Einsamer Rufer in der Wüste

Richard Stallman ist die wichtigste und einflussreichste Persönlichkeit in der Geschichte der freien Computersoftware. Das Interview mit dem scharfzüngigen Querkopf droht indes bereits bei der ersten Frage zu scheitern.

«Wir müssen das Ausmass der Überwachung verkleinern», sagt Richard Stallman. «Es soll wieder unter dem Niveau der Spitzelei in der ehemaligen Sowjetunion zu liegen kommen.»

«Wir müssen das Ausmass der Überwachung verkleinern», sagt Richard Stallman. «Es soll wieder unter dem Niveau der Spitzelei in der ehemaligen Sowjetunion zu liegen kommen.»

Der Organisator atmet sichtbar auf, als ­Richard Stallman tatsächlich zum Pressetermin erscheint. Bevor sich Stallman, Gründer und Vordenker der Bewegung für freie Software, den Fragen stellt, sagt er: «Es wird heiss hier drin.» Und er zieht die Schuhe aus. Dann insistiert er auf die versprochene Teeversorgung. «Bringt bitte keinen mit Früchten. Zitronen ruinieren den besten Tee.» Schliesslich kann das Interview beginnen. Doch fast hätte es mit der ersten Frage wieder geendet.

Richard Stallman, wir möchten dieses Gespräch auf einem proprietären Smartphone aufzeichnen – mit einer kommerziellen, unfreien App, deren Code nicht mal Open Source ist. Ist das o. k.?
Stopp! Verwenden Sie diesen Begriff nicht. Haben Sie nicht versprochen, in diesem Gespräch nie «Open Source» zu sagen? Und jetzt tun Sies im ersten Satz! Ich arbeite nicht mit Journalisten zusammen, die mich mit Open Source in Verbindung bringen.

Das war nicht beabsichtigt. Gerne möchten wir aber den Unterschied zwischen freier Software und Open Source klären.
Das hingegen können wir gerne tun. Um den Unterschied zu verstehen, müssen Sie aber zuerst einige Hintergründe kennen.

Nun setzt Richard Stallman zu einem geschichtlichen Exkurs an: Zu Beginn der 1980er-Jahre arbeitete er als Programmierer am Massachusetts Institute of Technology in Boston. In seiner akademischen Hackergemeinde wurden Programmcodes oft miteinander geteilt. Doch mit der Einführung eines neuen Grosscomputers änderten sich die Regeln. Fortan war es streng verboten, Anpassungen am Betriebssystem vorzunehmen, geschweige denn dieses weiterzugeben. Stallman begann sich gegen die Auflagen zu wehren. Er gründete eine Bewegung, die sich für freie Software einsetzt, und formulierte deren vier Forderungen: Die Nutzer eines Programms dürfen dieses nach Belieben ausführen. Sie dürfen es untersuchen und anpassen. Zudem dürfen sie es kopieren und weitergeben. Und auch ihre Anpassungen dürfen sie mit anderen Leuten teilen.

Wenig später begann Stallman mit den Arbeiten an einem komplett freien Betriebssystem namens Gnu. Einzelne Teile machten rasch Fortschritte. Trotzdem kam die Bewegung kaum vom Fleck. Auch, weil sich die einstige Gemeinschaft immer stärker zerstritt. In den späten 1990er-Jahren eskalierte der Konflikt zwischen der Gruppe um Stallman, die sich vehement für ihre Prinzipien einsetzte, und jenen Leuten, die der gemeinschaftlichen Softwareentwicklung rasch zum breiten Durchbruch verhelfen wollten. 1998 spaltete sich die zweite Gruppe ab. Die Dissidenten verwendeten fortan den Begriff Open Source. Sie betonten stärker die Vorteile der freien Quellcodes als die ethischen Fragen. Stallman liessen sie aussen vor, da sie ihn wegen seiner kantigen Art und seinen fundamentalistischen Einstellungen für ihr Vorhaben für hinderlich hielten.

Ausschnitt aus dem Interview: Richard Stallman erklärt den Unterschied zwischen Free Software und Open Source.

Hand aufs Herz: Die Unterschiede zwischen den Anhängern freier Software und den Open-Source-Leuten sind eigentlich gering.
Das stimmt nicht. Open Source ist der Totengräber unserer Ideale. Uns geht es um die Freiheit der Nutzer. Die Open-Source-Leute hingegen sagen nur: «Manchmal ist Programmieren einfacher, wenn der Code frei verfügbar ist.» Für sie ist es in Ordnung, wenn andere Software proprietär ist. Diese Leute haben keine Prinzipien. Einige feinden unsere Ideen sogar an. Das Hauptproblem ist: Die Stimme der Open-Source-Leute ist dominant geworden. In der Folge werden deren Ideen auf uns übertragen. Deshalb sage ich es klipp und klar: Ich habe mit diesen Leuten nichts am Hut.

Sehen Sie keine Möglichkeit, dass sich die Lager wieder finden könnten – um geeint gegen die übermächtige proprietäre Konkurrenz antreten zu können? Nein, das wird nie möglich sein. Zwar wurde ich von einigen Open-Source-Exponenten schon gebeten, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Das war nichts als eine schlaue Art zu sagen: «Lass das mit der Freiheit sein.» Da kann ich nicht mitspielen.

Treffen Sie sich ab und zu mit Open-Source-Exponenten zum Abendessen – etwa mit Mitchell Baker von Mozilla, dem Ubuntu-Mäzen Mark Shuttleworth oder Linux-Entwickler Linus Torvalds?
Nein, ich habe Baker und Shuttleworth nie getroffen. Und Linus Torvalds war mir gegenüber von Anfang an feindselig eingestellt – warum, weiss ich nicht. Er war nie ein wahrer Verfechter von freier Software. Er hat bloss ein nützliches Programm geschrieben, um die letzte Lücke in unserem Gnu-Betriebssystem zu füllen.

Die meisten Leute sehen es umgekehrt: Das System heisst ­Linux. Dieses wird durch Tools aus Ihrem Gnu-Projekt ergänzt.
All diese Leute sind schlecht informiert. Linux ist lediglich der Kern des Betriebssystems. Weitaus mehr Arbeit steckt in den übrigen Komponenten. Viele davon stammen aus dem Gnu-Projekt. Deshalb bestehe ich darauf, dass das Betriebssystem Gnu heisst – oder von mir aus Gnu/Linux.

Sie selber nutzen Windows oder das Mac OS nur in Ausnahmefällen. Auf der Website Ihrer Organisation raten Sie aber sogar von einigen Linux-Distributionen ab.
Es gibt kein Linux! Es gibt bloss Gnu/Linux. Wenn Sie das System Linux nennen, geben Sie all die Lorbeeren jenen Leuten, die später angefangen und nicht annähernd so viel getan haben wie wir. Beginnen Sie nochmals!

O. k. Sie raten von einigen verbreiteten Gnu/Linux­Zusammenstellungen ab. Weshalb?
Diese Distributionen enthalten nicht freie Programme. Schauen Sie sich Ubuntu an: Darin steckt viel proprietärer Code. Der Hersteller Canonical nennt zudem proprietäre kostenlose Applikationen, die sich installieren lassen, «free». Das ist unverzeihlich. Frei steht für Freiheit – nicht für gratis. Daneben spioniert Ubuntu die Nutzer auch noch aus. Auf unserer Website listen wir auch empfehlenswerte Distributionen auf. Bei diesen haben sich die Verantwortlichen verpflichtet, ausschliesslich freie Software zu verwenden und sich an unsere ethischen Standards zu halten.

Dabei handelt es sich um unbekannte Nischenprodukte mit Ecken und Kanten. Ehrlich gesagt: Wir benutzen oft Ubuntu – weil es problemlos funktioniert und optisch ansprechend ist.
Ubuntu ist natürlich viel besser als Windows oder das Mac OS. Sie haben den grössten Abschnitt auf dem Weg zur Freiheit gemeistert. Nehmen Sie auch noch den letzten Abschnitt unter die Füsse!

Auf welche Software setzen Sie in Ihrer täglichen Arbeit?
Ich benutze eine der Gnu/Linux-Distributionen, die wir empfehlen. Darin verwende ich meistens meinen programmierbaren Texteditor Emacs. Damit kann ich fast alle Arbeiten ­erledigen.

Welches Handy benutzen Sie?
Ich besitze keines. Wenn ich jemanden dringend sprechen muss, frage ich: Wer könnte für mich anrufen? Bis jetzt hat immer jemand ausgeholfen. Damit mache ich es Big Brother schwerer: Er weiss nicht ständig, wo ich bin und was ich tue. Es ist alarmierend: Smartphones können in Wanzen verwandelt werden. Die Geräte lassen sich zudem stets lokalisieren. Da die zentrale Software proprietär ist, hat man keine Chance, Spionageangriffe zu entdecken. Wenn Sie mir ein Smartphone schenken, lasse ich es sofort fallen.

Auch darum schenke ich Ihnen keines. Von der Uhr über Storen bis zu Ampeln wird derzeit alles vernetzt. Was halten Sie vom Internet der Dinge?
Das ist das Internet der Spione und Vermarkter. Die meisten dieser Geräte sammeln Daten, die für Werbezwecke missbraucht werden. Oder noch schlimmer: Mit den Geräten können die Nutzer überwacht werden. Nicht nur die Geheimdienste sind daran interessiert, sondern auch Unternehmen wie Versicherungen. Dabei geht es eigentlich niemanden etwas an, worüber Sie zu Hause diskutieren, wie viele Schritte Sie zurücklegen, wann Sie Sex haben. Wenn Sie ein solches Gerät zu Hause haben, rate ich Ihnen: Brechen Sie ihm die Antennen ab!

Auch, wenn auf dem vernetzten Gerät freie Software läuft?
Einzig in diesem Fall könnte das Gerät akzeptabel sein. Es gibt aber kaum Geräte, bei denen kein proprietärer Code genutzt wird.

Ausschnitt aus dem Interview: Richard Stallman zur Überwachung durch den Geheimdienst – und wie er sich dagegen wehrt.

Wir wissen seit langem, dass einige Unternehmen sehr viele Daten sammeln. Wie überrascht waren Sie aber über die Enthüllungen von Edward Snowden?
Ich war schockiert, dass der US-Geheimdienst in diesem Ausmass Menschen überwacht. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Snowden ist ein Held. Ich bin ihm dankbar für seine Arbeit. Das Volk muss den Staat kontrollieren. Das kann es aber nur, wenn es über alle wichtigen Infos verfügt. Es geht nicht an, dass ein moderner Staat alle Menschen observiert. Das ist der Tod der Demokratie. Wir müssen das Ausmass der Überwachung verkleinern. Es soll wieder unter dem Niveau der Spitzelei in der ehemaligen Sowjetunion zu liegen kommen.

Was haben Sie nach Snowdens Enthüllungen geändert?
Ich bin vorsichtiger geworden. So übernachte ich möglichst nicht in Hotels, da viele von ihnen Details in eine Datenbank einspeisen, die ausspioniert wird. Und ich bezahle stets mit Bargeld. Ich muss weder dem Geheimdienst verraten, wo ich was gekauft habe, noch dem Verkäufer meinen Namen zustecken. Und bei öffentlichen Verkehrsmitteln ziehe ich unpersönliche Billette vor.

Sie raten, den vernetzten Geräten die Antennen zu kappen, würden ein Smartphones fallen lassen und verzichten aufs digitale Bezahlen. Kurz: Sie sträuben sich gegen viele Innovationen.
Ich wehre mich lediglich gegen falsch konzipierte Geräte und Dienste. All die erwähnten Produkte beschneiden unsere persönliche Freiheit. Deshalb kommen sie mir nicht ins Haus.

Ausschnitt aus dem Interview: Richard Stallman erklärt, weshalb er nie ein Geschäftsmann werden wollte.

Anfangs der 1980er Jahren waren Sie ein sehr produktiver Programmierer. Viel von ihrem Code wird bis heute verwendet. Im Jahr 1992 hörten Sie mit dem Programmieren auf. Warum?
Ich habe mich unfreiwillig selbst ins Management befördert. Ich hatte gemerkt, dass ich nicht zugleich Programme schreiben und die Stiftung für Freie Software weiterbringen kann. Beim Programmieren hätte ich nicht mehr viel beisteuern konnte. Ich entschied ich mich für die wichtigere Aufgabe: den Kampf für die Freiheit in der digitalen Welt.

Auch wenn Sie nicht mehr programmieren: Nutzen Sie die von Ihnen propagierte Freiheit – und durchkämmen Software-Code nach bösartigen Funktionen?
Nein, denn es gibt genügend andere Leute, die sich darum kümmern. Zwar ist es möglich, dass jemand schädliche Funktionen in eine freie Software einschleust. Diese wird aber von der Gemeinschaft meist rasch entdeckt. Wer aber proprietäre Software benutzt, ist wehrlos gegen Malware.

Richard Stallman hielt ein Referat an der Universität Bern. Mehr Infos: ­digitale-nachhaltigkeit.unibe.ch.

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