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Die Masse am Drücker

Der Siegeszug der Camera-Phones definiert nicht nur die Art und Weise, wie wir fotografieren, völlig neu. Er bedroht vielmehr die Kamera-Industrie in ihrer Existenz.

Das Fotografieren ist uns heute so geläufig wie das Sehen selbst. Und welche Massen von Bildern die Amateurfotografie, vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu einst die «illegitime Kunst» genannt, produziert, dokumentiert mit erschlagender Evidenz das Internet, das bildmächtigste Medium, welches der Mensch erschaffen hat. Allein auf die Fotoplattform Flickr werden täglich 3,5 Millionen Amateurfotos hochgeladen, in einem Jahr also über eine Milliarde. Und Facebook vermeldete unlängst ein Gesamtinventar von 230 Milliarden Fotografien.

Das sind monströse Zahlen. Dermassen gross, dass man sich mitunter fragt, ob das Fotografieren das Sehen nicht schon abgelöst hat. Erkannte Bourdieu Mitte der 60er-Jahre in der Amateurfotografie noch ein Mittel zur «Weltabbildung» (Reisefotos, Familienbilder, Landschaftsaufnahmen), so zeigen die digitalen Bilder in den global-sozialen Netzwerken immer und immer wieder eines: den Fotografen selbst. Es sind Selfies, Selbstporträts, aufgenommen mit einer auf Armeslänge gehaltenen Kamera oder in einem Spiegel. Diese neue soziale Gebrauchsweise der Fotografie dokumentiert eine Abkehr von der Welt, sie hat letztlich weniger mit Sehen als mit Selbstbespiegelung zu tun.

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