I wanna be a Maker

Ob Storen­steuerung, Internetradio, Roboter oder Wetterstation: Manche Leute bauen alles selber und einige sind überzeugt, dass sie damit nichts weniger als die nächste industrielle Revolution auslösen.

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Mathias Born@thisss

Auf dem Trottoir steht ein Abfallsack. Schon wieder! Noch immer kapieren einige Anwohner nicht, dass das Ghüderauto statt am Mittag nun schon am frühen Morgen hier haltmacht. Und dies, obwohl die Stadt mehrfach auf Flugblättern auf den neuen Abfuhrplan hingewiesen hat.

Ich hoffe, dass die Abfallsünder nicht aus unserem Haus stammen. Denn meines Hauswarts­ämtli wegen fühle ich mich ­irgendwie mitverantwortlich. Was tun? Ein Aushang im Treppenhaus wirkt pedantisch und bringt wenig, sinniere ich. Verspielter und praktischer wäre eine Abfallampel. Grün signalisiert: Jetzt darf der Sack aufs Trottoir gestellt werden.

Eines späten Abends bestelle ich die Bauteile für eine solche Abfallampel: Darin soll ein «Trinket» von Adafruit werkeln – ein mit 10 Franken besonders günstiger Mikrocontroller, der sich mit der verhältnismässig einfach zu erlernenden Arduino-Programmiersprache steuern lässt. Als Anzeige wird ein kleines, mehrfarbiges LED-Lämpchen eingesetzt.

Voller Elan mache ich mich an die Arbeit. Eine solche Abfallampel scheint ein ideales Miniprojekt für mich zu sein. Es ist simpel – beziehungsweise gerade richtig, um Löt- und Programmiererfahrungen zu sammeln und sich erstmals als Maker zu behaupten.

Heimwerker unter Strom

Maker: So nennen sich die digitalen Heimwerker. Aus Mikroprozessoren, Sensoren und allerhand Elektronik bauen sie sich ihre eigenen Geräte, und mit dem 3-D-Drucker und computergesteuerten Fräsen fertigen sie fehlende Teile. Einige Maker tüfteln an Wetterstationen. Andere bauen selbst fahrende Spielzeugautos oder Roboter. Weitere steuern in ihrem Haus die Storen, das Garagentor oder das Licht.

Klar könnte man für einige dieser Aufgaben fertige Produkte kaufen. Aber nicht für alle. Und nicht genau für den jeweiligen Einzelfall. Deshalb bauen Maker ihre Apparate lieber selber aus Komponenten zusammen. Besonders gross ist jeweils die Freude, wenn der Eigenbau günstiger und effizienter ist als das kommerzielle Pendant. Der grosse Vorteil beim Selberbauen: Maker wissen genau, wie ihr Gerät funktioniert. Entsprechend können sie problemlos reparieren oder optimieren. Und das ist oft nötig.

Dabei werkeln Maker keineswegs nur im stillen Kämmerlein. Viele dokumentieren online fein säuberlich, was sie wie gemacht haben. Stehen sie irgendwo an, helfen sie sich gegenseitig auf die Sprünge. Einige besuchen ab und an sogenannte Fab­labs – nicht bloss, um Geräte vom Lötkolben über 3-D-Drucker bis zu computergesteuerten Fräsen zu nutzen, sondern auch, um Gleichgesinnte zu treffen, mit denen sich trefflich fachsimpeln lässt.

Die Maker-Bewegung ist in den letzten Jahren rapide gewachsen. Ein Grund dafür ist, dass die Bauteile günstig geworden sind und sich – dank Plattformen wie Arduino – einfacher als früher ansteuern lassen. Mittlerweile gibt es Hersteller von Komponenten, die fast ausschliesslich an Maker verkaufen. Magazine wie «Make:» sind entstanden, die ausgewählte Projekte vorstellen. Regelmässig finden auch Messen statt. Dort ist stets ein Hauch von Goldgräberstimmung auszumachen – eine ähnliche Atmosphäre wie damals, als Tüftler wie die Apple-Gründer Steve Wozniak und Steve Jobs in Vorortgaragen des wirtschaftlich noch unbedeutenden Silicon Valley erste Personal Computer zusammenlöteten.

Eine industrielle Revolution

Die Euphorie hat ihre Gründe. Nichts weniger als die «dritte industrielle Revolution» sei im Gange. Das schreibt der US-Soziologe und Publizist Jeremy Rifkin. Dem pflichtet Chris Anderson bei, der mit seinem Buch «Maker» zum Vordenker der Bewegung avanciert ist. Sein Grossvater noch habe für seine Erfindungen Industriepartner suchen müssen und sei dabei allzu oft gescheitert. Heute hingegen könnten Tüftler problemlos selber zu Unternehmern werden. Die Kontrolle über die Produktionsmittel liege nicht mehr bei einigen wenigen Fabrikanten. «Jeder kann per Mausklick ganze Fabriken in Betrieb setzen.» Und dank Crowdfunding sind neue Möglichkeiten zur Finanzierung entstanden. Zugespitzt gesagt: Schwachstrombastler krempeln kurzerhand die Wirtschaft um.

Die US-Verwaltung sieht das ähnlich. Deshalb werden in einem Förderprogramm Schulen mit «Maker Spaces» ausgestattet. Barack Obama liess im vorletzten Sommer sogar ein Tüftlertreffen im Weissen Haus organisieren, einen sogenannten «Maker ­Faire», und rief letztes Jahr eine «nationale Macherwoche» aus. Sein Credo: Die USA seien eine «Nation der Macher».

Lange Arbeit an der Ampel

Wer will da nicht mitmischen? Zum Einstieg kommt für mich ein einfaches Projekt recht. Wobei: Ganz so simpel ist die Arbeit an der Abfallampel für einen Laien dann doch nicht. Immer und immer wieder stellen sich Probleme. So lässt sich die Miniplatine nicht auf Anhieb vom Computer der Wahl aus programmieren. Dann merke ich: Sie kann sich die Zeit nicht merken. Bis die in einer chinesischen Freihandelszone für einen Spottbetrag bestellte Echtzeituhr eintrifft, vergeht viel Zeit. Dann wartet die nächste Herausforderung: Der Miniplatine fehlt eine serielle Schnittstelle, um bequem die Zeit einzustellen. Und: Liefern die PINs genügend Strom fürs Lämpchen? Schliesslich ist das Programmieren komplizierter als erträumt. Nach einigen Abenden erfolglosem Pröbeln verschwinden die Komponenten in der Bastelkiste. Es fehlt mir derzeit an der Zeit und am Elan.

Monate später kommt der Raspberry Pi Zero auf den Markt. Diese Platine, die in der Schweiz für 15 Franken zu haben ist, ist eher ein normaler Computer denn eine Schaltplatine wie der Arduino (beziehungsweise neu Genuino). Ich wage einen zweiten Anlauf. Plötzlich passt alles zusammen: Das Lämpchen lässt sich schalten. Die Echtzeituhr läuft. Selbst ein billiger Bewegungssensor, den ich irgendwann mal bestellt habe, lässt sich anbinden. Rasch werden einige zusammen kopierte Skripte miteinander verhängt. Nach wenigen Stunden funktioniert, woran ich mir Abende lang die Zähne ausgebissen hatte. Die Lösung mag zwar nicht elegant sein. Das Gerät tut aber, was es soll. Ein Knackpunkt ist der Stromverbrauch: Im Treppenhaus gibts keine Steckdose. Der eingesetzte Akku aber ist bereits nach einem Tag leer. Also vielleicht doch zurück zum energieeffizienteren Trinket?

Irgendwann wird dann noch ein Gehäuse konstruiert und gedruckt. Dann endlich montiere ich die Abfallampel im Treppenhaus; über ein Jahr nach den ersten Versuchen. Dumm nur, dass mittlerweile jedermann im Gebäude kapiert hat, wann das Ghüderauto kommt.

Berner Zeitung

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