Im Club der Unverbindlichen

Facebook-«Freunde» können durchaus auch real dicke Kumpels werden. Sehr gross ist die Wahrscheinlichkeit allerdings nicht.

Johannes Hofstetter

«Wer begleitet mich ans Konzert von Steve Lukather in der alten Mühle Hunziken in Rubigen? Ich kümmere mich um die Tix, bräuchte aber eine Mitfahrgelegenheit»: Diese Mitteilung platzierte neulich jemand auf Facebook. Irgendeiner seiner 150 «Freundinnen» und «Freunde» würde sicher Zeit haben, ihn an diesem elementar wichtigen Abend vor Ort zu kutschieren; auch dafür sind Freunde ja da, dachte sich der Rockfan. Aber oha: Auf seinen Aufruf meldeten sich genau null Freiwillige. Oder, um Max Raabe zu zitieren: Kein Schwein rief ihn an.

Masse vor Klasse

Statt den Abend elektrisch verstärkten Gitarrenklängen lauschend zu verbringen, versuchte der daheim Sitzengelassene, den Wert virtueller Freundschaften zu ergründen. Und er startete in der Hoffnung, dass sich wenigstens auf diesen Aufruf jemand melden würde, eine kleine Umfrage auf Facebook.

Wenig später war ihm klar: Wer im grössten sozialen Netzwerk der Welt «Freundin» und «Freund» genannt wird, ist oft ein Mitglied des unüberschaubar grossen Clubs der Unverbindlichen. Für manche Facebook-User zählt weniger, wie es ihren «Freundinnen» und «Freunden» geht und was sie treiben; wichtig ist ihnen primär, zahllose «Freunde» auflisten zu können.

Dazu gehörte auch Lucia Steiner aus Baar: «Zu meinen Facebook-Anfängen bedeutete eine Freundschaft sehr viel», sagt sie. «Es war mir wichtig, möglichst viele Freunde zu haben.» Dann habe sie gemerkt, «dass sich höchstens 20 Prozent dieser Freundinnen und Freunde für mich interessieren». Und von diesen 20 Prozent wiederum würde sie lediglich die Hälfte als «wirklich echte Freunde» bezeichnen, schreibt Steiner.

«Vor allem coole Sprüche»

Die Online-Kontaktpflege sei eine Mischung aus Unterhaltung und Selbstinszenierung: «Je cooler der Spruch, desto besser finden einen die anderen.» Aus eigener Erfahrung wisse sie , dass sich die meisten dieser coolen Zeitgenossen aber blind und taub stellen, sobald man sich mit einem Problem an sie wende.

Ganz andere Erfahrungen hat Remo Gretener aus Hünenberg gemacht. Als er bei Facebook eingestiegen sei, habe er gedacht, «das ist ein Seich, das kann nicht funktionieren». Doch dann sei er «überrascht und überwältigt» gewesen, «was für wunderbare Menschen ich auf Facebook kennen lernen durfte». Nach ein paar Klicks habe sich für ihn «eine neue Welt aufgetan».

Seither erlebe er «viele rea-le Momente mit wunderbaren Menschen». Die Facebook-Freundschaften seien nicht nur «eine Bereicherung für mein Leben», sondern auch praktisch, freut sich Gretener: «Ich habe meine Wohnung durch Facebook vermietet und Cousinen und Cousins wiedergefunden, die ich aus den Augen verloren hatte.»

Nur Gutes weiss auch eine verheiratete Frau aus dem Freiburgischen zu berichten, die ihren Namen aus nachvollziehbaren Gründen nicht in der Zeitung lesen mag. «Eines Tages erhielt ich eine Freundschaftsanfrage von einem unbekannten Mann», erinnert sie sich. «Ein paar Mails später» sei es zu einem Treffen in Bern gekommen. In der Folge hätten sich weitere Meetings ergeben, an deren Ende «eine heisse Affäre» gestanden sei, die sie heute noch geniesse.

Treffen und Wiedersehen

Als Kontakthof und als Werkzeug, um weggezogene Bekannte ausfindig zu machen, funktioniert Facebook bestens. Der Lautenist Thomas Schall aus Lungern entdeckte so seine Jugendliebe wieder, wenn auch erst virtuell: «Das Wiedersehen steht noch aus.» Der Teehändler Thomas Grimm aus Burgdorf ist froh darum, «mit meinen Studienfreunden aus England, die um den Globus verteilt leben, in Kontakt zu bleiben».

Die Hobbymalerin Stefanie Hofer-Gertsch aus Amsoldingen stöberte mit Hilfe von Facebook frühere Weggefährtinnen in England und Amerika auf. Und sie trifft sich oft mit Leuten, die sie auf dieser Plattform kennen gelernt hat. «Für mich als Mutter von drei Kindern ist die Pflege meines sozialen Umfeldes anders nicht mehr denkbar», sagt sie.

Wie tragfähig diese «Freundschaften» im Ernstfall wären, vermag jedoch niemand abzuschätzen, weil die Kommunikation meist nur schriftlich oder fernmündlich erfolgt.

Feiern ja, zügeln nein

Ein Berner, der ebenfalls anonym bleiben will, kann zum Thema «Facebook-Freunde» Lieder in Dur und Moll singen: Als er eines Morgens gepostet habe, er sei ab 18 Uhr auf ein, zwei Bier in der «Markthalle», hätten sich zu seiner Überraschung ein Dutzend Personen eingefunden. «Aber als ich Wochen zuvor auf Facebook gefragt hatte, ob mir jemand beim Zügeln helfe, stellte sich niemand zur Verfügung.»

Der Mann, der diesen Abend eigentlich bei Steve Lukather in Rubigen verbringen wollte, lehnt sich, irgendwie erleichtert, zurück: Auch andere werden von ihren Facebook-Freunden im Stich gelassen. Das gehört offenbar einfach zum Spiel – und ist nicht persönlich zu nehmen.

Berner Zeitung

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