«Die Wikipedia ist in etwa gleich gut wie eine gedruckte Enzyklopädie»

Einfach kopieren und weiterverarbeiten: Die Wikipedia wird rege benutzt. Doch wie zuverlässig kann eine Enzyklopädie sein, an der jedermann mitschreiben kann? Und wie sollen Lehrer auf Schüler reagieren, die aus der Wikipedia abkupfern? Ein Gespräch mit Wikipedia-Sprecher Nando Stöcklin.

Bild: Karikatur: Max Spring

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Bei der Recherche zu diesem Gespräch stellte ich fest, dass es keinen Wikipedia-Eintrag über Sie gibt. Warum nicht?
Nando Stöcklin: Weil ich nicht relevant bin. In der Wikipedia existiert ein detaillierter Katalog mit Relevanzkriterien. Sie beschreiben, was erwünscht ist und was nicht. Darin steht unter anderem, dass Wissenschafter ab Stufe Professor einen Eintrag erhalten und Autoren, die vier oder mehr Bücher veröffentlicht haben. An beidem arbeite ich noch.

Wer legt diese Kriterien fest?
Der Katalog wurde gemeinschaftlich erarbeitet. Als das Wikipedia-Projekt startete, existierten noch fast keine Richtlinien. Jeder Einzelfall musste diskutiert werden. In dieser Frage gibt es zwei Sichtweisen: Manche Projektmitarbeiter argumentieren, dass online genügend Platz zur Verfügung stehe, sodass für alles und jeden Einträge gemacht werden könnten. Andere plädieren für eine Auswahl: Kriege jedes Meerschweinchen einen Eintrag, existierten viele Seiten, die kaum je angeschaut würden, aber trotzdem Wartungsaufwand verursachten. Als Kompromiss in diesem Streit wurde der Kriterienkatalog entwickelt.

Als Wikipedia-Sprecher halten Sie sich natürlich daran. Ich aber könnte problemlos einen Eintrag über Sie verfassen.
Ja, das können Sie. Der Artikel würde aber bald wieder gelöscht. In die deutschsprachige Wikipedia werden täglich etwa 1000 neue Artikel gestellt. Die Hälfte davon wird wieder gelöscht – weil darin nur Unsinn steht oder weil die Artikel nicht den genannten Kriterien entsprechen.

Wer löscht die Artikel?
Löschrechte haben lediglich die Administratoren. Jedermann kann aber vorschlagen, dass ein Artikel gelöscht werden soll. Geschieht dies, wird über den Antrag diskutiert. Und schliesslich entscheidet ein Administrator.

Die Wikipedia ist demokratisch aufgebaut: Jedermann kann mitschreiben. Trotzdem existieren Hierarchiestufen wie jene des Administrators. Was zeichnet diese aus?
Administratoren haben Möglichkeiten, mit denen sich ein grosser Schaden anrichten lässt. Entsprechend erhalten nur Leute diese Rechte, die lange mit dabei sind – und die bislang konstruktiv mitgearbeitet haben. Die Anwärter für den Administratorenposten müssen sich zudem einer öffentlichen Wahl stellen.

An der Wikipedia kann jedermann mitschreiben. Das birgt auch Risiken. Wie wird kontrolliert, dass keine Fehlinformationen ins Lexikon gelangen?
Dazu gibts mehrere Mechanismen. Wer ein Benutzerkonto eröffnet hat, kann Artikel beobachten – und gegebenenfalls Änderungen rückgängig machen. Es existiert auch eine Liste mit den letzten Änderungen; einige Freiwillige gehen diese oft durch. Zudem werden Artikel gesichtet: Anonym getätigte Änderungen müssen von Nutzern, die Sichtungsrechte haben, freigeschaltet werden. Bis dahin bleiben sie für nicht eingeschriebene Benutzer der Wikipedia unsichtbar.

Die Sichtungsfunktion existiert erst seit rund zwei Jahren. Weshalb wurde sie eingeführt?
Damals ist eine Kontroverse um Fehler in einigen Artikeln entbrannt. Mit den Sichtungen sollte die Verlässlichkeit erhöht werden. Und das Problem des Vandalismus an Artikeln soll bekämpft werden. Vorher ist es vorgekommen, dass Falschinformationen und Nonsense-Einträge in Artikeln zu Nischenthemen lange unentdeckt blieben. Bei prominenten Themen hingegen fielen Fehler schon immer schnell auf.

Bei kontroversen Themen kann es zu Änderungsschlachten kommen: Jemand passt einen Artikel an, jemand anderes macht die Änderung rückgängig – und das Spiel beginnt von vorne.
In solchen Fällen sperrt ein Administrator die Seite. Die Kontrahenten müssen dann auf die Diskussionsseite ausweichen. Der Artikel wird erst wieder freigegeben, wenn ein Kompromiss ausgearbeitet worden ist.

Ein oft gehörter Vorwurf: Wikimedia, die Stiftung hinter der Wikipedia, beschäftigt weltweit lediglich 60 Leute. So wenige Arbeitskräfte für solch ein grosses Projekt – das ist unseriös.
Diese Leute sind bloss für die Finanzierung, die Öffentlichkeitsarbeit und die technischen Bereiche zuständig. Die Wikipedia hat keine bezahlte Redaktion. Die inhaltliche Kontrolle erfolgt durch Freiwillige. Dieses Modell ist ungewohnt, funktioniert aber gut.

Wie hoch ist die Qualität der Wikipedia im Vergleich mit einer «normalen» Enzyklopädie?
Bei prominenten Themen ist die Qualität vergleichbar; oft liegt die Wikipedia sogar vorne. Ihre grosse Stärke ist die Aktualität. Bei Nischenthemen ist die Qualität unterschiedlich. Die Artikel können sehr gut sein – etwa wenn sich ein Experte auf diesem Gebiet darum kümmert. Sie können aber auch schlecht oder unvollständig sein. Weniger gut kommt die Wikipedia bei der Verständlichkeit weg: Man merkt, dass hinter Print-Enzyklopädien professionelle Redaktionen stecken – Leute, deren Beruf es ist, möglichst verständlich zu schreiben.

In Schulen und an Universitäten wird heiss diskutiert, ob die Wikipedia als Quelle benutzt werden darf. Was meinen Sie?
Die Wikipedia muss gleich behandelt werden wie alle anderen Enzyklopädien. Als Sekundärquellen werden diese in der Wissenschaft meist nicht akzeptiert. Stattdessen zitiert man jene Arbeit, in der die jeweilige Information erstmals publiziert wurde. Trotzdem ist ein generelles Wikipedia-Zitierverbot falsch. Gefragt ist immer der gesunde Menschenverstand.

Lehrkräfte etwa an Gymnasien schlagen sich mit anderen Problemen herum: Weil Schüler statt eigener Arbeiten Plagiate aus der Wikipedia abgeben, verbieten sie die Nutzung.
Es ist wie früher beim Taschenrechner: Man kann Neues nicht verbieten. Fordert eine Lehrkraft die Schüler auf, Napoleons Russlandfeldzug zu beschreiben, kriegt sie garantiert viele mehr oder weniger angepasste Versionen des Wikipedia-Artikels.

Mit der Einführung des Taschenrechners mussten die Lehrer andere Aufgaben aushecken...
Genau gleich verhält es sich mit dem Internet und der Wikipedia: Man fordert die Schülerinnen und Schüler besser auf, sich in die Lage eines Schweizers zu versetzen, der am Russlandfeldzug teilgenommen hat. Die grundlegenden Infos sind einfach verfügbar – nun muss man etwas damit machen. Findet eine Lehrkraft in den Aufsätzen viele Plagiate, bedeutet dies vor allem eines: Der Auftrag war nicht zeitgemäss.

Neu erschienen: «Wikipedia clever nutzen – in Schule und Beruf» von Nando Stöcklin, Verlag Orell Füssli, Fr. 26.80. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.12.2010, 14:02 Uhr

Nando Stöcklin, ehrenamtlicher Wikipedia-Sprecher, arbeitet an der Pädagogischen Hochschule Bern. (Bild: zvg)

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