Lasst uns einen zwitschern

Wer im Netz etwas auf sich hält, twittert. Was aber macht den Reiz des Kurzmitteilungsportals Twitter aus? Ein Selbstversuch.

Mathias Born@thisss

Plötzlich zwitscherts aus allen Löchern. Es ist nicht zu überhören: Die Kurznachrichtenschleuder Twitter erlebt ihren Frühling. Erstaunt reibt man sich die Augen: Hebt diese Plattform, die es mittlerweile doch auch schon zwei, drei Jahre gibt, nun richtig ab? Das sei tatsächlich der Fall, bestätigen einige Kollegen Blogger, die längst twittern. Trotz des banalen Prinzips? Die Nutzer des Internetdienstes posaunen lediglich in Kurztexten in die Welt hinaus, was sie treiben, und sie chatten miteinander. Gerade wegen des aufs Nötigste reduzierten Prinzips, korrigieren die Kollegen. Das begreife aber nur, wer es selbst probiereSelbsttest in 140 ZeichenDer Selbstversuch beginnt am Dienstag letzter Woche. Einen eigenen, kostenlosen Twitter-Zugang zu eröffnen dauert wenige Minuten. Dann beginnt die Suche nach Nutzern, deren Nachrichten man gerne auf der eigenen Startseite aufgelistet haben möchte. Twitter schlägt einige besonders beliebte vor. Nein, bitte nichts von 50cent und Paris Hilton! Soll ich die Neuigkeiten des Schauspielers Ashton Kutcher abonnieren, der gewettet hat, auf Twitter mehr «Followers» als CNN zu erreichen? Ich wähle CNN. Zudem abonniere ich die Eilmeldungen des «Spiegels» und den Technikticker von Heise. Von der Berner Zeitung bis zur «New York Times» – kaum ein Medienunternehmen jagt die Schlagzeilen nicht auch via Twitter ins Web. Das ist praktisch: Mit wenigen Klicks stellt man sich einen ganz persönlichen Newsticker zusammen. Dann werden die Updates einiger Kollegen abonniert. Schon ist auf meiner Übersichtsseite eine – ziemlich belanglose – Neuigkeit eines Kollegen eingetroffen. Was jetzt? Eine erste eigene Nachricht. 140 Zeichen stehen zur Verfügung, ähnlich wie in einer SMS. Da passt nicht viel rein – oder aber die Essenz, wie die Twitterer sagen. Ich habe nichts Weltbewegenderes zu berichten. Und so ist das erste Status-Update ziemlich belanglos: «Ja, jetzt habe ich auch ein Twitter-Konto.» Ich durchsuche anschliessend die Tweets, wie die Nachrichten heissen, nach Stichworten – und finde tatsächlich spannende Neuigkeiten, die es noch nicht in Zeitungen und Zeitschriften geschafft haben. Tags darauf verfolgen bereits die ersten Leute meine Updates. Darunter Angela Merkel und ein Berner Reisebüro, mit dem ich noch nie unterwegs war. Diese Kontakte bestätige ich nicht. Doch besser bloggen?Nach den ersten zwei Tagen bin ich ernüchtert. Was soll das? Wer das Bedürfnis hat, alles ins Web hinauszuposaunen, kann sich in den Statuszeilen von Facebook und Co. austoben. Und weshalb twittern, wenn man stattdessen Beiträge im eigenen Weblog veröffentlichen könnte? Christian Leu, Blogger und Twitterer, sagts in weniger als 140 Zeichen: «Twitter ist ein Kommunikationsparadies. Ich kann meine Gedanken und Ideen teilen und darüber diskutieren.» Später in einem anderen Tweet: «Twitter ist etwas vom Nützlichsten, was das Web2.0 hervorgebracht hat.» Facebook sei überladen, argumentiert Christian Michel, Blogger und Twitterer aus Bern. Der Twitter-Microblog lasse sich auch nicht mit einem richtigen Weblog vergleichen. «Twittern ist Fastfood und Bloggen ist Dinieren. Beides macht Spass, und beides hat seine Berechtigung.» Ähnlich sagts Nick Lüthi, Blogger, Twitterer und Chefredaktor des Medienmagazins Klartext: «Bloggen ist formulieren, recherchieren, schreiben – journalistisches Handwerk eben. Twittern hingegen ist ein Livestream, oder besser: ein Life-Stream.» Sechs Tage habe ich getwittert, einmal testweise auch per SMS vom Handy aus. Meist war es unterhaltsam, einige Male bereichernd, oft ablenkend. Doch was nun? Soll ich den Bettel hinschmeissen, wie es laut Nielsen 60 Prozent der Neuen tun? Ich werweisse noch. Derweil tippe ich schon mal die Statusmeldung: «Der Twitter-Artikel für die Zeitung ist fertig. Feierabend.»

Berner Zeitung

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