Filesharing feiert ein Comeback

Streaming-Angebote wie Netflix galten einst als Piraterie-Killer. Dank neuer Apps kommen sie aber wieder unter Druck.

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Videostreaming ist populär, und immer mehr Anbieter überschlagen sich mit Angeboten. In den letzten Monaten sind mit Netflix und Cablecoms Myprime zwei neue grosse Anbieter im Schweizer Markt gestartet, mit sehr ähnlichen Produkten: Film-Flatrates.

An solchen Flatrates verdienen die Verleiher weniger als an verkauften Datenträgern oder Shop-Downloads. Dass die Filmgesellschaften trotzdem mitspielen, hängt mit der Hoffnung zusammen, Raubkopierern das Wasser abzugraben. Ein komfortabler Budget-Zugang zu Filmen und Serien soll den Zuspruch der Nutzer für Onlinetauschbörsen dämpfen. Die Logik dahinter ist einfach: Wer für einen geringen Betrag monatlich beliebig viele Filme streamen kann, kehrt den Bittorrent-Netzwerken eher den Rücken.

Piraterie auf dem Rückzug

Die Rechnung ging auf. Flatrate-Streaming, wie es unter anderem Myprime und Netflix bieten, galt daher bereits als Piraterie-Killer. Dies besonders, seit Netflix 2011 Bittorrent überholte, was die Menge an Internettraffic anging. Statistiken von Googleanfragen zeigen den Siegeszug des Streamings deutlich. Während die Suchen nach Torrent-Quellen abnahmen, stiegen im gleichen Mass die Suchanfragen nach Netflix:

Für den Streamingdienst gehört dies sogar explizit zur Strategie. Laut Netflix' früherer Inhalte-Managerin Kelly Merryman schaut sich das Unternehmen gezielt an, welche Filme und Serien gerade auf Filesharing-Seiten populär sind und richtet sein eigenes Angebot danach aus. Nun zeichnet sich aber ein Problem ab für die Videoanbieter. Dank neuer Apps werden Tauschbörsen wieder populärer. Insbesondere eine App macht den Unternehmen Sorgen: Popcorn Time. Die Software will die Streamingdienste mit ihren eigenen Waffen schlagen und bietet eine Oberfläche, die deren leichte Bedienbarkeit kopiert.

Filesharing, komfortabel

Netflix-Chef Reed Hastings wandte sich in einem diese Woche veröffentlichten Brief an seine Aktionäre. Darin spricht er das Problem an und nennt die Statistiken «ernüchternd». Wiederum zeigt Google die Situation auf einen Blick: Bei den Suchanfragen liefern sich etwa in den Niederlanden Netflix und Popcorn Time ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

In der Schweiz scheint Popcorn Time noch keine grössere Nutzerschaft zu verzeichnen.

Ein Blick auf Popcorn Time zeigt, warum die App derzeit rasant an Popularität zulegt: Sie macht aus Filesharing eine komfortable Angelegenheit. Ohne das relativ mühselige Durchsuchen von Portalen à la Piratebay wählt der Nutzer Filme und Serien aus einem übersichtlichen Menü. Wer über eine ausreichend schnelle Internetverbindung verfügt, kann Videos bereits nach wenigen Sekunden Wartezeit streamen. Die Software ist für Windows, Mac OSX, Linux und Android verfügbar und funktioniert etwa mit Googles Chromecast. Ihre gediegene Optik sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Popcorn Time auf Basis des Bittorrent-Netzwerks funktioniert. Damit ist die Verwendung auch in der Schweiz illegal, denn das Streaming eines Videos über die App bedingt sowohl Down- als auch Upload von Daten.

Post vom Anwalt

In Deutschland, wo traditionell eine strengere Urheberrechtssituation herrscht als in der Schweiz, zeigt der Erfolg der App bereits rechtliche Folgen: Nutzer von Popcorn Time erhalten Post von Anwaltskanzleien. Diese nehmen dieser Tage vermehrt Kontakt auf zu Nutzern, die sie via Nachforschungen in Bittorrent-Netzwerken ermitteln. Gemäss einem Bericht von Golem.de beläuft sich eine durchschnittliche Abmahnung auf rund 800 Euro.

Popcorn Time und seine zu erwartenden Nachahmer sind die nächste Stufe im Rüstungswettlauf zwischen Filmindustrie und Raubkopierern. Der Druck durch Onlinetauschbörsen hat in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass Streamingangebote so sind, wie sie heute daherkommen – einfach zu bedienen und vergleichsweise preiswert. Wie nun die Anbieter langfristig auf diese neuen Apps reagieren wollen, ist noch völlig offen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2015, 14:38 Uhr

Was sind Bittorrent-Netzwerke?

Bittorrent ist ein kollaboratives Filesharing-Protokoll, das das Tauschen von beliebigen Dateiformaten über das Internet erlaubt. Die Dateien lagern dabei nicht zentral auf einem Server (von wo sie bei Urheberrechtsverletzungen gelöscht werden könnnten), sondern liegen verteilt auf den Rechnern der teilnehmenden Nutzer.
Dabei ist jeder Teilnehmer nicht nur Nutzer, sondern auch Anbieter der von ihm heruntergeladenen Dateien. Daher stammt auch der verbreitete Begriff «Onlinetauschbörse».

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