Druck dir aus, wovon du träumst

3-D-Drucker: Sie sollen bald Essen oder Gewebe und überhaupt fast alles, was man sich wünscht, ausdrucken können. Trendforscherin Karin Frick ist überzeugt, dass die Maschinen die Konsumwelt verändern werden.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Der Vorgang des Druckens verlässt das Papier und erobert gerade die dritte Dimension des Raums. Man muss sich das so vorstellen: Sogenannte 3-D-Drucker tragen aus Sprühdüsen Schicht um Schicht erhitzte Kunststoff- oder Metallgranulate auf und fertigen aufgrund eines digitalen Bauplans Objekte nach Wunsch. Noch muten die irren Geschichten über die Zaubergeräte allerdings wie Science-Fiction an.

Gedrucktes Astronautenessen

Glaubt man der 3-D-Gemeinde, dann entspringt die Lösung globaler Grossprobleme bald 3-D-Druckern. Wie bremst man die explodierende Fleischproduktion? Ganz einfach: Man fertigt mittels «Bioprinting» synthetisches Fleisch aus Zellflüssigkeit. Wie bleibt das Essen für die jahrelange Reise zum Mars haltbar? Man füttert einen Drucker mit Proteinen, Kohlehydraten oder Zucker und druckt daraus für die Astronauten Mahlzeiten aus.

Sind das Verrücktheiten? Nein. Die Firma SMRC arbeitet im Auftrag der Weltraumbehörde Nasa schon am «Universal-Food-Synthesizer» für Weltraumnahrung. Und die US-Biotechfirma Modern Meadow tüftelt an synthetischem Fleisch.

Als «Santa Claus Machine» feierte die US-Technologiezeitschrift «Wired» die 3-D-Drucker schon 1994: Es seien Maschinen, aus denen alles rauskomme, was man sich vom Nikolaus wünschen könne: Schmuck, Geschirr oder Spielzeug. Den 3-D-Trend auf dem Radar hat nun auch das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI), der von der Migros finanzierte Thinktank in RüschlikonZH. An der GDI-Handelstagung vom 12. September wird die holländische Firma «Shapeways» berichten, «wie der 3-D-Druck die Handelswelt umkrempelt». Spricht man die GDI-Trendforscherin Karin Frick auf die neue Technologie an, wird sie ganz aufgeregt: «Es gibt gute Gründe, 3-D-Printing ernstzunehmen.» Denn die neusten Drucker kosteten nur noch 1500 Franken und könnten schon 20 mal 20 mal 20 Zentimeter grosse Stücke aus unterschiedlichsten Materialien herstellen.

Was Lego fürchten muss

«3-D ist als Szenario enorm inspirierend», findet Frick. Vor uns stehe nichts weniger als eine Revolution. Sie blickt jetzt kühn in die Zukunft und skizziert, wie der 3-D-Druck die Welt der Produktion und des Konsums verändern könnte.

Erstens: Wir werden selber machen statt kaufen. Es könnte also eine neue Do-it-yourself-Ära anbrechen, in der aber kein Basteltalent gefragt sei wie beim Zusammenschrauben eines Ikea-Möbels, weil wir nach digitaler Vorlage zu Hause Objekte simpel ausdrucken. Der Konsument wird auch Produzent. In der Marketingsprache: Er werde vom «Consumer» zum «Prosumer», der sein Wunschobjekt selber entwerfe, fasst Frick zusammen.

Zweitens: Unternehmen wie Ikea oder Lego brauchen bald ein neues Geschäftsmodell, weil sie in Zukunft nicht mehr Fertigteile, sondern digitale Baupläne und in Säcklein abgefüllte Rohstoffe zum Ausdrucken an die «Prosumer» verkaufen werden.

Drittens werden deshalb die Lagerung und der globale Handel eingedämmt. Eine Reindustrialisierung steht uns laut Frick bevor. Was heisst das? Die Produktion von einfacheren Stücken mit Durchschnittsqualität komme zurück in die Städte, nach Europa, in die Schweiz, ja in die Privatwohnungen. Giganten der Massenproduktion wie China müssten sich dann etwas einfallen lassen und alte durch neue Jobs ersetzen, die auf den «Prosumer» ausgerichtet sind. Das normierte Massenprodukt, spinnt Frick ihren Gedanken weiter, könnte ersetzt werden durch das individuelle Einzelstück, hergestellt aufgrund eines selber verfertigten Bauplans.

Frick schliesst, etwas nachdenklich, mit Punkt vier: Urheberrechte und Marken kommen wohl unter Druck, weil sich Originalstücke im offenen Markt der digitalen Baupläne leicht kopieren und nach individuellem Bedarf abwandeln lassen.

Guru Neil Gershenfeld

«Eine neue digitale Revolution ist im Kommen, diesmal in der Fabrikation», schrieb Neil Gershenfeld im letzten November in der renommierten US-Zeitschrift «Foreign Affairs». Sein Artikel «Wie man fast alles herstellen kann» ist die Charta der 3-D-Bewegung. Gershenfeld ist ihr Pionier und Guru. Der ausgebildete Physiker leitet am Massachusetts Institute for Technology (MIT) das «Center for Bits and Atoms». 2002 hat der Grenzgänger zwischen digitaler Virtualität und physischer Herstellung am MIT das erste Fabrication Laboratory (Fablab) gegründet, in dem im Geist des Mitwirklexikons Wikipedia Baupläne und 3-D-Drucker frei zugänglich sind.

Am Anfang standen laut Gershenfeld schwere, stinkige, über 100'000 Franken teure 3-D-Industriedrucker. Durch die Vernetzung mit billigen Minicomputern wie dem italienischen Arduino entstanden dann erschwingliche Drucker fürs private Büro. «Industrielle Revolution 4.0» nennt Gershenfeld die digitale Fabrikation selbstbewusst. Ihr seien die Mechanisierung durch die Dampfmaschine, die Elektrifizierung sowie die Digitalisierung mit Computer und Handy vorausgegangen.

Die Do-it-yourself-Pistole

«Noch sind die Drucker für den Endkunden schwer zu bedienen», dämpft Ramun Berger, Gründer des Fablab in Bern, die Euphorie. 3-D sei derzeit vor allem «auf der Spitze des Hypes». Es stehe etwa dort, wo MP3 -Musikstücke vor der Schaffung des leicht zugänglichen iTunes-Online-Shops gewesen sei. Aber auch Berger glaubt: «Es ist eine Frage der Zeit, bis sich Lego oder Nespresso vor der 3-D-Bewegung fürchten müssen.»

Zum Fürchten ist 3-D schon heute. Denn es gebiert nicht nur Wunsch-, sondern auch Albträume. Eben ging die Story des US-Studenten Cody Wilson um die Welt. Anfang Mai feuerte der Waffennarr aus Texas erfolgreich Schüsse aus einer Kunststoffpistole ab, deren leicht zusammensetzbare Teile er mit einem 3-D-Drucker ausgedruckt hatte. Bevor das US-Ministerium für Innere Sicherheit die Verbreitung von Codys Waffenbauplan unterbinden konnte, wurde dieser im Internet tausendfach kopiert. Seither haben Menschen ohne Waffenschein die Kunststoffpistole zusammengebaut, getestet – und sogar an Metalldetektoren vorbeigeschmuggelt.

Auch wenn die 3-D-Revolution beängstigende Blüten treibt, aufhalten lässt sie sich nicht. Und sie kreiert hoffentlich mehr Gutes als Böses. GDI-Trendforscherin Karin Frick kann sich etwa vorstellen, dass 3-D-Drucker das Abfallproblem lösen, indem sie Produkte wieder in ihre Bestandteile zerlegen und daraus Neues kreieren. Ohne Strom kommen die Zaubermaschinen aber nicht aus.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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