Selbst fahrendes Auto liefert erste Erkenntnisse

Seit neun Tagen ist das selbst fahrende Auto von Swisscom in Zürich unterwegs. Der blaue Riese will damit zeigen, wie wichtig neuartige digitale Netze in Zukunft sein werden.

Am Dienstag wurde in Zürich das erste selbstfahrende Auto vorgeführt. Video: Jon Mettler
Jon Mettler@jonmettler

Noch bis Donnerstag lässt die Swisscom ihr selbst fahrendes Auto durch Zürich navigieren. Auf den ersten Blick sieht der Wagen aus wie ein normaler VW Passat. Erst auf den zweiten Blick fällt der Laserscanner auf dem Dach auf. Das Gerät sieht aus wie ein riesiger Ventilator. Der Laser erfasst zusammen mit einem Radar und Kameras die Umgebung. Ein Computer im Auto analysiert die Daten, erkennt Fahrsituationen und gibt Fahrbefehle. Es fahren aber Spezialisten im Auto mit, die jederzeit eingreifen können.

Die Swisscom führt die Tests in Zusammenarbeit mit Autonomos Labs der Freien Universität Berlin sowie dem Verkehrsdepartement durch. «Keine Angst, die Swisscom wird nicht zum Autohersteller», sagt Christian Petit, Leiter Firmenkunden. «Uns geht es vielmehr darum, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie die Mobilität der Zukunft aussehen könnte.»

Digitale Karten zu ungenau

Eine Aussage lässt sich jetzt schon machen: Es ist noch ein langer Weg, bis Autos auf unseren Strassen völlig autonom fahren werden. Die ersten Auswertungen der Testfahrten, die seit dem 4.Mai 2015 laufen, zeigen nämlich: Die besten digitalen Karten sind noch zu ungenau, um das Auto zu navigieren. Zudem ist die Erfassung der Verkehrsumgebung fehleranfällig. «Das Auto hat wehendes Gras entlang der Strassen als festen Gegenstand interpretiert und wollte ausweichen», sagt Robert Gebel, Leiter Solution Center Business Development bei Swisscom.

Das Interesse des blauen Riesen für die Mobilität der Zukunft kommt nicht von ungefähr. Der traditionelle Telekommunikationsmarkt in der Schweiz stagniert. Also hält die Swisscom Ausschau nach neuen Geschäftsfeldern. Die Vernetzung von Fahrzeugen, Menschen und Gegenständen über die Telecominfrastruktur könnte einen solchen Geschäftsbereich darstellen.

Derzeit testet die Swisscom in Zürich und Genf ein neues Netz für das sogenannte Internet der Dinge, über das Alltagsgegenstände bei kleinem Energieverbrauch kommunizieren. Dank des Internets der Dinge wird ein selbst fahrendes Fahrzeug künftig bereits vor der Ankunft wissen, welche Parkplätze frei sind, und diese gezielt ansteuern.

Den Vorwurf, dass sich ausgerechnet die Swisscom als staatsnahe Firma mit der Privatwirtschaft im Technologiesektor einen Wettbewerb liefere, lässt Geschäftskundenleiter Christian Petit nicht gelten: «Jede andere Firma war frei, ein selbst fahrendes Auto mitzuentwickeln.» Wohl um die Kritiker zu besänftigen, macht die Swisscom Zugeständnisse: Petit kündigt an, die gewonnenen Daten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nur bei den Investitionen für das Projekt schweigt er sich aus.

Was die Marktreife von selbst fahrenden Autos betrifft, so gehen Experten von einem langfristigen Zeithorizont aus. Autonomos-Chef Tinosch Ganjineh rechnet damit, dass es zehn bis fünfzehn Jahre dauern dürfte, bis Fahrzeuge völlig autonom ohne Sicherheitsfahrer im Innenstadtverkehr fahren.

Einsatz in der Firmenflotte

Die Swisscom prognostiziert ebenfalls eine Dauer von zehn Jahren, bis aus autonomen Autos in der Schweiz ein Massengeschäft wird. Für ein Geschäftsmodell sei es noch zu früh, sagt Petit: «Wir überlegen uns aber, solche Wagen in ein paar Jahren in unsere Fahrzeugflotte aufzunehmen.» Mitarbeiter könnten so bequem zwischen weit auseinanderliegenden Firmengebäuden pendeln.

Berner Zeitung

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