für Produzenten, mehr Energie in Podcasts zu stecken? Zumindest für mich in der Technik-Nische funktioniert es gut.» Dass Youtube in Sachen Multimedia die Nase vorn hat, erklärt Hetzel mit dem Mehraufwand: «Das Abonnieren von Podcasts ist mit etwas ‹Arbeit› verbunden. Man braucht Software auf dem Computer oder eine App auf dem Smartphone, man muss passende Sendungen finden oder sich lange reinhören. Vielleicht schreckt das die potentiell grosse Menge an Hörern schon ab.»

Toby Baier streicht heraus, dass Podcasts für die breite Öffentlichkeit eine komfortable Möglichkeit seien, Radio- und Fernsehsendungen zeitversetzt und mobil nachzuhören. Baier ist der Urheber des «Einschlafen»-Podcast, dessen Stärke seine «besonders einschläfernde Vorlesestimme» sei. Er sagt: «Privates Podcasting, wie ich es betreibe, hat einen hohen Stellenwert für die Hörer, weil sie sich den Sendenden persönlich nah fühlen und eine Art Beziehung aufbauen.»

Intimes Szenemedium

Der Podcast nicht als Massen-, sondern als vergleichsweise intimes Szenemedium: Die enge Bindung zwischen Hörern und Machern belegt die «Share of Ear»-Studie des Marktforschers Edison Research vom Herbst 2014. Nach diesen Zahlen macht der Podcast in den USA zwar nur 1,7 Prozent des gesamten Audiokonsums inklusive Radio, Streaming und lokaler Musiksammlung aus. Aber diejenigen Personen, die Podcasts konsumieren, verwenden darauf mit 30 Prozent mehr Zeit als für jede andere Form von audiofoner Unterhaltung.

Alexander Waschkau kämpft im «Hoaxilla»-Podcast gegen Pseudowissenschaften und betreibt als Diplom­psychologe in «Psychotalk» mit zwei Kollegen eine virtuelle Sprechstunde. Er betont die Vielfalt und sagt zu der Bedeutung des Mediums: «Gesamtgesellschaftlich relevant werden Podcasts nur, wenn die Macher sich auch in anderer medialer Form präsentieren, nämlich ausserhalb der Internetbubble. Durch Bücher, Interviews und Vorträge. Wir sind damit ganz gut gefahren.»

Somit bleibt Leo Laporte die Ausnahmeerscheinung: Der Ex-Fernsehmann betreibt mit Twit.tv seit zehn Jahren eine Plattform, die mit 6 Millionen Dollar Werbeumsatz 2014 zu einem Medienunternehmen herangewachsen ist. Abgesehen davon bleibt der Podcast ein Medium für die Nische – was Machern und Hörern augenscheinlich ganz gut gefällt.

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