Kanarienvögel gegen das FBI

Wie reagieren, wenn der Geheimdienst Nutzerdaten will? Onlinedienste setzen auf eine Hintertür, um ihre User zu warnen.

Soll warnen, wenn Geheimdienste anklopfen: Digitaler Kanarienvogel.

Soll warnen, wenn Geheimdienste anklopfen: Digitaler Kanarienvogel.

(Bild: Autocanary (pd))

Jan Rothenberger@janro

Im neuen Transparenzberichtdes Onlineforums Reddit fehlt ein Hinweis, den der Dienst bislang gelistet hatte: keinen «National Security Letter» erhalten zu haben. Das Verschwinden des Hinweises ist laut Beobachtern ein Zeichen, dass US-Behörden Reddit zur Kooperation bei der Datenherausgabe zwingen.

Ein National Security Letter ist eine bindende Aufforderung des FBI, Nutzerdaten herauszugeben. Nach US-Gesetz dürfen Organisationen nicht publik machen, wenn sie auf diesem Weg angegangen werden. Ein sogenannter Gag-Order (Maulkorberlass) verbietet dies explizit.

Wenn der Vogel zu singen aufhört

Umgekehrt müssen Onlinedienst ihre Nutzer aber auch nicht aktiv täuschen, sagt Rechtsexperte Kurt Opsahl. Das erlaubt das Prinzip des «Warrant Canarys» – eines Kanarienvogels im übertragenen Sinn, der vor behördlichen Anordnungen warnt. Der Name «Canary» gründet auf die frühere Verwendung der Vögel im Bergbau: Wenn das in den Stollen mitgenommene Tier aufhörte zu singen, war das für die Bergleute ein Hinweis auf Gas – und man evakuierte.

Onlinedienste und findige Netzaktivisten machen sich ein ähnliches Prinzip zunutze und vertrauen auf diese Gesetzeslücke, um quasi durch Nichtssagen die Nutzer über die geheimdienstlichen Begehrlichkeiten zu informieren. Reddit könnte hier so vorgegangen sein. Wenn ein Warrant Canary verschwindet, der keine Aufforderung der Behörden vermeldete, können Medien oder Nutzer Alarm schlagen – ohne dass das Unternehmen sich strafbar gemacht hätte. Weder das FBI noch Reddit wollten die Sache kommentieren, meldet Reuters. Reddit-Gründer Steve «spez» Huffmann sagte zur Angelegenheit einem Onlinedienst nur knapp: «Mir wurde geraten, mich weder in die eine noch in die andere Richtung zu äussern.»

Totmannschalter für das Netz

Die Seite Canary Watch versammelt die Canarys diverser Onlinedienste, um Nutzern eine Übersicht zu geben, welche Unternehmen solche Warnhinweise geben. Betrieben wird Canary Watch unter anderem von der Electronic-Frontier-Stiftung und der juristischen Fakultät der Universität von New York.

Programmierer spinnen die Idee inzwischen sogar noch weiter: Mit dem Autocanarysollen Dienste künftig einen automatischen Countdown in Anschlag bringen. In einer eigens entwickelten Software müssen Dienstbetreiber sich regelmässig einloggen, um ihren Canary am Leben zu halten. Die Software funktioniert damit ähnlich wie ein Totmannschalter, der in Zügen zum Einsatz kommt. Hier muss der Lokführer regelmässig bestätigen, dass er bei Bewusstsein ist, ansonsten bremst der Zug automatisch.

Bei Snowden fehlte der Canary

In welchen Fällen schon früher Warn-Canarys zum Einsatz hätten kommen können, zeigt der Fall Lavabit: Als die US-Behörden 2013 den Maildienst zur Herausgabe von Daten zwingen wollten, entschied Gründer Ladar Levison, den Dienst einzustellen, um der Aufforderung nicht nachkommen zu müssen. Auch wenn Medien schon damals spekulierten, hinter der überraschenden Schliessung könnten Geheimdienstbegehrlichkeiten stecken – Levison gab zu Protokoll, er dürfe über die Angelegenheit nichts sagen. Welche Information die Behörden von Lavabit wollten, kam wegen des Maulkorbs erst mit Verspätung heraus, als US-Behörden ein entsprechendes Dokument versehentlich freigaben. Es ging um den Zugriff auf Edward Snowdens E-Mail-Konto.

Bruce Schneier, Experte für Onlinesicherheit, sieht das Prinzip der Canarys allerdings in Gefahr. Seiner Meinung nach könnte ein neues Gesetz jederzeit die digitalen Kanarienvögel zum Schweigen bringen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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