«Bleiben wir ihren Ideen treu!»

Das Internet sei in Gefahr, sagt Frédéric Donck, und die Ideen der Pioniere gingen vergessen. Dagegen kämpft er mit der Internet Society an – nun auch in der Schweiz.

Internetpioniere: Sie erfanden das Internet als ein offenes und frei zugängliches Netzwerk. Doch dieses sei nun in Gefahr, warnen viele von ihnen.

Internetpioniere: Sie erfanden das Internet als ein offenes und frei zugängliches Netzwerk. Doch dieses sei nun in Gefahr, warnen viele von ihnen.

(Bild: Mathias Born)

Mathias Born@thisss

Frédéric Donck, herzliche Gratulation zum 20.Geburtstag «Ihrer» Internet Society. Trotz des erstaunlich hohen Alters ist die Organisation kaum bekannt. Ist sie die Regierung des Internets? Frédéric Donck: Nein, die Internet Society ist keine Regierung. Da niemand das Internet besitzt, kann auch niemand alleine darüber bestimmen. Das Netz ist Gemeinwohl. Entsprechend muss es gemeinsam «regiert» werden – von Technikern, Politikern, Wissenschaftern, Firmen und der Zivilgesellschaft. Die Internet Society schafft den Raum dafür.

Meinen Sie mit Zivilgesellschaft die einzelnen Nutzer? Es ist falsch, wenn bloss Firmen oder Politiker bestimmen, wie das Internet weiterentwickelt werden soll. Die Internet Society setzt sich dafür ein, dass alle mitreden können. Ein Beispiel: Wir organisieren die Treffen der Internet Engineering Taskforce, bei denen technische Standards diskutiert werden. Wenn Sie wollen, können Sie teilnehmen. Heben Sie dort Ihre Hand, und geben Sie Ihr Votum ab. Welch grosser Unterschied etwa zur UNO, wo alles genau reglementiert ist!

Die Politik funktioniert anders. Unser Ansatz ist ungewöhnlich. Er ist aber zukunftsträchtig. Für viele Probleme findet man einzig in einer offenen und transparenten Diskussion eine Lösung.

Wenn Leute wie ich über technische Standards diskutierten, dürfte statt einer Fachdebatte lediglich ein Palaver entstehen. Das passiert kaum je. Es kommt vor, dass die Teilnehmer anderer Meinung sind. Das ist aber die Stärke des Multi-Stakeholder-Ansatzes: Man diskutiert, sucht Lösungen. Wichtig ist, dass alle in den Grundsätzen einig sind.

In welchen Grundsätzen? Das Internet muss eine offene, für alle zugängliche Plattform bleiben. Dies garantiert Innovation. Hätten Paypal, Facebook oder Google Bewilligungen für die Lancierung ihre Dienste anfordern müssen, wären sie nicht annähernd so weit wie heute.

Was hat die Internet Society in diesen 20 Jahren erreicht? Wir sind auf vieles stolz. Die Internet Society hat sich als Beraterin etabliert. Der Grund: Wir verkaufen nichts und sind ausschliesslich dem Wohl des Internets verpflichtet. Sehr aktiv waren wir mit der Kampagne etwa gegen die Acta-Verträge, die hinter verschlossenen Türen ausgehandelt worden sind und die die Freiheit im Internet gefährden. Und wir haben die Diskussion um staatliche Firewalls entfacht.

Trotzdem schotten sich Länder wie China mit Firewalls ab. Solche Bollwerke gibts nicht nur in totalitären Regimes, sondern auch in demokratischen Ländern. Oft wird versucht, damit die Verbreitung illegaler Inhalte zu unterdrücken. Die Verlockung, politisch nicht genehme Infos zu filtern, ist aber gross. Die Idee der Internetgründerväter war eine andere: Jedermann soll Zugang zu allen Informationen haben.

Einige Länder versuchen wirtschaftlich vom Internet zu profitieren und gleichzeitig dessen Möglichkeiten zur freien Meinungsäusserung einzuschränken. Kann das klappen? In diesen Ländern wird man bald einsehen: So funktioniert das nicht. Es wird immer schwieriger werden, die Kommunikation zu kontrollieren. Ausser man bildet Schutzwälle und behindert damit die wirtschaftliche Entwicklung.

Ist es Staaten möglich, sich im Notfall vom Netz abzuhängen? In Ägypten etwa wurde der Internetzugang im Zuge der Revolution gekappt. Das war schockierend. So etwas ist aber nur in bestimmten Fällen möglich. Das Internet ist bewusst so aufgebaut, dass niemand es kontrollieren geschweige denn abschalten kann. Und: Je besser ein Gebiet vernetzt ist, desto schwieriger wird die Kontrolle. Sogar in Syrien waren die Leute während der Revolution in der Lage, sich mit dem Internet zu verbinden.

Die Internet Society setzt sich für Netzneutralität ein. Was ist das? Ein Beispiel: Wenn der Telekomanbieter Sie zwingt, über sein Telefonnetz statt übers Internet zu telefonieren, ist dies eine Verletzung der Netzneutralität: Der Anbieter blockiert jenen Teil des Datenverkehrs, der ihm nicht passt. Beschweren Sie sich in solchen Fällen! Es darf nicht sein, dass eigene Daten bevorzugt behandelt oder jene von Konkurrenten ausgebremst werden. Das widerspricht der Idee hinter dem Internet: Alle Datenpakete müssen gleich behandelt und so rasch wie möglich übermittelt werden.

In vielen Fällen ist es aber nötig, Datenpakete zu priorisieren. Etwa bei der Internettelefonie. Es gibt Gründe dafür, den Datenstrom zu leiten. Dies muss aber auf eine fürs Gemeinwohl sinnvolle Weise geschehen. Zudem müssen die Anbieter deklarieren, was sie machen. Es darf nicht sein, dass sie – übertragen gesagt – heimlich Briefe öffnen und anhand des Inhalts entscheiden, ob und wie schnell sie sie zustellen.

Wie sieht die Digitalwelt beim 40.Geburtstag der Society aus? Klar ist, dass das Internet weiterwachsen wird – hierzulande vorab im mobilen Bereich. Damit wird es noch stärker unseren Alltag durchdringen. Wir haben unterschiedliche Szenarien diskutiert. Dabei wurde klar: Die weitere Entwicklung hängt stark von unseren jetzigen Weichenstellungen ab: Nehmen wir in Kauf, dass das Internet wegen der fehlenden Kompromissbereitschaft in Teilnetze zerfällt – als Beispiel: in ein Facebook- und in ein Apple-Ökosystem? Oder bleiben wir nicht doch besser den Ideen der Gründerväter treu, wonach das Internet für jedermann offen und zugänglich sein muss?

Zum 20.Geburtstag der Internet Society wurde ein Schweizer Ableger (neu) gegründet. Wer Mitglied werden will: www.isoc.ch.

Berner Zeitung

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