Apple, der Vorzeige-Datenschützer?

So ein Debakel wie bei Facebook könnte Apple nicht passieren, hat Tim Cook behauptet. Doch auch Apples Ruf ist nicht untadelig.

Verdient nicht an Kundendaten: Tim Cook, Apple-Chef (links). Sein Angebot ist nicht nur für Reiche: Mark Zuckerberg, Facebook-Chef. Fotos: Bloomberg, Getty Images

Verdient nicht an Kundendaten: Tim Cook, Apple-Chef (links). Sein Angebot ist nicht nur für Reiche: Mark Zuckerberg, Facebook-Chef. Fotos: Bloomberg, Getty Images

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Wie gross war die Schadenfreude? Apple-Chef Tim Cook hatte vergangene Woche in einem Fernsehinterview auf die Frage zu antworten, wie er an Mark Zuckerbergs Stelle auf den Datenskandal reagiert hätte, der Facebook nicht zur Ruhe kommen lässt. «Ich wäre nicht an seiner Stelle», meinte Cook in seiner trockenen Art.

Ein Datenabfluss wie beim Fall Cambridge Analytica hätte ihm nicht passieren können. Denn Apple sieht sich seit längerem als letzte Bastion des Datenschutzes. Im Interview streicht Tim Cook ausführlich den Stellenwert für seinen Konzern und die Nutzer heraus: Privatsphäre sei ein Menschen- und ein Bürgerrecht. Er halte es für gruselig, wenn ihn Werbebanner quasi durchs Netz verfolgen. Und eben: Apple tue Solches nicht. «Wenn wir unsere Kunden monetarisieren würden, wenn der Kunde unser Produkt wäre, könnten wir Unsummen verdienen. Doch wir haben uns entschieden, das nicht zu tun.»

Mark Zuckerbergs Reaktion war prompt, und sie fiel geharnischt aus. In einem Podcast sagte er, die Behauptung sei nicht haltbar, dass Facebook sich nicht um die Nutzer kümmere, nur weil die Nutzer nichts für den Dienst bezahlen würden. In Anspielung auf Apples oft hochpreisige Produkte sagte Zuckerberg, Facebook wolle nicht bloss ein Dienst für die Reichen sein. Nicht jeder könne es sich leisten, für soziale Medien zu bezahlen; deswegen müsse ein globaler Dienst kostenlos sein. «Und darum ist ein auf Werbung basierendes Geschäftsmodell, wie es auch viele Medien haben, das einzig vernünftige Modell.»

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat Versäumnisse im Skandal um den Datenmissbrauch von bis zu 50 Millionen Nutzern eingeräumt. (Video: Reuters)

Doch es gibt auch die Leute, die Cook den weissen Ritter nicht abnehmen wollen. CNN weist anlässlich des aktuellen Hahnenkampfs der beiden Silicon-Valley-Chefs darauf hin, dass Apple 2010 selbst ein Werbenetzwerk auf die Beine gestellt hat: Mit iAd konnten Entwickler in ihren Apps personalisierte Anzeigen einbinden. Die Plattform, die ein persönliches Anliegen von Steve Jobs war, wurde vor zwei Jahren für Entwickler geschlossen – nicht aufgrund moralischer Bedenken, sondern weil sie nicht erfolgreich war.

Apple verwendet auch heute noch persönliche Daten wie Adresse, Alter, Konsumgewohnheiten und geografische Position für Werbung. Die App-Store-App und die (hierzulande nicht verfügbare) News-App zeigen personalisierte Banner an. Genauso wie Facebook und Google, nur in viel kleinerem Stil. In der Bilanz sind diese Einnahmen mutmasslich so wenig relevant, dass Tim Cooks Konzern problemlos darauf verzichten könnte.

Mehr als Lippenbekenntnisse

Aufseiten der Verteidiger findet sich der Kommentator von Fortune.com. Er attestiert echten, kontinuierlichen Einsatz für die Privatsphäre der Nutzer: Apple habe die Verschlüsselung von Anfang an in iMessage und die Videotelefonie-App Facetime eingebaut. Verschlüsselung gibt es auch beim Mac für alle Benutzerdaten. Der Zahlungsdienst Apple Pay schützt die Nutzer, indem nicht die Kreditkartennummer Verwendung findet, sondern einmalige Codes. Das schränkt den Kreis der Leute ein, die persönliche Details zu einer Transaktion erfahren: Es seien nur der Nutzer, der Händler und die Bank, verspricht Apple.

Und ja, Apple sammle auch Daten von den Geräten von Millionen Nutzern, räumt Fortune.com ein. Doch Apple nutzt eine Technik namens Differential Privacy, die sinnvolle Rückschlüsse zur Verbesserung von Produkten ermöglicht, aber ohne einzelne Nutzer identifizierbar zu machen. Zu diesem Zweck werden die einzelnen Datensätze mathematisch verschleiert. Auch diese Methode hat Kritiker, vor allem, weil die Apple-Datenexperten nicht im Detail aufzeigen, was sie eigentlich tun. «Wäre Apple transparenter, dann könnte das ein Gewinn für die Privatsphäre als Ganze sein», hat eine Sicherheitsexpertin in «Wired» konstatiert.

Ein Kritikpunkt sind seit je auch Apples lange und überaus langweilige Nutzungsbestimmungen für die Produkte und Dienste. Das vertragliche Dokument, dem die allermeisten Anwender des Multimediaprogramms iTunes bei jedem Update blind zustimmen, war zeitweise 56 Seiten lang. Dafür hatte die Serie «Southpark» 2011 nur bitterbösen Spott übrig. In der Folge «HumancentiPad» haben sich drei Kinder durch Ab­nicken der geänderten Klauseln unabsichtlich dazu bereit erklärt, zu einem menschlichen Tausendfüssler zusammengenäht zu werden.

Bei den Nutzungsbestimmungen der iCloud kritisiert Tosdr.org, dass Apple Daten löschen kann, die als anstössig ­taxiert werden – eine Klausel, die übrigens auch viele andere Clouddienste ­anwenden.

Apples Geschäftsmodell ist es, Hard- zu verkaufen und Software zu lizenzieren – deswegen glauben die meisten Nutzer dem Versprechen, dass es der Konzern nicht nötig hat, die Daten der Kunden an Dritte zu veräussern. Doch für die Präsenz in grossen Märkten ist Apple auch zu grossen Zugeständnissen bereit – mit unklaren Auswirkungen auf den Schutz der Privatsphäre.

Kein Schutz chinesischer User

Apple hat in den letzten Monaten die Daten der chinesischen iCloud-Nutzer in ein Rechenzentrum in Südwestchina verschoben, das von einem Internetdienstleister vor Ort betreut wird. Apple erklärt, dadurch sei man in der Lage, die lokalen Bestimmungen einzuhalten. «Das geltende Recht gibt den chinesischen Behörden quasi uneingeschränkten Zugriff auf diese Daten», kritisierte Amnesty International vor kurzem: «Internetnutzer riskieren Verhaftungen und Gefängnisstrafen, nur weil sie Dinge kommunizieren, die den Behörden nicht gefallen.» Es bleibe abzuwarten, ob Apple seinen Worten – «Privatsphäre ist ein Menschenrecht» – wirklich Taten folgen lässt, erklärte die Menschenrechtsorganisation. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 04.04.2018, 13:00 Uhr

Datensicherheit

Vertrauenswürdig oder zwielichtig?

Wie lässt sich einschätzen, wie sicher die Daten bei einem Cloudanbieter sind? Diese Tipps helfen bei der Beurteilung.

Nutzungsbestimmungen. Im Jahr 2017 haben sich 22'000 Nutzer des britischen Gratis-WLAN-Anbieters Purple dazu verpflichtet, Sozialstunden abzuleisten, WC zu putzen und Tiere zu ­herzen – weil sie die Nutzungsbestimmungen nicht gelesen und auch der (parodistisch gemeinten) Passage zugestimmt haben.

Beim Entdecken verborgener Fallen und fragwürdiger Regelungen will Tosdr.org helfen. Die Website streicht die wesentlichen Punkte in kurzen, klaren Sätzen heraus und vergibt Labels von «sehr gut» bis «sehr schlecht». Nachteile: Die Bewertungen sind nur auf Englisch verfügbar, und es gibt viele Dienste, die noch nicht beurteilt wurden.

Die Software EULAlyzer (Brightfort.com) analysiert die Bestimmungen von Windows-Programmen, indem sie nach verdächtigen Formulierungen sucht.

Geschäftsmodell. Wenn ein Unternehmen eine Dienstleistung kostenlos anbietet, dann gilt es abzuklären, wie es Geld verdienen will. Häufig sind Freemium-Modelle: Das Gratisbasisangebot ist im Funktionsumfang so eingeschränkt, dass es nur für sporadische Nutzung brauchbar ist. Es dient dazu, neue Kunden zu gewinnen und auf das kostenpflichtige Vollprodukt aufmerksam zu machen. Auch Werbung, Risikokapital, Spenden oder Sponsoring können glaubwürdige Finanzierungsmodelle sein, ebenso das Affiliate-Marketing. Bei dem verdient ein Dienst an Provisionen von Anbietern wie Amazon oder Apple. Wenn ein Anbieter nicht sagt, woher die Einnahmen kommen sollen, und grosse Neugierde an persönlichen Daten zeigt, ist Vorsicht angebracht.

Reputation. Für eine Einschätzung hilft oft Wikipedia weiter. Eine hervorragende Übersicht von Softwareprogrammen und Webdiensten – plus passenden Auswahlmöglichkeiten – findet sich auf Alternativeto.net. Anhand von Likes, Besprechungen und Kommentaren ist ersichtlich, was die Nutzer mögen und was ihnen missfällt. (schü.)

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